Hier bloggen Mitarbeiter! Ist das eine Drohung? Warum steht das ganz vorne sozusagen als Disclaimer auf der Startseite? Kein Rückgrat? Mißtrauen ist angesagt. Was Daimlers Blog, BasicThinking und ein Poesie-Album gemeinsam haben! Von Ralf Schwartz.
Hier bloggen Mitarbeiter
Von einem Corporate Blog erwarte ich Relevanz. Erwarte ich Aktualität und erwarte ich fundierte Strategien und Visionen des Konzerns oder einzelner Bereiche, die mich Daimler näher kennenlernen lassen. Ich erwarte, daß die höchsten Manager des Konzerns ihre Meinung kundtun, daß sie anfaßbar für ihre Kunden werden!
Wohlgemerkt: ich möchte Daimler näher kennenlernen, nicht jeden einzelnen Mitarbeiter - und auch nicht die Freundin, mit der derjenige 50 Minuten in der S-Bahn gefahren ist (Name der mediaclinique bekannt).
Nein, ich möchte mir auch nicht - wie in einem Ravensburger Puzzle - die Teile selbst zusammensuchen müssen. Ich erwarte Logik und Struktur, denn ich möchte mich schnell und hintergründig informieren, wenn ich ein Corporate Blog virtuell betrete.
Vor allem aber möchte ich nicht lesen, daß 'wir alle dies erst lernen müssen' (unter: Hier bloggen Mitarbeiter).
Wer es noch lernen muß, soll es lernen, aber nicht so öffentlich. Jeder Auszubildende lernt auch erstmal in einem abgeschlossenen Biotop, und wird langsam auf die Realität vorbereitet, so er sich ihr würdig erweist.
Man sollte lieber zu seinen Mitarbeitern und ihren Kompetenzen stehen. Kein Auto braucht den Anfänger-Aufkleber. Dadurch bleibt man immer ein Anfänger. Wer die Hitze nicht aushält, sollte der Küche fernbleiben.
Man sollte allerdings die Mitarbeiter auch nicht überfordern, indem man sie mirnichtsdirnichts zu Corporate Bloggern erklärt. Es muß auch hier ein Mittelmaß und einen Übergang und eine Gewöhnungsphase geben, das wäre nur fair.
Eine klare Entscheidung tut hier not.
Wir finden auf dem Daimler Blog eine Themenvielfalt wie beim Basic Thinking Blog und erreichen mit Ach und Krach eben dieses Niveau. Das Niveau des deutschen Privatfernsehens, indem sich die Abdallahs und Geissens und Kallwassens die Klinke in die Hand geben und uns analog Momos grauen Männern die Zeit stehlen, indem sie 'Die Sendung mit der Maus' für Erwachsene spielen oder uns einfach nur mit hausgemachtem Schnee von gestern unterhalten und sich an diesem Werberahmenprogramm bereichern.
Warum muß man im Internet immer alles einfach machen dürfen? Warum ist jeder der Meinung, daß dies keinen Schaden anrichtet? Warum denkt jeder, hier könne er einfach mal drauflos schreiben?
Fehlende Relevanz
Das ist ja meist das Problem, ob es sich um die kleine 13-Mann-Agentur handelt oder den weltumspannenden Auto-Konzern mit 270.000 Mitarbeitern: Worüber soll man schreiben? Wie bringt man eine Linie, einen Roten Faden in sein Tun? Wie widersteht man dem Druck der Straße, deren Meinung man mit vorausschauendem Gehorsam zu ahnen versucht?
Wie widersteht man dem Druck des Kommerzes? Wie kann man den Menschen voraus sein - ohne sie zu belehren? Wie kann man ihnen Stütze sein sich zu entwickeln, sie anhalten, ein vernünftiges Deutsch zu lesen und zu sprechen, statt sie zu bestätigen in ihrem umgangssprachlichen Kauderwelsch und ihren Small Talk Themen auf dem Niveau des umfallenden Sackes Reis?
Weiß denn keiner, was ein Corporate Blog ist (nachdem schon keiner in Deutschland weiß, was ein normales, gutes Blog ist)?
Wie in den klassischen Medien schielt jeder auf Quote, auf Reichweite, auf ubiquitäre Vermarktbarkeit und ist sich nicht zu schade, für sevenload Werbung zu machen, klingelt es denn in der Kasse.
In Deutschland regiert die Masse, ist jeder ein Amateur, weiß aber nicht für was, und fühlt sich doch als Experte. Die Liebe zu den Dingen alleine reicht nicht. Erst wenn sich Kompetenz und langes Üben dazugesellen, wird daraus ein Meister!
Im Daimler Blog wird nicht nur uns, sondern auch Daimler die Zeit gestohlen.
Haben hier etwa die Zeit- und Produktivitätsdiebe des Betriebsrates eine neue Betätigung gefunden? Hoffentlich macht das nicht Schule! Werden wir bald überall in deutschen Firmen diese Blogs ertragen müssen?
Soll dieses Blog Daimler als Marke, als Unternehmen in seiner Gesamtheit repräsentieren? Das kann doch nicht sein? Kein Wunder, daß die Sales runtergehen!
(Vielleicht aber gehen sie jetzt auch hoch: wenn die Durchschnittlichen bloggen und die Besseren endlich ungestört ihre Arbeit machen können und wieder erstklassige Produkte erschaffen, wie wir es von Daimler früher gewohnt waren! Vor diesen ganzen neumodischen Zetsches, etc.)
Fehlende Aktualität
War das vielleicht gar nicht der Betriebsrat, sondern eine Idee von Olaf Göttgens?
Welche Aufgabe hat dieses Blog wirklich? Die Konkurrenz verwirren? Die lachen sich höchstwahrscheinlich kaputt!
Und warum fühlt sich keiner bemüßigt, über die aktuell wirklich wichtigen Themen zu schreiben? Zum Beispiel über den Weggang von Bruder Olaf und wie es endlich wieder in die richtige Richtung geht? Oder über den Pilotversuch in Berlin, der dieser Tage startet, aber erst 2010 Elektro-Smarts auf die Straße bringt? "Elektroautos: Pilotversuch gestartet"
Mich würde schon aus erster Hand interessieren, was daran so toll sein soll, daß 2010 100 Elektro-Smarts über Berlins Straßen rollen sollen, wenn das doch schon längst in London der Fall ist!
Warum muß man in Deutschland wieder bis 2010 rumdrucksen? Hier sind Antworten gefragt.
Oder eine Antwort auf den Handelsblatt-Artikel: "BMW zeigt Daimler die Rücklichter":
"Der Absatz des Geschäftsfelds Mercedes-Benz Cars mit den Marken Mercedes-Benz, Smart und Maybach ging um 12,3 Prozent auf 84 400 verkaufte Autos zurück, wie der Konzern in Stuttgart mitteilte."
Da würde mich doch mal interessieren, was das Marketing denkt, oder die Qualitätssicherung oder der Nachhaltigkeits-Experte.
Fehlende, gute Beispiele wie dieses!
Einer der wegweisendsten Posts kommt natürlich von einer Frau (Lumturije Lataj), die den Artikel "Wie kommt das Neue in die Welt?" verfaßt hat.
Daimler scheint hiermit endlich in der Gegenwart angekommen zu sein und bindet nun eine Präsentation dort und in Slideshare ein.
Aber: Wenn sowieso schon alle spannenden Charts entfernt wurden (von mindestens 121 sind nur 68 Charts übriggeblieben), könnte man die Präsentation auch zum Download freigeben, und nicht nur zum jungfräulichen Bestaunen aus sicherer Entfernung!
Weiter so! Ihr seid alle auf dem richtigen Weg.
Die Führung könnte nur ein bißchen besser führen, dann würden auch Eure Chancen steigen, schneller besser zu werden.
Ach so, nichts gegen Robert Basic. Das Daimler Blog erinnerte mich nur an seines ("Basic Thinking Blog - To boldly blog, what no man has blogged before").
Die mediaclinique wünscht ihm natürlich weiterhin eine überaus erfolgreiche Zeit ...
... Natürlich auch jedem aktuellen Daimler-Blogger - wir würden uns jedoch wünschen, daß auch der ein oder andere aus dem Management sich mal bequemt, sich und sein Gedankengerüst zu outen.
Je mehr bloggen und den Stier bei den Hörnern packen, desto besser für die Szene, die sich momentan - im Kontinuum zwischen Basic Thinking und Don Alphonso - in der Durchschnittlichkeit aalt.




