Der sich selbst rühmende Blogger Knüwer, Indiskretion Ehrensache, folgt seinem journalistischen Ur-Instinkt nach Gutsherrenart und löscht mißliebige Kollegen-Kommentare statt sie ernstzunehmen. Von Ralf Schwartz.
Was ist passiert? Thomas Knüwer, Autor des Handelsblatt Spin-Offs 'Indiskretion Ehrensache', hat wiedermal über seine Kollegen geschrieben und einigermaßen Zuspruch bekommen. Auch von der mediaclinique, die wertfrei auf einen eigenen Artikel ("HuffPo: 100 Millionen! Print: Sterbender Schwan!")
verwies bzw. später der im Sande verlaufenden Diskussion eine neue Wendung geben wollte: "Ist Print tot? Verdammt, es lebe Print!!!").
Knüwers Artikel "Weil der Journalist sich ändern muss" selbst ist vom Inhalt her alt/bekannt, nicht besonders gut geschrieben, als solcher aber immer für ein paar aufgeregte Kommentare gut.
Spannend wurde es erst als der Kommentar eines Handelsblatt-Kollegen einfach von Thomas Knüwer in Ermangelung einer passenden Replik gelöscht wurde und dies dem ein oder anderen geneigten Leser auffiel.
(Der Kommentar ist am Ende dieses Textes zitiert, er wurde von Stefan Niggemeier in "Thomas Knüwers Ende der Debatte" wiedergegeben.)
Der Kommentar von Sönke Iwersen ist der aufgeregte, emotionale Schrei eines Kollegen, der die Innensicht mit der Außendarstellung des Thomas Knüwer vergleichen kann, und wohl auch schon länger beobachtet und sich echauffiert.
Ob das zurecht passiert oder seine Sicht richtig ist oder er zu emotional schreibt, ist im Grunde und angesichts der Tatsache, daß sein Kommentar gelöscht wird, zweitrangig.
Ich will nicht all die Stellen zitieren, an denen die Meute ihre Fänge in Knüwers journalistisches Fleisch schlägt, aber die größten Wunden werden hier gerissen: Indiskretion Ehrensache und Stefan Niggemeier. Übrigens vollkommen zurecht!
Mancher diskutiert zwar leicht am Thema vorbei, verstrickt sich in Einzelschicksalen, Alltagsdramen auf Reader's Digest Niveau oder in freundschaftlichen Sentimentalitäten, aber der wichtigste Aspekt, daß nämlich hier einfach eine Meinung nach journalistischer Gutsherrenart mundtot gemacht wird, ist doch als Roter Faden erkennbar.
Mundtot gemacht von einem, der sich als Blogger feierte und das deutsche Erbe einer Mischung von Jeff Jarvis und Stefan Niggemeier antreten wollte.
Nun, dazu gehört mehr - wie wir spätestens seit dem Vorfall eindrucksvoll an unserer instinktiv eigenen Meinung zum Thema ablesen können. Und wenn nicht, fehlen auch uns Rückgrat und Wertgefüge des Journalisten alter Schule.
Was bloß ist so furchtbar daran, einen Kommentar zu löschen?
1 - Es ist nicht irgendein Kommentar. Man lasse sich die Sätze des Kommentars auf der Zunge zergehen. Und bedenke, dies ist der Kommentar eines Alltags-Kollegen, eines Menschen, der die Knüwer-Situation von uns allen noch am besten beurteilen kann.
2 - Die Löschung zeigt die Ohnmacht des Thomas Knüwer, mit Kritik jedweder Art konstruktiv und wertneutral umzugehen.
3 - Der Blogger lebt von diesen Kommentaren und der Auseinandersetzung mit ihren Autoren. Sich reiben bringt neue Synapsen!
4 - An ihren Taten werdet ihr sie messen, nicht an ihren Worten. Das heißt, es nutzt auch überhaupt nichts mehr, wenn Thomas Knüwer nun an jeder Ecke beteuert, wie wichtig ihm eigentlich Kommentare sind und er doch gerne diskutiert und an Kommentaren wächst.
5 - Das Argument, Sönke Iwersen vor arbeitsrechtlichen Schritten bewahren zu wollen, zeigt noch stärker die Arroganz des Th. Knüwer, denn warum soll ein S. Iwersen nicht einfach frei entscheiden und sich der Konsequenzen dieses Tuns bewußt sein können?
Es liegen eben Welten zwischem dem Blogger und dem Journalisten. Und er kann sich noch so sehr wünschen als kritischer Blogger und Gewissen und Vordenker seiner Journalisten-Zunft in die Annalen einzugehen, im Grunde ist er wohl doch nur das, was er an seinen Journalisten-Kollegen so un/heimlich verachtet.
Thomas Knüwer scheint im Herzen noch kein Blogger
Th. Knüwer hat gezeigt (ja, auch mit einer einzigen unüberlegten Aktion), daß er im Herzen kein Blogger ist.
Blogger folgen einem klaren Codex, der sie (wertfrei) von Journalisten unterscheidet. Dies muß der normale Journalist noch lernen.
Dies steckt jedoch im Blute eines Jeff Jarvis oder Stefan Niggemeier, mit denen Th. Knüwer wohl - auch wenn nur selbsternannt - nicht mehr in einem Atemzug genannt werden wird.
(Das interessante ist ja gerade, daß er 'unüberlegt' handelte. Hier hat er seinen überwunden geglaubten Instinkten gehorcht - und die sind eben immer noch die des durchschnittlichen Journalisten!)
Man kann nicht seine eigene Maxime, an denen der Journalismus genesen soll, bei sich selbst verraten.
Knüwer will auf dem Level eines Jarvis gesehen werden, verhält sich aber - wenn es darauf ankommt - wie im Kontinuum zwischen 12-jährigem Mädchen und Bild-Lokalreporter.
Allzu schimmerlos tappt er, der immer allen anderen predigte, es besser zu wissen, in die offensichtlichste und laienhafteste Falle des Blogger-Alltages.
Journalist nach Gutsherrenart
Th. Knüwer scheint weder aufrechter Blogger noch Journalist der alten Schule zu sein. Schade, denn das oberflächliche Bild war ein gutes, wenn auch hier und da durchsetzt mit einem Glanz, der seiner Zeit voraus war und noch eingeholt werden wollte durch die Realität des eigenen Handelns.
Solche Fehler passieren einem, wenn die Aussensicht wichtiger ist als innere Werte, wenn die schnelle Karriere wichtiger ist als die gute Geschichte, wenn man sich gebrandmarkt fühlt durch das Label Journalist, wenn man es als Kains Mal versteht, statt als Auszeichnung. Wenn man Journalist nicht sein will wegen einiger Schwarzer Schafe, Blogger aber nicht sein kann, weil man die Mentalität weder inhaliert hat noch lebt.
Lehnt man sich allzu weit aus dem Fenster, kann man schonmal einen Blumentopf abbekommen!
Journalist neuer Schule
Dazu gehört eben mehr als die oberflächliche und publikums-attraktive Nutzung der modernen Telekommunikations-Techniken. Dazu gehört ein Wertesystem, das die Meinung der anderen wertschätzt. Ein System der Offenheit und Diskussionskultur. Ein System traditioneller Werte.
Dazu gehören immer noch die Werte des Journalismus alter(!) Schule.
Wir wollen ihn jedoch heute nicht endgültig verdammen. Wir wollen vielmehr hoffen, er lernt aus seinem Handeln, wird authentischer an seiner Persönlichkeit arbeiten und leben, was er predigt. Wir wollen hoffen, er geht auf seinen Kollegen zu und sie entwickeln zusammen die neue 'Indiskretion Ehrensache' (was ein guter Start sein könnte!), raufen sich zusammen, gleichen ihre Werte ab, lernen voneinander, entwickeln sich und werden beide doch noch die Jeff Jarvis' und Niggemeiers der deutschen Szene.
Und eines muß man sich zum Schluß auch klar machen: In 5 Tagen ist alles eh wieder vergessen!
Der Kommentar von Sönke Iwersen bei stefan-niggemeier.de "Thomas Knüwers Ende der Debatte":
"Lieber Thomas,
Bei aller kollegialer Zurückhaltung: mir ist kein Journalist bekannt, bei dem Selbstdarstellung und Realität derart auseinanderklaffen wie bei Dir. Vielleicht könntest Du die permanente Selbstbeweihräucherung mal kurz unterbrechen und erklären, warum Deine fantastische Verdrahtung über Xing, Facebook, Twitter und Co. so wenig journalistischen Mehrwert bringt. Wenn es tatsächlich so wäre, dass diese Kommunikationswege neue Infos erschließen – warum kommen die Scoops im Handelsblatt dann nicht von Dir, sondern immer von anderen Kollegen?
Man kann Dir oft dabei zusehen, wie Du selbst in Konferenzen ständig mit Deinem Telefon herumdaddelst. Vielleicht twitterst Du nur grad, dass Du grad gern einen Keks essen würdest – wer weiß das schon. Jedenfalls führt das Ganze nicht dazu, dass Du das Blatt laufend mit Krachergeschichten füllst. Bieterkampf bei Yahoo? Neues vom Telekomskandal? Untergang von Lycos? Das alles wären doch Themen, zu denen Dir, dem hyper-vernetzten Journalisten, die Insidernachrichten zufliegen könnten. Tun sie aber nicht. Stattdessen stellst Du gern mal eine Nachricht als exklusiv vor, die morgens schon über Agentur lief oder in der New York Times stand.
Ich verstehe einfach nicht, warum Du ständig diejenigen Kollegen runtermachst, von deren Geschichten Du selbst lebst. Eine große Zahl Deiner Blogeinträge basiert doch auf Artikeln Deiner Print-Kollegen, zu denen Du dann einfach Deinen Senf dazugibst. Ohne die von anderen recherchierten Grundlagen hättest Du da nichts zu schreiben.
Du behauptest, die Journalisten müssten sich ändern und meinst damit wohl, sie müssten so werden wie Du. Es ist aber so, dass die meisten Kollegen gar kein Interesse daran haben, Nachrichten einfach nur wiederzukäuen, so wie Du.
Es ist Dir ja unbenommen, in Deinem Blog eine Art Resteverwertung zu betreiben. Aber bitte verkauf das nicht als Zukunft des Journalismus."
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