Publishing 2.0 bringt es dieser Tage auf den Punkt: Nicht-Geschichten konsequenterweise auch nicht zu schreiben, wäre eine dringend notwendige Innovation des heutigen Journalismus.
Wir hatten es am 21. Oktober schon (polemisch) als einen der wichtigsten Charakterzüge des idealen Bloggers beschrieben:
"DIE GRÖSSE, AUCH MAL ZU SCHWEIGEN!
Oft fehlt mir bei vielen Blogs die Bereitschaft - oder Größe - auch mal einen Tag einfach die Klappe zu halten und sich nicht in Rivva oder Blogmonitor an jeden noch so kommerziellen Mist anzuhängen, nur um dort im Ranking zu steigen." (mediaclinique "Das Ende des Bloggens - Blogs sind so 2004!?")
Nun beschreibt publishing 2.0 dies in viel gewählteren Worten als eine der wichtigen und notwendigen Innovationen des Journalismus unserer Zeit: "... they have to practice innovation-by-omission. That is, they need to stop writing stories that don’t deserve to be written." Dies kann man hier nachlesen.
Journalisten, und um die soll es heute gehen, werden eher nach Zeilen oder Worten, nicht aber nach Qualität des Inhaltes oder Textes bezahlt. Hauptsache, der Artikel paßt irgendwie in ihr grobes Thema oder Beuteschema.
Da fällt es natürlich leicht, irgendwo abzuschreiben, sich auf den Boulevard zu konzentrieren und Millionen Non-News wie 'Cameron küßt gern mit Zunge' zu bringen und dies - wegen der Zeilenzahl - noch ein wenig auszuschmücken.
Oder ominöse Studien zu verbreiten, die einem an jeder Ecke angeboten werden, wie publishing 2.0 schreibt.
Die viel spannendere Frage ist aber doch, was übrigbliebe, würden plötzlich diese seitenfüllenden Bleiwüsten, eben nicht mehr die Seiten füllen, sondern gähnende Leere hinterlassen?
Würden sich Journalisten finden, die voller Inbrunst über bisher vernachlässigte Themen schrieben? Über Politik? Weisheit? Philosophie? Den Sinn der Welt? Die Suche nach Gott? Wirtschaftliche Zusammenhänge? Finanzwirtschaftliche gar?
Würden sie Strategien entwickeln, wie dieses Land und diese Welt zu retten sei vor den Politikern? Vor den Managern? Vor den Journalisten gar?
Würden sie sich neu erfinden können, wenn sie es jetzt nicht können? Würden sie von vorne beginnen können, wenn sie es jetzt nicht können (Thomas Knüwer, "Weil der Journalist sich ändern muß")? Würden sie den Mut aufbringen, den sie jetzt nicht haben (mediaclinique, "Ist Print tot? Es lebe Print!")? Würden sie die "6 Dimensionen des Qualitätsjournalismus" mit Leben füllen können?
Wie würden unsere Online-Zeitungen und Zeitschriften, unsere Offline-Zeitungen und Zeitschriften aussehen, wenn sich die Journalisten daran halten würden, nur noch das Relevante zu schreiben?
Die Seiten wären wohl leer. Weiß. Unschuldig.
Einzig erhalten blieben die Überschriften, die man aus der heutigen Bleiwüsten-Zeit in die Zeiten nach der Bleiwüste extrapolieren könnte, denn niemand sollte ja merken, daß die Seiten eigentlich leer sind.
Die typische Zeitung neuer Prägung, also im Grunde ohne Text, würde sich demnach so gliedern:
- Politik: Warum Weisheit nichts mit weißem Haar zu tun hat
- Wirtschaft: Überblick über relevante deutsche Innovationen
- Bildung: Malen ohne Zahlen für Erwachsene
- Ratgeber: Der Beginn Deines neuen Lebens ist ein weißes Blatt Papier!
- Philosophie: Weiße Flecken auf den Landkarten unseres Lebens
- Kultur: Warum weiße Schallplatten weniger Erinnerungen wachrufen
- Kochen & Familie: Weißwürste aus nächster Nähe
- Jugend: Eisbären am Pol bei Sonnenaufgang
- Auto: Schnee auf weißem Audi Q7
- Sport: Curling im Nebel
- Wetter: Noch mehr Schnee
Das würde zwar keine Qualität optimieren, denn dafür bräuchten wir ein neues journalistisches Denken, wäre aber zumindest weniger gesundheitsschädlich, wenn man den Fisch darin einwickelt.
> Inspiriert durch publishing 2.0 "Why not writing a Story is innovation".




