Liebe Presse, liebe MitbürgerInnen, liebe Angela Merkel,
(Ich weiß, ich bin aus dem Fokus der Medien geraten, aber ich stecke weiterhin in jeder korrupten PolitikerIn, jedem windigen Immobiliengeschäft und jedem vorteilheischenden Lobbyisten-Gespräch. Ich muss dem ein Ende setzen!)
Rückgrat und Auschwitz geraten in Vergessenheit. Zivilcourage ist nur noch der Name einer mittelmäßigen Punk-Band. Ehrlichkeit ist die größte Hürde zum Erfolg. Erfolg wird nur noch in Ruhm, Reichtum, falschen Freunden gemessen.
Es muss wieder ein Ruck durch Deutschland gehen. Es muss wieder einen Aufstand der Anständigen geben.
Vor allem aber muss diesen Sprüchen endlich die Tat folgen.
Ich hatte die Chance, mir jedes Ministerium, jeden Minister, jeden Ministerpräsidenten, jeden ausländischen Diktator, die Politikkrise Europas, die Ihr Finanz- und Schuldenkrise nennt, jeden Tag vorzuknöpfen und ihnen vor einem Millionen-Publikum den Spiegel vorzuhalten. Ich habe es nicht getan.
Wir müssen aufhören, innerhalb unserer Ereignishorizonte, kleinen Welten und Kontexte, engen Tellerränder und Gesichtskreise, schmalen Bierdeckel zu denken. Wir müssen uns erheben von unseren selbstreferentiellen Stammtischen und Abschied nehmen von den bequemen Lösungen. Bequem waren wir lange genug. Jetzt brauchen wir Lösungen.
Ich hätte eine Vision entwickeln können, ähnlich der Kennedys, mit der er Amerika auf den Mond brachte. Ich hätte eine neue Welt entwickeln können. Hätte den Menschen eine Alternative aufzeigen können. Hätte eine neue Politik, Wirtschaft und Gesellschaft entwickeln können.
Wir müssen unsere Fluchtgeschwindigkeit erhöhen, um dem Sog dieses Schwarzen Loches Instant Gratification zu entkommen. Wir müssen begreifen, dass unsere Aufgabe größer und wichtiger und nachhaltiger ist als wir selbst.
Hätte den Weg weisen können, wenn ich auch nicht selbst den Ausweg gewusst hätte. Hätte - frei vom Tagegeschäft, frei von politischen, wirtschaftlichen und parteipolitischen Zwängen - die Menschen, die intelligenter, intuitiver und imaginativer sind als ich, um mich versammeln können.
Hätte mit ihnen Pläne, Strategien, Maßnahmen entwickeln, die Vision zur Realität werden lassen können. Ihnen eine Plattform geben, ihnen die Bündelung ihrer Kräfte anbieten können.
All das habe ich nicht getan.
Dass keiner das so macht, ist keine Entschuldigung.
Mein Nichthandeln als Politiker, Demokrat, Minister- und Bundespräsident macht mich noch trauriger als mein Handeln.
(K)eine Entschuldigung
Für mein Handeln gibt es keine Entschuldigung. Punkt. Ich habe schlichtweg versagt, nicht nur in diesen Tagen und Wochen, im Grunde von Anfang an.
Ich habe meine Familie, die Erwartungen der Menschen an mich enttäuscht. Ich habe meine echten Freunde enttäuscht, weil mir die falschen zu wichtig waren.
Nur weil wir uns die Gesetze so schreiben ließen, dass uns nichts passieren kann, ist mein Tun noch lange nicht rechtens. Nur weil meine falschen Freunde ein Auge zudrückten, aus falsch verstandener Freundschaft, ist mein Tun noch lange nicht rechtens. ICH BIN NICHT RECHTSCHAFFEN.
Ich bin verdammtnochmal nicht der Mann, Mensch und Präsident, den Sie sich wünschten. Der war ich nie, der werde ich nie sein, und ich hätte nie in die Politik gehen dürfen.
Dass alle das so machen, ist keine Entschuldigung.
Menschen wie ich dürfen nicht an der Spitze eines Staates stehen, sonst leiden Amt, Staat, Ansehen der Politik.
Menschen wie ich dürfen nicht von der Politik geschützt werden, nicht aus Mitleid, Freundschaft, machtpolitischem Kalkül - sonst leiden Amt, Staat, Ansehen der Politik.
Dieses ahnungs-, talent- und visionslose Agieren Einzelner stürzt die komplette Gesellschaft und Politik in den Abgrund.
Ein Zeichen
Die Macht des Bundespräsidenten ist eine symbolische. Seine Gesten sind symbolisch. Aber sie setzen Zeichen. Ob man will oder nicht.
Meine Gesten, mein Handeln sollte vorbildlicher Natur sein, inspirierender Natur. Der Bundespräsident sollte die richtigen Zeichen setzen - wenn es schon sonst kein/e PolitikerIn tut.
Ich will heute ein Zeichen setzen!
Ich danke den 50%, die mir weiter die Treue halten - aber der Bundespräsident muss Präsident des ganzen Volkes sein.
Viel zu sehr belügen sich schon die Parteien mit Wahlsiegen, die mit knapp 23% von knapp 50% der Wahlberechtigten errungen (habe ich erzwungen gesagt?) wurden.
Man darf mir nicht die Treue halten, ich habe versagt. Wir müssen wieder neue und richtige Massstäbe anlegen, wir müssen die Latte wieder höher legen. Und wir sollten hier und heute damit anfangen!
Wissen Sie: vom ersten Tage der Loveparade-Katastrophe an habe ich mich über das Verhalten des Duisburger Bürgermeisters Sauerland, nicht zurückzutreten, aufgeregt.
Ich werde daher nicht nur zurücktreten, sondern darüberhinaus - im Vollbesitze meiner geistigen Kräfte - die Hälfte meines Ruhegehaltes (50% von 200.000Euro/pa, meine Rente sozusagen) ab sofort den Opfern und Hinterbliebenen der Loveparade zur Verfügung stellen.
Ferner gehen die mir bis an mein Lebensende zustehende Sekretärin, das Büro und das Auto (im Werte von derzeit 280.000Euro/pa) an lobbycontrol.
Ich möchte einen Schritt weitergehen und mich selbst wg Verunglimpfung des Bundespräsidenten anzeigen.
Ich danke Ihnen.
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