(Anmerkung: Diesen Text-Entwurf schrieb ich am Wochenende des 01. November, wollte ihn dann aber nicht veröffentlichen, weil er mir zu banal im Zusammenhang mit einem Selbstmord vorkam.
Heute scheint sich die Situation gedreht zu haben, wie sich hier ("Der Selbstmord des schülerVZ-Hackers Matthias L. bringt das betroffene Unternehmen und die Justiz in Erklärungsnot") hier ("Selbstmord nach SchülerVZ-Datenklau: VZnet in Erklärungsnot") und hier ("VZnet: Kooperation oder Krieg?") zeigt.)
01. November:
SchülerVZ veröffentlicht im VZblog eine Pressemitteilung(!?) zum Selbstmord eines 20-Jährigen, der verdächtigt wird, schülerVZ erpresst zu haben. Die wenigen Sätzen im Blog zeigen, daß schülerVZ weder die Nachricht verarbeitet hat noch damit umgehen kann. Gerade jetzt aber wäre es sehr wichtig, wohlüberlegt Vorbild für alle Mitglieder der Community zu sein.
1 - Die Überschrift der Verlautbarung: "Heute erreicht uns die folgende traurige Nachricht".
Ist das die Nachricht? Daß schülerVZ eine Nachricht erreichte? Oder ist nicht die schreckliche Tat selbst die Nachricht? Vielleicht wäre es ausdrucksstärker gewesen, "Wir trauern mit ..." als Überschrift zu wählen, um den richtigen Einstieg zu finden.
2 - "Der Tatverdächtige, der versucht hatte von uns 80.000 Euro zu erpressen, hat sich in der JVA Plötzensee das Leben genommen."
Was denn nun? Nur 'Tatverdächtiger' oder doch "der versucht hatte von uns 80.000 Euro zu erpressen"? Ich liebe diese Vorverurteilungen - vor allem in Beileidsbekundungen.
Ein Satz mehr der Erklärung wäre hier, denke ich, nicht zuviel verlangt gewesen. Aber:
3 - "Wir kennen keine Hintergründe und bedauern diese Entwicklung zutiefst. Allen Angehörigen sprechen wir unser Beileid aus."
Entwicklung? Unser Beileid? Nichteinmal 'unser tiefempfundenes Beileid'? Was ist da los? Der Selbstmord eines 20-Jährigen ist für schülerVZ eine Entwicklung? Tatsächlich:
4 - "Alle Presseanfragen zu dieser Entwicklung laufen in diesem Fall über die Senatsverwaltung für Justiz, Herrn Bernhard Schodrowski."
Wirklich schade, wie weit schülerVZ von seinen Schülern, Mitgliedern, Fans, Schutzbefohlenen gar, emotional und empathisch entfernt ist. Es sind eben nur Produkte, deren Daten irgendwann mal zu Geld gemacht werden, oder?
5 - "Wir bitten um Verständnis, dass wir die Kommentarfunktion zu diesem Eintrag deaktiviert haben, um jeglichen Spekulationen zu Ursachen und Hintergründen - die uns nicht bekannt sind - ebenso keinen Platz einzuräumen wie Beleidigungen und Verleumdungen."
Zum zweiten Male nun (nach 3.) sind schülerVZ die 'Hintergründe nicht bekannt'. Mir eindeutig zu oft genannt, zu wichtig scheint es, daß das rüberkommt.
Welche "Beleidigungen und Verleumdungen"? Sind schülerVZ-Member so unflätig, daß sie einen Toten verleumden und beleidigen würden?
Warum kann schülerVZ dann nicht mit Vorbild vorangehen und die ganze Meldung menschlicher, gefühlvoller, pietätvoller formulieren? Kann man nicht erklären, daß es hier nichts zu beleidigen und verleumden gibt?
Irgendeine Grundstimmung zu unterdrücken, hilft weder der Trauerarbeit noch denen, die der Meinung sind, schülerVZ hätte Mitschuld am Tode des 20-Jährigen - denn was sonst soll schülerVZ hier an 'Verleumdung' und 'Beleidigung' fürchten?
6 - "Fragen oder Kommentare können jederzeit an hilfe@studivz.net gerichtet werden."
Wer sollte jetzt noch 'Fragen oder Kommentare' haben? Ich jedenfalls nicht. Diese ganze Verlautbarung ist für mich ein Schlag in das Gesicht von Social Media!
07. November:
Soweit mein Text-Entwurf aus der letzten Woche. Die Zeilen drücken meine Verwirrung und mein Unverständnis darüber aus, wie ein Management so wenig intuitives Gespür für die jungen Menschen haben können, für die sie eine nicht zu unterschätzende Verantwortung übernahmen als sie sie zu schülerVZ, etc. lockten.
Dieser Tage scheint sich nun abzuzeichnen, daß die VZs die 'Hintergründe' sehr wohl kannten und wohl eher froh über die Entwicklung waren (statt sie 'zutiefst zu bedauern'), oder? Der Selbstmord ist ja noch effektiver als Schweigegeld zu zahlen, um es mal hart zu formulieren.
(Jetzt wissen wir zumindest, warum sie tatsächlich "die Kommentarfunktion zu diesem Eintrag deaktiviert haben, um jeglichen Spekulationen zu Ursachen und Hintergründen - die uns nicht bekannt sind - ebenso keinen Platz einzuräumen wie Beleidigungen und Verleumdungen".)
Solange sich die Richtigkeit der Geschichte nicht erweist, solange muß auch hier die Unschuldsvermutung an erster Stelle stehen! Wenn sich aber die Richtigkeit der Geschichte, wie sie sich im Moment darstellt, erweist, müssen ganz weit oben Köpfe rollen, denn diese Personen können kein Netzwerk von Kindern und Jugendlichen führen, sondern gehören hinter Gitter.
Da ist nicht mehr die Verlautbarung alleine, sondern dieses ganze VZnet ein Schlag in das Gesicht von Social Media!
Das sind die Menschen, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben!
UPDATE
08. November
01:23 Uhr > "Spiegel-Story über SchülerVZ, vorab bei Heise [MiniUpdate]", Netzpolitik. "Trieb VZnet einen jungen Mann in den Selbstmord? (Update)", fixmbr. "Spiegel sieht VZ-Netzwerke und Justiz in Erklärungsnot", Golem.
mediaclinique


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