60 lange Stunden nach der Hausdurchsuchung bei wikileaks haben 4(!) organisierte Redaktionen darüber berichtet. In Winnenden geschah alles in 6 Minuten! Prioritäten! Von Ralf Schwartz.
Morgens um halb 10 in Deutschland: Wenn man sich auf die deutsche Google-Suche nach "Hausdurchsuchung Wikileaks" (ohne Anführungsstriche und ohne Safe-Filter) macht, findet man unter den ersten 200(!) Search-Ergebnissen nur Heise, Süddeutsche, Merkur, Computerwoche. (Der Spiegell verweist auf mobi, läßt sich aber am Rechner nicht öffnen.)
Wo ist der Rest der etablierten Titel und Jornalisten? Warum liest man nichts von ihnen? Sind sie nicht in Google gelistet unter den ersten 200 Treffern? Nach 60 Stunden? Wer hat da kein Interesse? Die Menschen oder die Presse? (Ich denke, ich muß hier nicht explizit erwähnen, daß die übrigen 196 Ergebnisse aus Blogs, etc. resultieren.)
Im Detail sieht das so aus:
Am 24. März, 22:35 Uhr, tweetete wikileaks (keine Angst verlinkt nur auf Twitter) > "Gefahr im Verzug-Hausdurchsuchung bei Wikileaks.de Domaininhaber wegen Internet-Zensurlisten - stay tuned".
Heise berichtete ausführlich am 25. März, 09:43 Uhr: "Hausdurchsuchung bei Inhaber der Domain wikileaks.de [Update]".
Die Süddeutsche erwähnt die Hausdurchsuchung nichtmal in ihrem Artikel "Sperren ist keine Lösung" vom 25. März, 13:20 Uhr.
Der Merkur schafft es zwar gerade nur, sich lustig zu machen ("Die Netzwelt hat einen neuen Aufreger: ..."), hat aber wenigstens schon die einschlägigen Blogs konsultiert:
"... Bei dem Projekt Wikileaks gab es eine Hausdurchsuchung. Wikileaks veröffentlicht pikante Dokumente, sodass die Absender anonym bleiben. Dort haben Ermittler nun eine Liste von in Australien gesperrten Internetseiten gefunden, schreibt der Autor von Svens Blog. Nun beschweren sich die Blogger, dass statt der Verbrecher nun diejenigen bestraft werden, die sich für Politik und die Arbeit der Polizei interessieren. Klare Worte finden auch Fefe und der Compyblog."
Die Computerwoche stolpert am 26. März, 11:45 Uhr, über die News: "Hausdurchsuchungen bei Wikileaks.de-Domaininhaber".
Der Qualitätsjournalismus deutscher Prägung hat anscheinend immer noch nicht (mediaclinique: "Journalisten: Vierte Gewalt oder Fünftes Rad?" - und deshalb möchte ich mich hier auch nicht wiederholen) die Relevanz des eigenen Interesses an und der eigenen Arbeit für die Presse-, Meinungs-, Entscheidungs- und Handlungsfreiheit im Lande verstanden.
Welche Antworten hat der Journalismus, warum ihn genau diese Thematik weitaus weniger als Winnenden interessiert?
Fehlt der Schock?
Für die, die Bescheid wissen und in das Thema involviert sind, ist es ein Schock, wenn auch ein in pessimistischen Kreisen erwarteter!
Fehlt die Sensation?
Die kann ich liefern. Die Presse könnte das so sehen - wie ich es formuliere:
"Perfider kann man das Gesetz gegen Kinderpornographie nicht zu seinem eigenen Nutzen verbiegen als es U.vdL gerade praktiziert:
Da möchte ein unbescholtener Bürger zeigen, wie wenig(!) Kinderpornographie in den Zensurlisten der Länder steckt, die U.vdL als leuchtende Beispiele ihrer Pläne nennt, möchte also zeigen, daß der Kinderpornographie-Aspekt nur vorgeschoben ist, da räumt man seine Wohnung polizeilicherseits auf und verdächtigt ihn der Verbreitung kinderpornographischer Schriften, da er auf die aufklärende Site verlinkte."
Fehlen die Toten, die Verletzten, die verzweifelten Angehörigen? Fehlen die Bilder vom Tatort?
All das braucht man nicht bei schleichenden Enteignungen eigener Meinung und Kritikfähigkeit!
Fehlt der Skandal?
Mal ehrlich: Ist das immer noch kein Skandal für die etablierte Presse?
Wer möchte, kann tiefer einsteigen. Hoffentlich haben sich die Ergebnisse inzwischen verbessert! Ein wenig wünsche ich mir, man könnte obigen Befund relativieren oder widerlegen. Ein wenig gespenstisch ist das schon.




