Ganz putzig mitanzusehen, welche angezickt mädchenhaften Reaktionen, welchen Sturm im Wasserglas die gestrige 'Erste Hilfe' der mediaclinique zum Daimler Blog ausgelöst hat. Eine Würdigung der Ereignisse. Von Ralf Schwartz.
Wie schreibt Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach, Head of Social Media Europe / Chief Blogging Officer, und wohl der 'Edelman' hinter dem Daimler Blog, so schön in einer Slideshare Präsentation namens 'daimlerblog-workshop': "Offenheit und Kritikfähigkeit - und damit verbunden - Souveränität - spielt eine zentrale Rolle"
Leider dringt genau diese "Offenheit und Kritikfähigkeit" und "Souveränität" noch nicht ganz bis in die Alltagsmentalität der Blogwarts durch, die mit ihren besten Freunden sogleich twittern und entrüstet sind, statt die Chance zu sehen, die in einer konstruktiven Kritik stecken kann.
Sie sehen nicht mehr die kleinen, doch wichtigen Worte, die den großen und richtigen Unterschied machen: Die gestrige Überschrift lautete: "Warum das Daimler Blog (noch) irrelevant ist!"
Und das "noch" sollte man dabei nicht übersehen!
Die Reaktionen zeigen, wie kontraproduktiv die enge Nähe zwischen Agentur und Kunde sein kann. Plötzlich fühlen sich nämlich 'Freunde angegriffen', statt 'Partner konstruktiv kritisiert'. Ein lähmender Mechanismus, der auch an der Telekom-Spitze nagt.
Das ist eben jene 'Erhöhte Erregbarkeit' in Agenturen und Medien und im Corporate Brand Management, die die mediaclinique als so ubiquitär in den deutschen Zellen der Ohnmacht diagnostiziert, und die vollkommen überflüssig, gar kontraproduktiv ist.
Daimler-Bashing um Visits zu generieren
Da ist man aus den besten Gründen mit dem Daimler Blog auf einen fahrenden Zug aufgesprungen, der sich noch nicht selbst gefunden hat, und nun übt einer gar Kritik.
Da kann man als Erstes nur falsche Beweggründe unterstellen - Daimler Bashing nämlich -, um sich selbst nicht infragestellen zu müssen.
'Daimler-Bashing um Visits zu generieren', wie eindimensional unterbelichtet doch die im einzelnen Hirn geronnene Konzern-Arroganz sein kann, die man in dieser extremen Form nur in deutschen Konzernen findet, der Betriebsblindheit des ehemalig Erfolgreichen verfallen, der immer noch denkt, einzig er selbst mache alles richtig.
(Gäbe es diese Idee des Daimler Bashing, so hätte die mediaclinique wohl schon alle Großen in Deutschland gebasht, oder? Man sehe sich all die Namen an, die auftauchen in den Texten der Klinik. Gebasht wurde keiner. Hier geht es immer und überall um konstruktive, zuweilen stichelnde und natürlich zum Nachdenken anregende Kritik des Existenten - zur Beschleunigung des Kommenden.)
Blog sein heißt cool sein - Dabei sein ist alles!
Das Schubladen-Denken deutscher Provenienz beraubt sich der Chance des Neuen, indem man in atemberaubender Geschwindigkeit das Altbekannte manifestiert. Denn das hat man gelernt, das beherrscht man, das hat man in ein offerierbares Produkt gegossen.
(Die mediaclinique zB muß nicht Blog sein, um ihre Aufgabe zu erfüllen, muß nicht klassisches Medium sein - die mediaclinique ist einfach sie selbst und - frei nach Pulp - weder Disco, noch Blog. Ohne Schublade, ohne übertriebenen Ernst und ohne sich selbst allzu übertrieben ernst zu nehmen.)
Warum will man Blog sein, nur weil alle es erwarten? Warum nicht das Einzigartige wagen, nur weil der Einzelne sich soweit nicht selbst vertraut? Warum nicht instinktiv und intuitiv das Richtige zu Ende denken, statt bei dem Durchschnittlichen, aber allseits Beliebten zu verharren?
Blog sein, weil Edelmans PR 2.0 Philosophie (die sich zwar hochtrabend anhört, im Grunde aber nur das normale Bloggen beschreibt) das eben so verlangt und damit Geld verdienen möchte?
(Die mediaclinique zB wird aus reiner (meiner) Faulheit moderiert, sich nicht mit jedem dahergelaufenen Kommentar beschäftigen zu müssen, sondern sich auf die Erste Hilfe, Intensivstation und auf die (durch diesen natürlicher Filter der Moderation) schwierigen (Kommentar-) Fälle konzentrieren zu können. Der durchschnittliche Wandbeschmierer zieht weiter zu einem einfacheren Opfer.)
Blog sein ist inzwischen langweilig und überflüssig. Der Inhalt zählt, egal, wie man die Hülle nennt. Ist der Inhalt relevant, spielt die Hülle eine untergeordnete Rolle. Bei den Edelmännern und Freunden ist es noch umgekehrt, echauffieren sie sich doch als Erstes über die Rolle der mediaclinique und den Namen ihrer Hülle (Blog oder Klassisches Medium!) in ihren Tweets, statt über den Inhalt des medaiclinique-Textes zu reflektieren.
Content und Conversations sind King - nicht Hüllen!
Die Kraft der eigenen Idee 'Tagebuch'
Dabei hat man selbst dieses 'Bashing' (um das Wort auch mal mir gegenüber zu verwenden, aber bitte in Anführungszeichen verstehen) doch gar nicht nötig, würde man seine eigenen Worte nicht als Waffe, sondern als Sieb des Goldsuchers begreifen und sich selbst bei seinem Tun beobachten, statt jede Kritik wie ein getretener Hund von sich weisen.
Zieht man sich jedoch auf die bequemen Territorien des Altbekannten zurück, sollte man auch die entsprechenden, sich daraus unweigerlich ergebenden, wenig überraschenden Erwartungen befriedigen, die nämlich des Corporate Blogs.
Warum nutzt man nicht explizit die Kraft der Idee, die in den eigenen Worten steckt, die da "Tagebuch" lauten. Hier verbirgt sich das Potential, eine Art 'Eines Tages' auf Daimler-Niveau zu kreieren, wofür ich persönlich jedes Daimler Blog in der heutigen Form stehen lassen würde.
Warum nutzt man nicht diese Kraft der 270.000? Warum bündelt man nicht ihr Wissen und ihre Energie, ihre Phantasie und Kreativität, ihre Individualität und Hingabe und macht sie explizit zum Programm, statt nur hinter vorgehaltener Hand?
Denn genau diese Idee beschreibt uknaus in eindringlichen Worten in seinem Kommentar zum gestrigen Text von mir:
"Das Daimler-Blog ist eben "nur" ein Tagebuch. Es bloggen hier Mitarbeiter, richtig! Ihnen wird ihre Sprache gelassen. Mit allen Ecken und Kanten, aber authentisch. Und es sind nur diejenigen, die auch Lust zum Bloggen haben, auch wenn sie bis dahin noch nie was von Blogs gehört haben. Sie bloggen genau so, wie Blogs ursprünglich begonnen haben: nämlich als eine Art Tagebuch. Da schreibe ich in der Regel rein, was mich an einem bestimmten Tag beschäftigte, oder was mich bewegte. Möglicherweise unspektakulär und nur für eine kleine Zielgruppe interessant. Ein Tagebuch eben."
Löscht dieses verdammte Wort 'Blog', vergeßt diese Noch-Hülse 'Corporate Blog'! Traut Euch, etwas Eigenes, etwas Besonderes zu sein!
Warum denkt man nicht zu Ende, was in ersten, bruchstückhaften Fragmenten schon eine unheimliche Faszination und gewinnende Sympathie auslösen kann?
All das - und nicht das Bestehende - muß sich im Namen, in der Vision und im Layout des heutigen Daimler Blogs ausdrücken, genau das muß von den Menschen, die schreiben und lesen so verstanden werden!
Heute ist das noch nicht erkennbar, nicht erlebbar, heute fehlt noch die Leidenschaft, die Differenzierung gegenüber dem normalen, blitzt der Mut des Besonderen noch nicht durch.
Fazit und Lob!
Eine große Chance scheint vertan, weil wiedermal die Hyperaktivität, Konzentrationsschäche und Erhöhte Erregbarkeit der Beteiligten in Agentur und Unternehmen die Oberhand gewinnen und das individuelle, imaginative Denken vergiften, das wahre Innovation hervorbringen kann, so es denn gelassen wird und sich nicht primär an antrainierten Beißreflexen abarbeitet.
So kann der Edelman nur seine Pfründe verteidigen, statt den konstruktiven Hiweis als solchen anzuerkennen. Das Kleingeistige hat die Deutschen noch nie weitergebracht. Kreativität ist nicht nur die Kombination zweier bekannter Teile, sondern immer auch ein wenig die Dekonstruktion des Bekannten.
So verbirgt sich auch hinter dem Kommentar-Satz "Würde Zetsche, Göttgens oder andere aus dem Management bloggen, wer würde dann noch die Posts von Mario Jung oder Maha Fityani lesen?" sehr viel unbewußter Wahrheit, denn warum sollten die Zetsches dieser Welt mehr gelesen werden als die Mario Jungs? (Sagt er ja auch selbst: "Ich bin mir sicher, dass meine Beiträge auch dann noch rege gelesen werden, wenn Ober-Cheffe schreiben würde. Jawohl!!! ;-)" Und ich stimme ihm 100%ig zu!
Sie wären eine Stimme von vielen, die aber mit einer Zunge sprechen würden, hätte das Blog eine Philosophie und Vision, die sich nicht auf 'Blog' beschränken würde.
Ich sprach nur davon, daß ich in einem Corporate Blog primär die Oberen hören wollte. Gebt den Mitarbeitern eine Stimme, aber gebt ihnen auch das Mittel und versteckt es nicht hinter dem 'Corporate Blog'!
uknaus und luebue machen einen guten Job, sie könnten jedoch einen großartigen machen, würden sie sich an ihre eigenen Regeln halten: "Offenheit und Kritikfähigkeit - und damit verbunden - Souveränität - spielt eine zentrale Rolle".
Ihr sammelt erst Erfahrungen (was man auch daran sieht, daß Ihr erst nach Monaten von 'der Blog' zu 'das Blog' gewechselt habt), reflektiert diese doch auch, dann werdet Ihr bald das Beste deutsche 'Wasauchimmer' haben, indem sich Mitarbeiter und Interessierte treffen und weitaus mehr als die heute bekannte Marke kommunizieren!
In diesem Sinne möchte ich mit den gleichen Worten schließen wie gestern!
"Weiter so! Ihr seid alle auf dem richtigen Weg.
Die Führung könnte nur ein bißchen besser führen, dann würden auch Eure Chancen steigen, schneller besser zu werden."




