'Horizont', Fachtitel der Werbe- und Medien-Branche, startete letzte Woche eine Rückrufaktion, die der Autobranche zur Ehre gereicht. Hatte sich doch tatsächlich ein Artikel zu weit aus dem Fenster gelehnt und etliche Print-Tode angekündigt. Von Ralf Schwartz.
Zum Glück ist Stefan Niggemeier irgendwo darüber gestolpert und hat die Sache aufgegriffen. Hatte doch Horizont ganze 17 Mediaplaner um ihre Einschätzung gebeten, welche Printtitel als nächste das Zeitliche segnen könnten, und 14 haben auch noch geantwortet.
Wenn dann, schlimmer noch, plakativ der oberste Mediaplaner der Republik, Jürgen Blomenkamp, CEO über Werbekunden-Milliarden, prognostiziert, daß der Markt auch gut mit der Hälfte der Titel auskommen könne, erregt das natürlich die Gemüter des ein oder anderen erfolgsverwöhnten Verlagsmanagers, genannt wurden Titel von Gruner, Burda und Bauer, der dann wohl ob der internet-überbrachten Vorabmeldung dieser exklusiven Story nach Luft schnappen und zum Hörer gegriffen haben muß, um die Printausgabe zumindest noch zu stoppen.
Man weiß es nicht, hier muß auch Herr Niggemeier spekulieren. Die Details der Geschichte also hier: "Rückrufaktion für Journalismus".
Tatsache ist wohl, daß die Produktion der Printausgabe unterbrochen wurde, um den Artikel zu optimieren, da dieser laut Horizont-Chefredaktion die Qualitätskontrolle nicht geschafft hat - was ja nicht mal gelogen scheint.
Seit Monaten sterben die Zeitschriften und Zeitungen
Daß an dieser Sterbe-Story absolut nichts neu ist, haben die Verlags-Manager in diesem schrecklichen Moment der Wahrheit wohl verdrängt (denn über welche Zukunft sonst reden wir seit Monaten, wenn das Internet erst mal mit seiner ganzen Intelligenz auf Print eindrischt?).
Beim aktuellen Titelsterben rund um die Welt ist es nicht unbedingt schwierig, eine Reduktion von 50% in den nächsten 5 Jahren zu prognostizieren, oder? Und bestimmt nicht für jemanden, der sich den ganzen Tag mit der Situation der Medien beschäftigt. So wie Jürgen - oder die Verlagsmanager.
Leider haben sich wohl beide Seiten in den letzten Monaten nicht so recht miteinander und zu diesem Thema auseinandergesetzt, denn sonst gäbe es ja vielleicht eine Lösung, zumindest aber eine positivere Einschätzung.
50% ist noch entgegenkommend
Andererseits muß man auch klar sagen, daß die Langsamkeit und die Auswahl der Methoden, mit denen die Verlags-Manager-Millionäre auf das Aufkommen des Internets in den letzten Jahren reagieren, einem schon Angst machen kann.
Daß nur 50% der Titel eingestellt werden ist schon, denke ich, nett von Jürgen gewesen und ein Zeichen seines guten Willens, es nicht noch schlimmer zu machen.
75%+ scheint realistisch
In bestimmten Genres wie Wirtschaftspresse, Boulevard, Frauen- und TV-Zeitschriften kann man genausogut mit 75% und mehr an Titel-Einstellungen rechnen.
Die meisten Menschen draussen an den Kiosken würden es nichtmal merken, zu homöopathisch sind die Auflagen manchen Titels, der noch um die Gunst des Mediaplaners gegen seinen seit der Geburt getrennten Zwilling aus dem Verlage gegenüber kämpft.
Wer braucht schon Woche für Woche 4-mal die gleichen Brüste - na gut in unterschiedlichen Dimensionen - vor dem 4-mal gleichen TV-Programm?
Ohne Wandel 0% Zukunft
Das Kind, das mancher noch meint, mit dem Bade auszuschütten, ist doch längst in den Brunnen gefallen. Die Verlage haben längst verloren. Und wären die Agenturen - auf Kosten der Werbungtreibenden - nicht so furchtbar nett(!) zu den Printleuten, immer noch ihre Anzeigen zu makeln, hätte die Zäsur schon längst stattgefunden.
Einzig hilfreich wäre 3-facher Mut: im Verlag endlich relevante Titel zu bringen, in der Agentur, diese endlich dem Kunden zu empfehlen, beim Kunden, diese Titel endlich zu belegen. Dies kann natürlich nur gelingen, wenn die 3 endlich mal an einem Strang ziehen, einander nichts mehr vormachen und endlich wieder Vertrauen wachsen kann, das Beste für den Markt, den Konsumenten zu tun und nicht primär nur für die eigene Tasche.
Die Presselandschaft lebt von Vielfalt, lebt von Entwicklungen und auch Einstellungen, lebt vom Wandel, lebt aber nicht von der Einfalt, nicht von der Adaption, nicht von der Taktik, anderen die Geschäfte kaputt zu machen, sondern von Strategien und Visionen! Von mutigen, phantasievollen, sauber gemachten und hochwertig journalistisch betreuten Titeln und Angeboten, die idealerweise Offline und Online integrieren.
Bezogen auf das, was den Verlagen wirklich droht, ist der Horizont-Artikel weniger als ein Sturm im Wasserglas.
UPDATE 081208, 08:51:
Warum übrigens eine freie Presse so wichtig ist und warum es deshalb auch für Fachzeitschriften wichtig wäre, frei von zB. Verlags- und Werbekunden-Interessen zu sein und warum deshalb den Marketing- und Agentur-Menschen auch ein freier Horizont - im doppelten Sinne - wichtig sein sollte, steht heute bei bwl2.0 "Die Zukunft der Zeitungen im Internet: Decision Enabling als Geschäft".




