Eindrucksvoll symbolisiert die buchstabenlose Tastatur die Krise des Qualitätsjournalismus: Erfolg und Qualität werden immer zufälliger, niemand hat ein Rezept, keiner kann sich mehr mitteilen. Von Ralf Schwartz.
Die buchstabenlose Tastatur auf untenstehendem Bild des inquisitr erkennt dieser als das Eintrittsgeschenk zum Apple-Fan-Himmel.
Image courtesy inquisitr and essell.
Wir sehen hierin eher die Tastatur des Qualitätsjournalismus - so er schon mit PC oder Mac schreibt, und nicht seine gute alte Reiseschreibmaschine nutzt.
Das Altbekannte loslassen, das Neue umarmen!
Was früher als netter Spleen gesehen wurde, als philosophische Hornbrille des Qualitätsjournalisten sozusagen, steht seinem Erfolg heute diametral gegenüber: man kann sich nicht mehr von der Welt abkapseln und über sie philosophieren ohne in sie eingebunden zu sein. Man findet keine Lösungen mehr ohne eine Verbindung zu dieser Welt. Es geht nicht mehr ohne den Finger am Puls der Zeit. Geht nicht mehr ohne das bildliche Ohr am Schienenstrange, denn die heutigen Züge kommen schneller und gleichzeitig langsamer, sie kommen in kürzeren Abständen, und auf mehreren Bahnen gleichzeitig, sie bremsen nicht mehr für den Einzelnen. Sie halten nicht mehr an jeder Gießkanne.
Es nutzt nichts, zu lamentieren wie Hubert Burda "You get lousy pennies on the web!”, aber gleichzeitig Innovatoren wie Christiane zu Salm ziehen zu lassen ("Chapeau Christiane!") und lieber auf die alten Garden à la Welte und Todenhöfer zu setzen ("Christiane zu Salm verlässt Burda").
Solange die Qualitätsjournalisten- und -Verleger sich gegen die Online-Anbindung im Herzen wehren, solange werden sie keine Erfolgsmodelle entwickeln können.
Erst, wenn sie dieses Medium, die neue Geschwindigkeit, die neuen Regeln (zB des Bloggens, der Öffentlichkeit, der direkten Kommuniktion, der konstruktiven Konfrontation, des Diskurses) akzeptiert haben, werden sie Erfolgsmodelle entwickeln können.
Sie müssen das Alte loslassen können, um das Neue in ihre Arme schließen zu können.
Qualität kommt auch von Qual!
Schon immer wurden Zielgruppen fragmentierter, schon immer wurde es dann teurer, spezielle unter ihnen zu erreichen, geschweige abzudecken, schon immer wurden spezifischere Produkte für diese Zielgruppen entwickelt, die Unternehmen und Medien wohlhabend werden ließen.
Warum also schielt plötzlich jeder auf die Masse und keiner mehr auf die Klasse? Warum suchen alle ihr Heil in schnell, billig und ubiquitär? Warum entwickelt niemand wirklich überlegene Produkte? Warum denken alle von den Kosten her und nicht vom Nutzen? Warum träumen alle von Apple, handeln aber wie Microsoft?
Warum ist Orthographie plötzlich zweitrangig gegenüber der schnellen Nachricht? Warum ist die tiefgründige Information, die profunde und quellenreiche Recherche plötzlich zweitrangig gegenüber dem Symbolphoto und der Click-Strecke?
Warum meint plötzlich jeder, niemand hätte mehr die Zeit einen anspruchsvollen Text zu lesen? Warum wird alles nur bunter, kürzer, informations- und hintergrund-ärmer, generischer und damit austauschbarer, schneller verderbend und damit wertloser?
Warum gibt man statt schlechtgemachtem Durchschnitt (Vanity Fair) und schlechtgemachten Extremen (Park Avenue, Rich), nicht einfach wirklich guten Konzepten eine Chance, sich am Markte zu behaupten? Oder gibt es nichtmal mehr gute Konzepte in den Kopf-Etagen der Verlags- und Medienhäuser?
Ohne Risiko wird man nicht das Besondere schaffen, ohne Marktverständnis wird man nicht das Besondere finden, ohne Mut und langen Atem wird das Besondere nicht überleben.
Agieren, nicht Reagieren!
Nicht die schnelle Reaktion ist in diesen Zeiten entscheidend, sondern die strategische Aktion. Reaktionen sind fehlleitend, da sie hyperaktive Ausdrücke vermeintlich fehlender Alternativen repräsentieren.
Sie scheinen intuitiv, sind es aber nicht, weil niemand genug Erfahrung aufbauen konnte, um plötzlich intuitiv zu sein, wenn er sich bisher dem Medium verschloß! Intuition und Reflexe haben sehr viel mit Erfahrung zu tun, mit eigenem Erleben und der Generationen vor uns.
Strategien können heute nicht mehr von den Burdas, Weltes und Todenhöfers kommen, nicht von den Kundruns und Kollegen. Strategien müssen heute von denen kommen, die mit dem Medium aufgewachsen sind, von langjährigen intensiven Nutzern. Alle anderen sind zu gefangen in einem alten Denken, das die falschen Reaktionen zeitigt.
Die buchstabenlose Tastatur
Die Klaviatur muß neu bespielt werden, neue Regeln müssen gefunden werden, sie müssen abgeleitet werden aus zukünftigen Möglichkeiten, nicht gestrigen Erfolgen. Sie müssen spielerisch entwickelt werden, nicht engstirnig. Man muß Fehler machen dürfen, aber man muß daraus lernen und sich entwickeln.
Die buchstabenlose Tastatur ist eine Chance für alle Beteiligen. Sie ist das keusche Blatt der neuen Vision. Das weiße Blatt, das vorurteilsfreies Denken im wahrsten Sinne des Wortes erlaubt.
Eine neue Grammatik des Erfolges muß geschrieben, neue Zeichen müssen gesetzt werden. Neue Märkte müssen abgesteckt, neue Muster erkannt werden. Die Enge des eigenen Marktes muß verlassen werden. In diesen Zeiten helfen Analogien aus angrenzenden Märkten weiter als das Kleben an traditionellen Lesarten.
> Siehe auch CARTA "Peichl befürchtet Dauerkrise des Qualitätsjournalismus im Netz".


