In Winnenden spiegeln sich die kläglichen Reste des Qualitätsjournalismus in den Pfützen wider. Eindrucksvoll beweist der Journalist, daß er noch schlechter ist als er Internet, Blogs und Twitter zu machen versucht. Von Ralf Schwartz.
Die organisierte Presse hat ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Sie kann weder der Welt genügend Aufmerksamkeit schenken, weil sie mit dem Kulturkampf gegen das Internet, Blogs und Twitter beschäftigt ist, noch bekommt sie selbst genug Aufmerksamkeit von der Welt als daß sie glücklich sein könnte.
Diagnose
1 - Hyperaktivität
Der Journalist hat noch nicht realisiert: Es macht keinen Sinn, zu versuchen, schneller als Twitter zu sein. Twitter ist überall, der Journalist aber in seiner Zentralredaktion.
Da nutzt es auch nichts, hakenschlagend durch Vorgärten zu eilen und schneller sein zu wollen als der Igel. Der Igel ist immer schon da!
Unterwegs in diesen Tagen war anscheinend genau der Qualitätslevel, der ansonsten über die Nordsee berichtet, wenn sie über die Deiche geht: Man sucht sich den Platz, wo es am meisten zieht, stellt sich quer und haucht ein paar belanglose Sätze ins Tele- oder Mikrophon in der Hoffnung, der Hagel schlucke sie für immer.
Unterwegs war in diesen Tagen makabrerweise der schnell aus der Hüfte schießende Journalist, der seinen Kollegen immer ein Motiv voraus sein wollte, der nicht lange fackelte, die Clicks zu sammeln ohne Rücksicht auf Verluste. Ging im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen - und seien es die von Anne Anstand, Emil Ethik und Mike Moral.
Nie überschlugen sich die Nachrichten schneller - außer 2002. Nie feuerten die Synapsen so schnell - und so sehr ins Leere.
2 - Konzentrationsschwäche
A - Wenn man schon nicht schneller ist als Twitter, denkt sich wohl so mancher, dann kann man wenigstens dümmer sein als Twitter: Wenn zB der Stern-Reporter schreibt "Mist. Amoklauf..." oder Fokus ein @Amoklauf einrichtet.
B - Wenn es einen einzigen Unterschied zwischen Amok-Lauf und Selbstmord gibt, dann ist es der Versuch, seinem Frust und seiner Minderwertigkeit ein ewiges Denkmal zu setzen, berühmt zu werden über den Tod hinaus.
Das hat der Spiegel nun bravourös erledigt, indem er Tim K. auf das Titelbild hievte. Glückwunsch, lieber Spiegel, daß Du allen potentiellen Amok-Läufern ihr lange gesuchtes Motiv lieferst: 'Spiegel-Titel werden und sterben!'
3 - Erhöhte Erregbarkeit
Roten Kopfes und gesenkten Hauptes stürmt man hinter den falschen Motiven (Tim K.) und Motiven (Journalist) her - und es sind immer die gleichen, die Motive und die, die hinterherhecheln.
Die wenigsten aber der Journalisten echauffieren sich interessanterweise gegen die Politik, die wieder mal die Debatte zu nutzen versucht gegen Killerspiele und alles Böse aus dem Internet.
Die wenigsten echauffieren sich gegen den politischen Eigennutz, nicht das Richtige tun wollen: "Forderungen, Schusswaffen in Privathaushalten ganz zu verbieten, wies der Innenminister aber zurück. Er wolle in seiner Eigenschaft als Sportminister die Schützen und Jäger in Schutz nehmen."
Der schnelle Puls erlaubt keinen klaren Gedanken mehr. Man braucht schnelle Antworten ohne die richtigen Fragen zu stellen. Erregte hinterfragen nicht. Sie geben sich ihrer Lust hin.
Und wenn nah dem Höhepunkte auch noch die (Luft)Blase platzt und sich eine Spur, die glücklicherweise zum Internet führt, eine Luftnummer ist, dann muß man eben eine Ente schreiben.
Was soll's! Morgen wird der Fisch darin eingewickelt.
Therapie
Reporter ohne Qualitätsgrenzen haben bewiesen, was sie 'können'. Jetzt müssen sie wieder beweisen, daß sie auch anders können. Sie könnten, wenn sie denn wollten.
1 - Abstand gewinnen. Zur Ruhe kommen. Den Herzschlag normalisieren. Durchatmen. Sich auf die traditionellen Standards und Werte besinnen. Langsam bis 10 zählen.
2 - 10 Regeln der Selbstverpflichtung schreiben, von den Journalisten-Verbänden absegnen lassen, sich daran halten. Vorbildlich vorangehen.
3 - Sich das Spiegel-Titelbild zur Mahnung vor den Monitor hängen und auch mal schweigen. Nochmal bis 10 zählen.
4 - Die 10 gröbsten Fehler der letzten Tage zur Mahnung auf die Schreibhand tätowieren, damit man sie immer im Blickfeld hat. Hinter den Ohren nutzen sie anscheinend nichts. Und zwischen den Ohren?
Prophylaxe
1 - Das Internet verstehen lernen. Erkennen, daß es unvergleichlich schneller sein kann als die Zeitung, daß man (wenn man kann) die gleiche Qualität verbreiten kann wie in den besten Zeitungen, daß man aber auch unendlich viel schneller auf die Nase fällt, wenn man 'Mist' schreibt!
2 - Arroganz, Ignoranz und Intoleranz ablegen, denn diese sind die größten Verschwender von Geld, Zeit und Human Resources - und diese Verschwendung in diesen Zeiten kann sich kein Verlag, keine Redaktion, kein Journalist mehr leisten.
3 - Sich mit dem Internet und seinen aktuellen Protagonisten vertragen. Die Zukunft des Journalismus liegt im Internet. Das Beste aus beiden Welten verbinden! UPDATE 11:39 Uhr: "Pssst. Lesen im Netz ist mehrheitsfähig".
4 - Für die eigene Meinung, die Freiheit der Presse, die Freiheit der Information kämpfen!
Nicht gegen das Internet und die Blogger, sondern mit ihnen gegen die aktuelle Politik der Verstümmelung von Wahrheiten zum eigenen Nutzen kämpfen - bei Politikern, Professoren ("Selbstkontrollen im Internet sind wichtig"), aber auch bei der eigenen Zunft!
In diesem Sinne: Get well soon!
Keiner aber darüber nachdenkt, die Werbung zu transzendieren, den Monolog durch den Dialog abzulösen, die Konsumenten in den Innovations-Prozess mit einzubeziehen, Produkte durch Nutzen, Marketing durch Service und die Marke durch Werte zu vervollkommnen, vielleicht gar zu ersetzen.
Die Konsumenten sind den organisierten Agenturen immer noch weit weit voraus.
Die bestehende Agentur-Denke kann die kommunikativen Probleme der Zukunft nicht mehr lösen."