Reich-Ranicki hat den Deutschen Fernsehpreis abgelehnt, alle Lager haben ihre Meinung kundgetan, dwdl zensiert sich selbst, spon kann seinen Namen immer noch nicht schreiben! Nachwehen in 10 Facetten! Von Ralf Schwartz.
Vorab: Natürlich hat Marcel Reich-Ranicki den Deutschen Fernsehpreis für sein Lebenswerk zurecht abgelehnt.
In der Aufzeichnung der stundenlangen Verleihung des Deutschen Fernsehpreises wurde es Marcel Reich-Ranicki zu bunt - oder eben nicht.
Als er endlich für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden sollte, nahm er den von Thomas Gottschalk laudatierten Preis nicht an. Er hatte bis dahin schon zuviel Elend ertragen müssen.
Facetten des Nachbebens:
2 - Spiegelonline kann sich nach 50 Jahren Literaturkritik immer noch nicht so richtig mit sich selbst einigen, wie man den Namen unseres berühmtesten Kritikers denn jetzt wirklich schreibt (wie
Stefan Niggemeier in seinem Artikel so schön zeigt) und bietet direkt 3 Varianten an.
3 - ARD, ZDF, RTL und SAT.1 - die Veranstalter - konnten unterschiedlicher nicht reagieren auf die Ablehnung des Preises - eindrucksvoller kann man charakterliche Festigkeit nicht demonstrieren.
Während erstere anscheinend im tiefsten Innern noch nicht ganz der Qualität, dem intellektuellen Eigensinn und den notwendigen Ecken und Kanten abgeschworen zu haben scheinen, und erfreut das (zugegebenermaßen seltene) Aufbäumen wachen Verstandes registrieren und goutieren, können letztere immer noch nicht selbstbewußt mit ihrer Rolle als mittelmäßige Lieferanten eines bloßen Unterhaltungsproduktes umgehen.
4 - Leider wird die spontane Reaktion von Schäferkordt, Alberti und Op den Hövel inzwischen nicht mehr auf dwdl.de abgedruckt.
Welche Gründe kann das wohl haben? Kann da wer nicht mehr mit seiner eigenen Aussage und Meinung leben?
UPDATE 20:15 Uhr:
Thomas Lückerath, Chefredakteur dwdl.de, kommentiert netterweise meinen Vorwurf und stellt ihn richtig (ehe noch was passiert) - besten Dank dafür:
"Manchmal sind Blogs wirklich zu köstlich. Urteilen selbstgerecht über andere und lassen selbst jede Prinzipien vergessen ;-) Stattdessen wird wild spekuliert - was sich spannender und spektakulärer liest.
Dass zum Beispiel ein Teil unseres Artikels aufgrund eines technischen Fehlers (einem Infokasten zuviel) zeitweise einfach aus Versehen nicht angezeigt wurde, wird gleich für eine Verschwörungstheorie genutzt. Köstlich.
Das dürfte ich mir nicht erlauben.
Liebe Grüße und nix für ungut,
Thomas Lückerath"
5 - Wiedermal, wie bei solchen Diskussionen üblich, hält sich der jeweilige Kommentar mit wortklauberischen Haarspaltereien auf und macht damit eine ehrliche und spontane und von kundiger Seite längst überfällige Reaktion schlecht, da sie nicht in das eigene Konzept paßt.
Wiedermal wollen die Gemeinten sich nicht angesprochen fühlen. Dann muß man wenigstens nicht sein eigenes Tun infragestellen. Dann kann man sich schnell wieder hinlegen.
Klar, daß ein Branchendienst sich da keine andere Meinung erlauben kann (siehe auch 4).
6 - Nichtsdestotrotz kann die Aktion richtig und notwendig sein. Denn was kann falsch daran sein, dem Fernsehen allgemein eine zufriedenstellende Qualität abzusprechen? Was ist daran falsch, wenn Reich-Ranicki sich natürlich nur auf die nervenden Zeitgenossen, nicht aber auf die zurecht Ausgezeichneten bezieht, wie auch Thomas Gottschalk erkennen und verstehen kann?
7 - Was ist daran falsch, eben nicht einfach gute Miene zum bösen Spiel zu machen, sondern endlich mal seine Meinung wie
Elke Heidenreich (siehe oben) kundzutun?
8 - Im Grunde kann es nur helfen! Die Qualität muß seit Jahren besser werden, die Zuschauer rutschen vor Langeweile vom Sofa, verdummen (auch in der ersten Reihe), werden immer weniger kritikfähig, können Ayman in der Werbung nicht mehr von Ayman in der Mys(t)ery unterscheiden, haben immer weniger Kaufkraft, sich aufzuraffen und zu tun, was ihnen befohlen, da die Umfelder immer weniger aktivierend und reizauslösend sind.
Die Werbeindustrie juckt es nicht, denn sie verdient umso mehr, je weniger der einzelne Spot wirkt.
Der Werbekunde merkt es nicht, weil die entsprechende Industrie ihm vorgaukelt, daß eben alles immer teurer wird, und er sich immer noch nicht selbst infrage stellt.
Die Sender wollen die tote Kuh immer noch melken und haben selbst ihr Fell schon verteilt an die Investoren des schlechten Geschmacks.
9 - Da muß erst ein 88-jähriger Mann kommen und die ganze Branche für ein Wochenende lang aufrütteln!
10 - Wo ist das Problem für das Management der Privatsender, entweder in der Niederlage Größe zu zeigen oder aber - noch besser - einfach Großes zu produzieren?
Man muß wissen, wo man steht im Leben, und wo man stehen möchte.
Vor allem aber muß man wissen, wofür man stehen möchte im Leben, wofür man bewundert, geliebt, verehrt werden möchte.
Wie und für welche Handlungen, Einstellungen und Philosophie man erinnert und als Vorbild betrachtet werden möchte.
Wenn die Privaten nicht über den Tag hinaus denken, nur Masse, Quote und Stillhalten vor der Geldmacht ihrer Kunden kennen, nicht wirkliche Qualität, sondern nur Quantität zum Programm beisteuern wollen können, dann kann ihnen natürlich auch ein Reich-Ranicki mehr helfen.
Sie sollten diese Chance ergreifen - wie das ZDF die Chance direkt ergriffen hat!