Jeder kennt die Werbung der Bahn. Da fahren spießig-nette, adrette Familien mit der Bahn. In schönsten, und nicht ganz so vollen Zügen genießen sie ihre Fahrt in vollen Zügen. Die Schaffner sind freundlich und gutgelaunt, hilfsbereit.
Die Werbung will uns glauben machen, was keiner dort draussen an den Bahnsteigen und Sitzkanten mehr erlebt.
Denn die Realität sieht anders aus, wie wir alle wissen. Hier meine Bahnfahrterkenntnisse von vor knapp 10 Tagen nach Berlin:
- Von Reisenden lerne ich, daß man für jeden Zug, den man benutzt, den Ausfall desselben einplant, und deshalb einen Zug früher wählt.
Die einzuplanende Gesamtverspätung wächst exponentiell mit der originären Länge der Fahrt.
- Der ICE kommt 5min später als im Fahrplane verzeichnet, so die Durchsage der Bahn. Diese Durchsage selbst kommt mit 5min Verspätung. Macht 10min!
- Die 1.Klasse wartet in Düsseldorf in Regen und Sturm - warum auch immer. In Berlin hat man wenigstens die Ausrede, daß der Bahnhof nicht rechtzeitig fertiggeworden wäre, hätte man die Wartenden der 1. Klasse auch noch be- und überdacht. Alle Wetter. Die Bahn.
- Nein, die Wagen halten natürlich nicht dort, wo sie per Durchsage angekündigt werden. Sie halten entsprechend des Wagenstandsanzeigers, dem man zuerst geglaubt hatte (und dann - der Ansage folgend - an die andere Position gehetzt war). Nun also wieder zurück. Frühsport.
- 'Nen Fahrplan? Nö, heute keinen jekrischt. Lapidar wird man da abgefertigt. Was fragt der Schnösel aus der 1. Klasse auch so blöd. Fährt wohl nicht oft mit uns. Nein. Und nein, die Dame hat keine Ähnlichkeit mit der Werbung.
- Zumindest ist das Publikum besser gebildet: der 8-Jährige liest keine Comics, sondern bittet seine Schwester, ihm das "erste Heft aus der Reihe Berichterstattung über den II. Weltkrieg" zu geben.
- Und: Nein, auch in der 1.Klasse der Bahn findet der Manager seinen Platz nicht ohne fremde Hilfe.
- Oh, danke, ich habe gerade erst gefrühstückt, sagt die alte Dame zur Fahrkartenkontrolle. Die ist nicht amüsiert. Im Spot hätte sie herzlich gelacht. Hier ist sie Schaffnerin und nicht die Saftschubse der Bahn.
- Bordfernsehen? Na klar! Cool, wie in der Werbung. Wir lehnen uns zurück und wollen innen genießen solange es draußen gießt.
Bordfernsehen? Kaputt. Bestimmt aufgrund einer 'technischen Störung'.
- Kaputt ist auch die Preisbildung der Bahn: Kaffee 2Euro90??? Gehen davon 2Euro an Griechenland? Ganze 2 Tassen werden davon in unserem Wagen verkauft während der stundenlangen Fahrt von Düsseldorf nach Berlin. 3Euro für ein Wasser, das am Bahnhof 55Cent kostet!
- Auch in der 1. Klasse ist das Englisch übrigens höchstens 3.klassig!
- Spätestens auf der Toilette merkt man schließlich, daß selbst ein Mittelstreckenflugzeug ruhiger in der Luft liegt als ein ICE auf Schienen - nicht nur das eine peinliche Performance der Bahn.
Statt milliardenschwerer Bahnhöfe sollte man Millionen Reisenden die Reise erleichtern.
Statt Millionen in Werbelügen zu stecken, sollte man das Geld in die Realität investieren. Die Werbung könnte dann vom positiven Word of Mouth übernommen werden.
Was würde ich für eine Agentur geben, die sich in Produkt- und Servicequalität ihres Auftraggebers einmischt!?