Die neue T ist ständig in der Presse, hat die offenherzigste Kundenpolitik, bietet intensivste Kundenerfahrungen, ist inzwischen berühmt für ihre Kernkompetenzen und bietet trotz höchster Preise ihre Kundendaten billigst feil. Perfekt! Von Ralf Schwartz.
Also wirklich - ich verstehe die Menschen nicht: die Aktien der Telekom müßten doch weggehen wie warme Semmeln, wie geschnitten Brot.
Welches Unternehmen ist denn öfter mit seinen Produktinnovationen in der Presse als die neue Telekom? Welches Unternehmen kann denn glaubwürdiger von sich behaupten "Wir sind die Auskunft!"?
Wer ist näher am Volke, sensibler und empathischer? Wer entschuldigt sich öfter bei Aufsichtsräten, Aktionären, Gewerkschaften und Kunden? Keiner!
Machen die anderen keine Fehler? Doch, natürlich, nur kein Unternehmen lernt so wenig aus seinen Fehlern wie die Telekom!
In der letzten Woche schrieb die Businessweek einen Artikel, wie die amerikanische T-Mobile erfolgreicher werden kann. Sie plädierte dort auf:
1 - Welcome Openness
2 - Invest Directly in the User Experience
3 - Offer Contract-Free Plans
4 - Create Powerful Brand Relationships
(Businessweek: "Can T-Mobile Become the Heroic Mobile Carrier We Need?")
All das offeriert die Deutsche Telekom, die Mutter von T-Mobile, in Deutschland längst - wenn auch nicht ganz so, wie die Businessweek es sich wünschen würde.
1 - Welcome Openness
Offener und freizügiger als die Telekom kann niemand mit vertraulichen Kundendaten umgehen. Ich denke, hier ist das Ziel übererfüllt!
(Leider kann Rene darüber nicht im Fernsehen sprechen, da seine (Interview-)Partnerin ihn wegen Befangenheit nicht einladen würde. Man weiß gar nicht, ob das Pech oder ein Riesenglück ist!)
Rene könnte sich natürlich im Sinne Openness bei uns allen auf der Seite die-neue-telekom.de entschuldigen, aber die Seite will er bestimmt skandalfrei halten. Gar nicht so einfach.
Was nutzt es auch im Sinne Openness jetzt auf den Spiegel-Artikel zu reagieren? Er hatte zwei Jahre Zeit zu agieren!
Statt sich hinter uralten Videos zu verstecken, wäre wohl ein Blogversuch wie das Daimler-Blog nun wünschenswert.
2 - Invest Directly in the User Experience
Also meine User Experience ist nahezu perfekt. Wenn ich jetzt nur noch genau wüßte, ob meine Daten auch - da es ja jeden zweiten Kunden trifft - im Umlauf sind, wäre sie 100% perfekt. Ich kann mich noch erinnern, daß ich diesen Haken setzte bei dem Satz, daß ich meine Daten nicht im Telephonbuch veröffentlicht wissen möchte. Hat ja gut funktioniert!
Aber wir haben ja als normale Kunden (aufgrund unserer schieren Masse) noch Glück, die Einzelverbindungsdaten der wenigen Aufsichtsräte standen sogar in Aktenordnern zur Verfügung, wie das Handelsblatt schreibt.
Nicht nur, daß wir aufgrund der 'Knebelverträge' 2 Jahre gebunden sind und immens hohe Preise zahlen müssen, jetzt können auch noch alle über uns lachen, wenn das rauskommt und veröffentlicht wird.
(Wenn also in den nächsten Tagen hier kein neuer Text mehr online geht, hat die Telekom mein Kabel gekappt.)
Erleben, was verbindet! Immer weniger, lieber Rene, immer weniger.
3 - Offer Contract-Free Plans
Auch ohne Vertrag hat die Telekom den Datendieben netterweise die Preise hochgehalten, denn die Daten, die sie geklaut haben, sind ja nur wirklich wertvoll, wenn die Betroffenen ihre Telephonnummern nicht ändern. Und wie sollten sie das tun, wenn die Telekom den Skandal zwei Jahre geheim hält?
Vielen Dank, liebe Telekom, daß Ihr den Dieben noch ein potentiell gemütliches Auskommen beschert habt, statt die Betroffenen - also jeden zweiten Vertragsinhaber und alle Prominenten - zu warnen und damit die Preise gegen Null gehn zu lassen.
4 - Create Powerful Brand Relationships
Klarer als die Telekom in den letzten Wochen kann man kein Image kommunizieren und in den Köpfen der Opfer Konsumenten verankern. Glückwunsch. Da kann nichtmal Tonio mithalten, nicht wahr?
Nun, eigentlich ist es ein powerful Anti-Image, aber immerhin.
Inzwischen muß man sich nicht nur überlegen, wie man aufgrund der hohen Preise schnell genug von der Telekom wegkommt, sondern auch, daß man nicht irgendwo, unter einem anderen Namen (zB Congstar) in eine Telekom-Falle gerät.
Weit habt Ihr es gebracht, liebe Telekom!
Wann werden endlich die Konsequenzen gezogen? Wann zieht Frau Merkel die Notbremse? Was soll noch alles passieren, ehe irgendjemand merkt, daß die gesamte Spitze der Telekom - und anscheinend auch der Aufsichtsrat - vollkommen überfordert ist?
Denn: Was kann es für ein Telekommunikationsunternehmen wichtigeres geben für die eigene Reputation und damit auch für den eigenen Erfolg und den eigenen Aktienwert als das Vertrauen der Menschen in die Sicherheit ihrer Daten? Vertrauen - einmal in ihre Rechnungs- und Verbindungsdaten und zum anderen in die Sicherheit des privaten und nicht bespitzelten Telephonats?
In beiden Fällen hat die Telekom grandios versagt!
Was bleibt übrig von solch einem Unternehmen? Nichts, denn eigentlich sind diese Daten vergleichbar mit den Einlagen der Sparer bei einer Bank - und da weiß man ja gerade ein Lied von zu singen!




