Vergleichsweise niemand will Big Brother sehen und 'Die Patin' wird von Romy Schneiders Sissi geschlagen. Ist das Ende zweier Legenden nah? Von Ralf Schwartz.
Die aktuelle BB-Staffel kommt nicht so richtig an, um es einmal nett zu sagen, und landet selbst in der Tageszusammenfassung unter Senderschnitt (dwdl).
'Die Patin' mit Veronica Ferres muß sich (laut dwdl) gegen die gefühlt 37. Sissi-Wiederholung geschlagen geben.
Der Finger in der Wunde
Romy Schneider war immer ein bißchen verrucht, irgendwo blitzte immer der Skandal um die Ecke, der im Grunde aber keiner war.
Sie testete ihre Grenzen aus, sie war die junge Wilde. Die, die rauchte und sich verschämt barbusig zeigte.
Sie machte Andeutungen. Reizte, reizte aber nie aus. Sie war ein wirklicher Star, eine Persönlichkeit mit Fehlern, Träumen, Sehnsüchten.
Veronica Ferres will lupenrein sein, will in ihren Filmen die Gute, was sage ich: die Beste verkörpern, die sie im Leben nicht sein kann.
Veronica möchte bigger than Life sein, das geht nicht, wenn man nicht Fehler zuläßt, wenn man nicht an den eigenen Fehlern und Ecken und Kanten wächst, sondern diese sich verstecken und verbieten läßt. Da gibt es keine Widersprüche, keine Ungereimtheiten. Nichts, an dem man sich reiben kann.
Wer aber den Finger in der Wunde nicht zuläßt, kann den Stachel im Fleische nicht entfernen.
In Würde 'altern'
Diadermin scheint sie schon immer zu nehmen, Cover wirken um Jahre verjüngt. In Würde zu altern, die wahrhaft Großen des Filmes haben es in Hollywood vorgemacht - wo ist also das Problem?
In Würde zu altern ist eine Art von Stolz, zeigt Charakter, Persönlichkeit, Selbstbewußtsein, ein kleines bißchen Weisheit.
Big Brother kann auch nicht in Würde altern, will sich neu erfinden, extremer werden, stringenter, reibungsloser. Tatsächlich wird es dadurch einfältiger statt vielfältiger, wird langweiliger, oberflächlicher, durchschaubarer, vorhersehbarer.
BB lebt von den Menschen und ihren Gesprächen, ihren Dialogen, ihren Auseinandersetzungen. Das geht nicht ohne Persönlichkeiten, ohne Reibungen, ohne wirkliche Charaktere.
BB aber wird dümmer, nicht schlauer. Weil die Protagonisten auf gewisse Art dümmer werden (ohne dem Einzelnen weh tun zu wollen). Sie sind einander zu ähnlich, hier entsteht nichts neues auf kreativer Ebene durch die Interaktion der Einzelnen.
Nicht die Battles sind das Salz in der Suppe, sondern die Interaktionen der Menschen!
Distanzen
Veronica Ferres ist so weit von Romy Schneider entfernt, wie die aktuellen BB-Protagonisten von ihrem Publikum.
Sie wollte natürlich nie Romy sein, die Frage stellt sich gar nicht, und das Publikum intuitiv niemals so wie die BB-Bewohner. Das ist normal.
Während Romy ein Star ist, sind die Bewohner zu flach. Man versteckte sich, statt mit seinen Fehlern, Wünschen und Sehnsüchten zu leben. Versteckte sie, statt sie auszuleben. Das Publikum möchte nicht in der Öffentlichkeit stehen, will aber beobachten, wie einer von ihnen mit der Öffentlichkeit zurecht kommt. Mit den anderen zurecht kommt, will in den anderen seine eigenen Gegner identifizieren, will sich nicht mehrfach geklont in Himmel und Hölle wiederfinden.
Die Distanz des Einzelnen zur Gruppe ist wichtig, das anders sein - nicht um des Andersseins willen, sondern um der Realität willen.
Die aktuellen Bewohner sind widerspruchsfrei. Vielleicht sogar ein wenig unterhalb des gefühlten Niveaus des Publikums. Zu nah am Publikum und deshalb zu weit entfernt.
Authentizität und Schluß
Solange BB und Veronica nicht zu ihren Widersprüchen stehen können, solange werden sie nicht finden, was sie suchen. Es geht nicht darum, einfach und eindimensional zu sein, um erkannt, bevorzugt und geliebt zu werden. Es geht darum, authentisch zu sein.
So wenig, wie Veronica im Leben und im Film authentisch ist, so wenig sind es die artifiziell, aus niederen Beweggründen der Profitmaximierung zusammengestellten BB-Bewohner in ihrer Repräsentativität des schauenden Volkes.
Es geht darum, komplex zu sein, denn das Leben ist komplex. Die Menschen sind komplex. Gute Filme sind komplex. Gute Charaktere in guten Filmen sind komplex.
Wenig komplexe Charaktere sind langweilig. Simple Plots sind langweilig.




