Die 6 Dimensionen des Qualitätsjournalismus!
Blogger und der durchschnittliche Journalist haben noch eine Menge zu lernen, ehe sie wahrhaft und nachhaltig erfolgreich sein werden. Von Ralf Schwartz.
Letzte Woche las ich in der New York Times eine solide Story, während die relevanten Blogs zum Thema nur ihre subjektive Meinung und ein wenig Hörensagen kundtun konnten.
Dieses Erlebnis ließ mich über die Unterschiede der beiden Medien Print und Blog (wenn wir denn soweit gehen wollen) nachdenken.
(Ich will in der Folge gar nicht alle Unterschiede aufzählen und schon gar nicht die Eignung von Blogs für die schnelle Internet-Kommunikation infrage stellen.
Ich bleibe subjektiv, ohne parteiisch zu sein. Ich möchte mich auf wenige, nämlich die für mich relevanten Punkte konzentrieren.)
Subjektiv gesagt: Der Unterschied zwischen einem guten Zeitungsartikel und einem Blog-Post ist so gravierend und krass wie der Unterschied zwischen dem Spiegel zu seinen besten Zeiten (also lange her) und dem Markwortschen Fokus.
Während Journalisten der Meinung sind, Blogger würden ihnen die Wurst vom Brot nehmen, sollten sie lieber erkennen, daß unter dieser Wurst meist gar kein Brot ist! Sprich: Die meisten unter ihnen konnten nie zu guten Journalisten werden, weil sie einfach nicht wollten, weil sie einen Job hatten, der ihnen gefiel, sie aber nicht wirklich forderte, so daß sich nie etwas wie Kompetenz, Erfahrung oder Intuition (wie bei den sogenannten alten Hasen) entwickeln konnte.
Man strampelte rum in der Lokalredaktion, durfte dann mal beschreiben, wie wieder ein vermeintlicher Ausländer aufgemischt wird, lernte aber weder eine gute Story, noch eine Story gut zu schreiben, noch einen eigenen Stil zu entwickeln.
Natürlich wurden da die Jüngeren in den letzten wenigen Jahren nervös. So nervös, daß sie begannen, planlos um sich zu schreiben und jeden mit Druckerschwärze zu bekleckern, der ihrer Durchschnittlichkeit zu nahe kam - das waren eben die Blogger, die in ihren feuchten Träumen die Werbemillionen auf sich niederprasseln sahen.
Die Wurst macht kurzfristig satt, grundsätzlich aber fett und träge. Die Wurst fordert die falschen Prioritäten.
Das Brot aber ist das Fundament, die Basis, die Kompetenz. Das Brot sättigt langfristig und unterscheidet, trennt die Spreu vom Weizen.
Wer anderen also nur die Wurst vom Brot nimmt, beißt im Zweifel in die eigene Tischkante.
Leider ist dies immer öfter der Fall, wenn sich Journalisten der 'Qualität' eines Blogs annähern in der fälschlichen Ansicht, dies sei die Zukunft. Oder Journalisten sich der Boulevard-Presse annähern in der fälschlichen Ansicht, da lauere der Erfolg.
Der Kampf um Clicks hat wenig mit der Zukunft des Qualitätsjournalismus zu tun. Das wird man in wenigen Jahren endgültig erkannt haben. Spätestens wenn sich die letzten Manager wieder zurückziehen und die Journalisten vom Schlage Nannen und Augstein zurückkommen (wenn diese Art nicht ausgerottet wird).
Hintergrund durch Nachhaken
Für gute Journalisten beginnt die Story lange vor dem Schreiben:
Recherche. Die wichtigste Aufgabe des Journalisten. Die Balance unterschiedlicher Meinungen, die Balance unterschiedlicher, sich womöglich widersprechender Fakten.
Das sollte immer mehr sein als planlos zwei, drei Begriffe durch die Google-Klimakiller zu jagen, in der Hoffnung, etwas Relevantes bleibe hängen.
Bei den mehr oder weniger an den Haaren herbeigezogenen C-elebrity-News erübrigt sich das natürlich, deshalb schreibt ja auch jeder durchschnittliche Reporter darüber, statt sich aus dem Hause zu bewegen.
Deutsche sind da ein wenig, ob der Sprachbarrieren, eingeschränkt, aber der Rest schreibt einfach von einander ab.
Objektivität
Sich selbst zurückzunehmen, nicht parteiisch zu werden, sollte die zweitwichtigste Aufgabe des Journalisten sein. Der Rezipient soll sich nicht beeinflußt fühlen und auch nicht beeinflußt werden.
Er soll in die Lager versetzt sein, sich ein eigenes Bild zu machen.
Er soll mit aller Kraft zum eigenen Nachdenken angeregt werden. Sein Wissen und seine Welt - so klein die beiden auch sein mögen - sollen verunordnet werden.
Relevanz
Hier gehe ich ein wenig weiter als mancher, der da meint, Relevanz werde vom Nutzer bestimmt. Dies funktioniert in einer Verdummungs-Demokratie (wie der sich weltweit auf dem Vormarsch befindlichen) leider nicht mehr.
Ich möchte die bestätigende Relevanz von der herausfordernden Relevanz unterscheiden.
Erstere widerstrebt dem Wandel, der Entwicklung, der Horizonterweiterung, letztere umarmt Wandel, Entwicklung und eben diese Horizonterweiterung.
Nur letztere wird die Welt retten und in nachhaltigen Wohlstand führen können.
Hier liegt eine wichtige Aufgabe des Journalisten: die Unterscheidung zwischen bestätigender und herausfordernder Relevanz und die Entscheidung, welchen Weg er selbst gehen möchte, welcher Weg für den Journalisten die größere Challenge, die befriedigendere Alternative ist.
Wir kennen zwar die landläufige Entscheidung, sehen hier aber gleichzeitig die größten Chancen für guten Journalismus.
Entwicklung der Story und Kontextualisierung
Den Leser ins Boot holen. Die Geschichte so umfassend, aber auch so kurz wie möglich zu schildern. Zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden.
Wie in einem guten Buch(!) sollten die Protagonisten eingeführt werden. Man sollte als Leser nicht mitten in die Story platzen müssen. Man sollte die Vorgeschichte und den Kontext kennenlernen dürfen.
Eine Gratwanderung, sicherlich. Aber auch die Kunst des Journalisten, Autors, Bloggers.
Es kann also helfen, den Leser zu kennen, statt ihm von oben herab in Stein gemeißelte Monologe zuzuunken.
Leidenschaft
Leidenschaft, wie ich sie meine, macht aus einem guten Artikel einen großartigen Artikel.
Diese Leidenschaft wächst mit der Erfahrung, wächst mit der Intuition.
Wohlwissend, daß manch einer es unprofessionell findet, wenn Journalisten ihre Meinung kundtun, würde ich mir manchmal trotzdem eine etwas emotionalere Tonalität wünschen, eine Leidenschaft, die ich spüren und fühlen möchte, die ja nicht aufdringlich sein muß.
Emotionalität ist Merkmal des engagierten Journalismus. Herzblut kann man nicht spielen. Passion ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Leidenschaftlich zu schreiben ist eine Kunst, die man nicht in der Journalistenschule lernt, sondern dorthin mitbringen muß.
Man muß das Feuer gefühlt haben, das in einem brennt.
Diese Leidenschaft fehlt mir in den meisten Blogs genauso wie in den allermeisten Artikeln in Zeitungen, Zeitschriften und Online.
Wohl gemerkt: Ich möchte keine Stimmungsmache und kein tumbes Draufschlagen. Ich möchte intelligente, differenzierede Leidenschaft.
Involvement und Diskussion
Ich möchte die Nähe des Journalisten oder Bloggers zu seinen Lesern spüren können, in seinen Worten (Texten) und in seinen Taten (Involvement, Streetcredibility, Diskussionsfreude, etc.).
Er muß dafür nicht überall und sofort verfügbar sein. Er muß nicht twittern, facebooken, myspacen und dabei auch noch autofahren. Er sollte ein, zwei Anlaufpunkte haben und seine Leser ernstnehmen.
Fazit
Alles eine Sache der Einstellung!
Zuersteinmal sollte der Journalist sein bestes geben und sich ständig weiterentwickeln!
Er sollte kontinuierlich überprüfen, wo er steht mit dem, was er sein bestes nennt, damit dieses beste nicht durchschnittlich bleibt (oder gar wird, weil die anderen an einem vorbeiziehen).
Er sollte sich den neuen Mitspielern gegenüber nicht verschließen, sondern öffnen.
Blogger und Journalisten sollten sich professionalisieren und mehr schreiben als nur zu hoffen, berühmt zu werden.
Beide sollten nicht nach Quantitäten schielen, sondern nach Qualität trachten.
Denn die wird sich langfristig durchsetzen.
Qualität entscheidet, wohin sich eine Gesellschaft in der Tiefe entwickelt. Deshalb ist sie so immens wichtig und unverzichtbar.
Qualität ist unsere Zukunft.
Quantität ist nur eine weitere Eiterblase auf der pickligen Oberfläche der Welt.
Mehr zum Thema in der mediaclinique: "Verlage brauchen mutige Macher!"
mediaclinique via Twitter

Lieber Herr Schwartz, ich habe mir Ihren Blog-Post (ist das denn einer? Schließlich ist er ja schon wie gewohnt sehr subjektiv geschrieben ;-)) gar nicht ganz durchgelesen. Ich fand ihn fürs Web zu lang.
Auch wenn Sie ja schon im eigenen Text quasi halb zurückrudern, wenn Sie den Bloggern die Leidenschaft absprechen - muss ich sagen, dass gerade durch die Subjektivität und den eigentümlichen, oft unverkennbaren Schreibstil, sehr viel Leidenschaft bei mir als Leserin ankommt.
Im Großen und Ganzen frage ich mich die ganze Zeit, warum sich die klassischen Journalisten so sehr bedroht fühlen durch die Blogger. Bevor ich mich in der Blogosphäre umgesehen habe, dachte ich das zwar auch - aber nach genauem Hinsehen hatte ich bislang eher selten das Gefühl, dass sich die Blogger direkt mit dem klassischen Journalisten vergleichen möchten.
Posted by: tocaya | Saturday, September 27, 2008 at 19:19
@Tocaya: Wenn Leidenschaft rüberkommt, solltest Du auch bis zum Ende dranbleiben ;-)
Ich denke auch, daß die meisten Blogger sich nicht vergleichen wollen, macht ja auch keinen Sinn, die Journalisten aber fühlen sich bedroht, weil mit den Bloggern aufeinmal Menschen auftauchen, die auch schreiben (wollen). Bedroht aufgrund eigener Inkompetenz und fehlenden Selbst-Bewußtseins.
Guter Blogger und guter Journalist müssen das nicht, weil sie ob ihrer Qualität ein wenig über den Dingen stehen können.
Grundsätzlich wäre es schön, wenn die beiden aufeinander zugehen und voneinander lernen würden. Dann könnten sich beide weiter- und einen eigenen Charakter entwickeln.
Posted by: ralf schwartz, mediaclinique | Sunday, September 28, 2008 at 10:15
Ja, Leidenschaft ist ganz gewiss vorhanden :-) Aber bei einer anfänglich recht einseitigen Schilderung der Dinge, fiel es mir etwas schwer bis zum Fazit dranzubleiben - das wohlgemerkt mir nicht wie ein Fazit erscheint, da es sich erheblich von vorangegangener Argumentation und Unterton unterscheidet.
Ich entschuldige mich, wenn ich da etwas falsch verstanden habe :-) Aber vielleicht könnte man die Text-Wahrnehmung auch bereits beim Verfassen ein wenig mehr steuern - dann gibts weniger Missverständnisse ;-)
Posted by: tocaya | Sunday, September 28, 2008 at 21:07
Damit der Leser dann sein Hirn ganz ausschaltet? Nein, der muß schon (heraus-)gefordert werden ...
Posted by: rs//mc | Sunday, September 28, 2008 at 21:16