Der 'Spektrum der Wissenschaft' Relaunch zeigt die Krise der Presselandschaft eindrucksvoll: Der Leserbrief als Medium sozialer Interaktion! Eine kurze und schmerzlose Diagnose. Von Ralf Schwartz.
"Liebe Leserin, lieber Leser," schreibt Richard Zinken, Chefredakteur Online, Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft, in einem Newsletter. "Mit dem Internet ist es wie mit Hunden: Ein Hundejahr zählt wie sieben Menschenjahre, weil die treuen Vierbeiner sich so flott entwickeln.
Ein Jahr Online zählt wie sieben Jahre Druck, weil sich Technik und Nutzungsgewohnheiten so schnell und stetig verändern. Also mussten auch wir mal wieder ran an unsere lieb gewonnenen, aber überholungsbedürftigen Webseiten."
Diagnose
"Ein Jahr Online zählt wie sieben Jahre Druck ..." erklärt eindrucksvoll die Krise der Printbranche, denn dort hat man 7 reale Jahre lang nichts getan. Vielleicht macht der Satz aber auch insgesamt keinen Sinn.
Wissenschaft sollte immer am Anfang der Entwicklung stehen, sollte Wegbereiter sein, Entdecker. Sollte die Menschen zu den Weißen Flecken der Welt führen und diese mit Erkenntnis und Wissen füllen. Sollte neue Techniken und Möglichkeiten als erste nutzen, weil damit meist ein Wissensvorsprung, eine schnellere, effizientere und effektivere Verbreitung des Wissens verbunden ist.
Sollte auch Experimente wagen, Neuland betreten, Erfahrungen sammeln, stellvertretend für die Welt seiner Leser lernen und dieses Wissen und die Learnings den Menschen zur Verfügung stellen. In praktischen Anwendungen den Nutzen maximieren.
Hier hat Spektrum auf ganzer Linie und eindrucksvoll - zumindest im Hinblick auf den neuen Web-Auftritt - versagt.
Therapie
Lassen Sie uns die Therapie diesmal durch ein paar einfache Fragen strukturieren. Die Suche nach Antworten ist dann zentraler Teil der Therapie.
"... weil sich Technik und Nutzungsgewohnheiten so schnell und stetig verändern." - wenn man das aber weiß, warum gibt es dann unter den Online-Artikeln keine Kommentar-Funktion, sondern nur die Möglichkeit einen Online-Leserbrief zu schreiben?
Warum darf man die Artikel nur drucken, aber nicht seinen Freunden, Kollegen, dem Rest der Welt weiterempfehlen?
Warum hat man sich nur layout-technisch, nicht aber inhaltlich, nicht im Sinne Social Media weiterentwickelt?
Warum nur deutsche Artikel und keine wirkliche Verbindung zu den Ausgaben anderer Länder (außer dem versteckten Länder-Link am Boden der Seite)?
Warum geht man so äußerst zurückhaltend mit Slideshows, Photos und Videos um? Hier böten sich doch phantastische Möglichkeiten für ein Wissenschafts-Magazin! Hier könnte man den Menschen die ganze Welt der Wissenschaft in bunten und bewegten Bildern nahebringen!
Prophylaxe
Vielleicht sollte nicht unbedingt ein anscheinend verhundeknöcherter Redakteur mit seinen Online-Erfahrungen zu Rate gezogen werden, sondern der Blick geöffnet sein auf die wahren Möglichkeiten des Netzes - auch in Deutschland - und die etwas weiter fortgeschrittene amerikanische Mutterseite scientific american.
Vielleicht sollte man von Blogs lernen, von Community-Sites, von Shopping- und Empfehlungs-Sites, von Video- und Photo-Sites.
Vielleicht sollte man sich zu einem marketing-geleiteten Marken-Denken öffnen und nicht länger versuchen, ein altes Medium in einem neuen Medium zu sein, sondern eine relevante Marke in einem neuen Medium!
Dies erfordert eine vollkommen neue Denk- und Herangehensweise aller Beteiligten, vor allem aber eine Vorbild-Funktion der verlags-eigenen Visionäre, so sie denn zum Weitblicke fähig sind (denn bisher wurden sie wohl eher unterdrückt).
Der beste Ansatz aber ist, vollkommen neu mit einem weißen Blatt Papier zu beginnen, und zu beschreiben, was heute online objektiv möglich ist, was heute die Vision des Spektrum ist, und wie diese Vision am idealsten online abgebildet werden kann.
Der Wille, sich zu wandeln, muß entwickelt werden. Die Möglichkeiten sind vorhanden, in den Weiten des Netzes, allein die Kenntnis fehlt und der Wille, diese zu erlangen. Zu früh ist man mit zu wenig zufrieden.




