Volkswagens Future-Site (wie das VW so plakativ-populistisch nennt) Volkswagen 2028 ist branchenüblich gefangen im überkommenen Auto-Denken, statt sich zu einer relevanten Mobilitäts-Vision emporzuschwingen. Eine Handvoll Platitüden macht noch keine Vision. Von Ralf Schwartz.
Mit Volkswagen2028.de will 'Das Auto' wohl Volk und Politik verdummen.
Allein Überschrift und erste Zeilen muß man sich genüßlich auf der semantischen Zunge zergehen lassen:
"Volkswagen 2028. Unsere Zukunftsvision."
Und dann nochmal, schließlich geht es hier um Vision:
"Unsere Vision:"
Dann der vorläufige Höhepunkt, auf den man nun mental und zur Genüge vorbereitet ist, die Vision von Volkswagen:
"Innovative Lösungen für die Aufgaben der Zukunft."
Noch weniger Vision geht eigentlich nicht. Das ist einfach, das ist volksnah, das ist volksverdummend. Das sagt überhaupt nichts. Das ist eines der schönsten Bullshit-Bingos, die ich seit langem gelesen habe.
Sie hätten auch sagen können: 'Das Auto' lebt!
Und es bleibt auf diesem Niveau: "... voller neuer Ideen und Innovationen." Neue Ideen UND Innovationen - was will man mehr?
Schon einer der ersten Sätze im Film(! - denn teurer kann man keine Vision präsentieren) zeigt die Lebensnähe dieser Vision:
"Guck mal da, ein Volkswagen!"
Wer, in aller Welt, würde wohl so gestelzt sprechen? Mit der ersten SMS-Generation als Lehrer und Professoren unserer Schüler und Studenten an den Pulten! Der Duden hat in seinen Varianten noch 140 (Twitter-Duden) bzw. 160 (SMS-Duden) Zeichen.
"Guck mal, ein Volkswagen!" ist da nicht mehr drin. "Eh VW!" wohl eher.
Zudem schreiben wir das Jahr 2028 - in dem VW seit 18 Jahren Porsche heißt! (Hundertprozentig wird dies Realität, wenn deren Visionen so bleiben, da interessiert auch der Wunsch von Herrn Wulff nicht mehr, der damals 2009 VW mit Steuergroschen gekauft hatte und sich selbst - da er nicht Kanzlerin werden durfte - in den Vorstandsvorsitz verabschiedete.)
"Guck mal da, ein Volkswagen!" zeigt auch, daß man selbst nicht so recht an die Markenvision "VW - Das Auto" glaubt - denn dann müßte man eigentlich 'Guck mal, ein Auto' sagen, oder?
Aber werfen wir einen Blick auf die sogenannten Visionen, denn deshalb sind wir hier:
"Vision 1: Emissionsfreie Autos"
Emmissionsfrei! Welche Vision - für die nächsten 20 Jahre! Bei Tesla rollen sie bereits vom Band. 1 Million Prius sind verkauft. Da muß VW nochmal ran, oder?
"Vision 2: Autos als Lebensraum"
"Autopilot" - das ist cool.
Kann sich noch jemand an die Zeitschrift 'Hobby' erinnern? Die berichtete immer über technische Innovationen und Visionen - im Jahre 1973 oder so auch über den Autopiloten für Autos.
Da ist die Industrie ja schon ein ganzes Stück weitergekommen, wenn man nun, 35 Jahre später, in knapp 20 Jahren soweit sein möchte. Hut ab.
Aber Ingenieurs Mühlen mahlen langsamer.
"Individuelle Shopping-Empfehlungen" - Was hat das bloß mit dem Auto selbst zu tun, wenn mir das Auto "individuelle Shopping-Empfehlungen" gibt? Es bekommt halt einen Internet-Zugang, na und!?
Das Auto wird "zum Entertainment-Center: Musik, Filme, Spiele". Mir kommen die Tränen! Warum 20 Jahre warten? Da gehe ich zur Tankstelle oder Aldi um die Ecke und laß mir für kleines Geld alles einbauen.
"Als persönlicher Shopping-Assistent fährt Sie Ihr Navigationssystem zu den besten Einkaufsgelegenheiten mit den attraktivsten Preisen, Ihren bevorzugten Marken oder den individuellsten Angeboten."
Kenne ich: Internet! Sehr gut. Siehe oben.
"Im Jahr 2028 wird Ihr Volkswagen über eine Vielzahl neuer Funktionen verfügen."
Ohne Worte. Aber beruhigend zu wissen. Dann warte ich mit dem Kauf eines Volkswagens bis dahin.
Vision 3: Vernetzte Mobilität
"Verkehrsmeldungen im Sekundentakt" - Davon haben wir doch immer geträumt. Und jetzt wird es Realität?
Man muß nur das Radio einschalten und die Augen offen halten - dann sieht man das Stauende auch selbst!
"Alle Parkplätze melden der Leitzentrale, ob sie belegt oder frei sind. Der Fahrer muss nur noch sein Ziel in das Navigationssystem eingeben und wird zum nächsten freien Parkplatz geleitet. Oder er lässt sich an seinem Zielort absetzen, und das Auto fährt selbst zum nächsten Parkplatz."
Oder es gibt keine Parkplätze mehr in den Innenstädten, weil es keine Autos mehr in den Innenstädten gibt, weil die Automobilindustrie sich lieber mit solchen Kinkerlitzchen wie Parkplatzsuche aufhält, statt die von ihr verursachten Probleme der Menschheit zu lösen.
Vision 4: Unfallfreies Fahren
"Intelligente Fahrassistenzsysteme" - Wofür braucht man die noch, wenn man doch den Autopiloten aus Vision 01 hat?
Vielleicht sollte man statt "intelligenter Fahrassistenzsysteme" auf intelligente Fahrer setzen, auf handlebare Autos in überschaubarer Größe, mit überschaubaren Geschwindigkeiten.
Vielleicht sollte man keine Massenvernichtungswaffen bauen, sondern den Menschen einfach nicht überfordern.
Vielleicht sollte man keine Autos für das Ego des Menschen bauen, sondern für genau die Zwecke, die ein Auto notwendig machen.
Wie Studien und Stadtexperimente zeigen, kommen ganze Städte mit weitaus weniger Schildern besser und unfallfreier zurecht. Da benötige ich keine 20-jährige, automobile Vision.
Vision 5: Autos nach Maß
Für was bloß? Zumal hier beinahe alles wiederholt wird, was man schon in Vision 2: Autos als Lebensraum verbraten hat.
Ah, noch was Visionäres: "... das Design und die Gestaltungsmöglichkeiten werden sich mit der Zukunft weiterentwickeln."
Ist das jetzt ein Versprechen oder eine Drohung?
Wohl eher letzteres: "Der Volkswagen der Zukunft zeigt je nach Stimmung seines Fahrers ein freundliches Lächeln oder einen sportlich-fordernden Blick." Hm, auf einem LED-Display. Ist wohl eher etwas für den gegenwärtigen Tuning-Fan, oder? Oder die Polizei.
"Gleichzeitig können die anderen Sitze und Sitzreihen flexibel konfiguriert werden." - Heute schon in jedem Auto und in 20 Jahren auch im VW.
Fazit:
In der Automobilbranche stehen hundertausende Arbeitsplätz auf dem Spiel und die Herren Millionäre in den Vorständen bieten uns, ohne mit der Wimper zu zucken, diese Farce als Vision einer automobilen Zukunft an.
Herr Wiedeking und Herr Wulff sollten gemeinsam den gesamten Vorstand - und auch die organisierten Berater -, die solchen inkompetenten und unprofessionellen Blödsinn zusammenstammeln und ins Web pressen, rückwirkend vor die Tür setzen und alle Pensionen streichen.
Für was soll es 2028 überhaupt noch Autos geben? Der Gedanke des Autos hat in einer Vision des Jahres 2028 nichts mehr verloren. Über diesen Schritt muß man dann längst mit tragfähigeren Konzepten zu Individual-Mobilität, Energiesparen und Emmissions-Umkehrung hinaus sein.
Vielleicht sollte VW auch einfach mal die Vision des Toyota-Chefs lesen, der von seinen Autos erwartet, daß sie die Luft gesünder(!) machen, etc. Aber das steht auf einem anderen Blatt (nämlich im Harvard Business Review).
Wenn VW und die Branche so weitermachen, wird eher das Beamen erfunden als das emmissionsfreie automobile Konzept der Zukunft.
> hier die "Future-Site volkswagen2028.de" Neuer Link! (09. Mai, 2011)
Es gibt übrigens auch "Informationsmaterial":
> Volkswagen2028.pdf (2,2 MB - Quelle aller obigen Zitate)
Das ist aber so gut versteckt, daß man erst das Zukunfts-PopUp öffnen, einen Unterpunkt auswählen, "Informationsmaterial auswählen" anklicken, die relevanten .pdfs zusammenstellen und in einen anderen Ordner klicken muß, um das Gewünschte zu bekommen. Das geht bei der mediaclinique natürlich schneller.
Aber wer den obigen Text gelesen hat, wird wahrscheinlich wissen, warum das "Informationsmaterial" so gut versteckt wird. Das ist wahrlich kein Ruhmesblatt.




