Es ist erschreckend, wie weit der sogenannte Qualitätsjournalismus hinter engagierte Blogger zurückgefallen ist. Das ganze System ist krank, nicht das einzelne Journalisten-Rädchen! Von Ralf Schwartz.
Ohne es in den ersten Tagen selbst zu bemerken, entgiftete ich von einer ubiquitären, medialen Salmonelle, die unsere Synapsen verklebt und unser Denken behindert.
Diese mediale Entgiftung ist notwendig, um sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren zu können - sei es als Journalist, sei es als Rezipient.
Hier der Erfahrungsbericht in rückwirkender Ratio- und Emotionalisierung:
Samstag, 28. März 2009
Samstagmorgen erwachte ich unplanmäßig um 06:30 Uhr und meine Temperatur erhöhte sich bis zum Abend auf 38,9 Grad Celsius.
In der Rückschau fällt der Einstieg in die mediale Entgiftung leicht, die Redaktionen haben Wochenende, es passiert nichts in der Welt.
Dies böte Gelegenheit zum Kommentar, zur Bewertung der Ereignisse, zur Rückschau. Könnte wahrer Service sein, die Begleitung des Lesers, nicht nur die schubladen-artige Ablieferung von Quasi-Nachrichten innerhalb der Woche.
Sonntag, 29. März 2009
Am siebten Tage sollst Du ruhn. Ein Glück, daß das Kreuzworträtsel der Zeitungs-Sonntagsausgabe noch nicht im Internet angelangt ist. Oder?
Ich merke noch nichts. Mir geht es schlecht. Dem Journalismus auch. Warum aber echauffiert er sich künstlich, statt herauszufinden, was ihm fehlt? Warum zieht er sich nicht kurz zurück und stellt sich infrage? Dumme Frage.
Montag, 30. März 2009
Nach nun dreitägiger Informations-Abstinenz merke ich immer noch nicht, daß mir wirklich etwas fehlt. Also weiterleiden auf hohem Niveau. Gestern schon hatte ich ein Essen für heute Abend in weiser Voraussicht abgesagt und auf Donnerstag verschoben.
Wirkliche Lust, in die 300 Feeds des Tages (und ihre in die Tausende gehenden Aktualisierungen) zu schauen, verspüre ich noch nicht. Ich gönne mir den Luxus, weder zu lesen, noch zu schreiben. Oft genug hatte ich den Medienmenschen empfohlen auch einfach mal zu schweigen. Warum nicht auch ich?
Dienstag, 31. März 2009
Zwanzig Tage ist Winnenden nun her - und seit 10 Tagen bereits wieder vergessen. Die 10 Millionen legale Waffen sind weiter in Privatbesitz, weil Wahlen gewonnen werden müssen - und daher berichtet auch kein Journalist.
Mittwoch, 01. April 2009
Nach einem ersten langen Blick in die RSS- und Nachrichten-Lage am 01. April (5. Tag) bemerkte ich, daß mir nichts fehlen konnte, da da nichts war. Gar nichts.
Ich las jede Headline als könne sie ein Aprilscherz sein. Hier ein paar Spiegelonline-Beispiele (ohne Verlinkung):
"Mehdorn-Vertrauter soll's richten"
"Treibhausgas kann über Millionen Jahre sicher gelagert werden"
"Wieso Protektionismus sein Gutes hat"
"Merkel und Sarkozy wollen Obama auf Kurs zwingen"
"Anschlag auf Lenins Po"
"Albanien und Kroatien sind neue Nato-Mitglieder"
"Ein Scheitern würde uns die Geschichte nicht verzeihen"
"Verfassungsschutz braucht Online-Durchsuchung"
Man weiß nicht mehr, was Scherz und was ernst gemeint ist. Man weiß nicht, was jemand als relevant oder ganz im Gegenteil erachtet. Was drinsteht, muß wichtig sein? Das ist das Problem: es steht alles drin (Spiegelonline-Beispiele (ohne Verlinkung)):
"Mariah Carey feiert auffallend gnädig"
"Hitzfeld traut Magath den Titel zu"
"Wilde Kamele sorgen für Ärger im Outback"
"Pitbulls beißen sieben Monate altes Baby tot (Texas)"
"Sex ist nicht unterschätzt - aber Holunder"
Donnerstag, 02. April 2009
Genausowenig, wie es am 01. April zu verpassen gibt, genausowenig gibt es an den anderen Tagen zu verpassen.
Es passiert am Tage nichts und es passiert in der Woche nichts. Die Tageszeitung kann zumachen. Ihre nationale und internationale Berichterstattung ist überflüssig wie ein Kropf, sie kann ersatzlos gestrichen werden. Sie ist redundant. Leider.
Wichtig wären Bewertungen, Gegenüberstellungen, Kontexte in Zeit, Inhalt und Bedeutung. Relevant wären Hintergründe. Relevant wäre die Bildung der Menschen, die Erweckung ihrer Neugier und ihres Wissensdurstes - aber das ist selbst für die Politik kein Thema (aber das ist ein anderes Thema).
Wichtig wäre alles, was über die lecke DPA-Zentrifuge hinausgeht, alles, was nicht gedankenlos in die Welt gestreut wird.
Freitag, 03. April 2009
Es ist erschreckend, wie weit der sogenannte Qualitätsjournalismus hinter engagierte Blogger zurückgefallen ist. Nur heise.de kann so gerade noch mit lawblog, netzpolitik, duckhome, spiegelfechter, weissgarnix, fixmbr mithalten. Auf diese würde ich nicht verzichten wollen. Hier bekomme ich die ehrliche, ungeschminkte Meinung, die ich brauche, mich zu entwickeln, mich zu reiben, zu lernen. Hier bekomme ich die Hintergründe, hier bekomme ich die zweite Seite, die mir sonst zu 100% fehlt.
Natürlich empfindet man die genannten als extrem - aber nur, weil man durch die andere, gleichmacherische Sauce vergiftet ist ohne es zu merken. Man wurde längst viel zu tief in den Sumpf des Durchschnitts hineingezogen und wird täglich wieder mit dem Kopf unter die Gürtellinie seriöser und ausgeglichener Berichterstattung gedrückt.
Ich kann nur jedem raten, eine Woche zu entgiften. Sich vollkommen zurückzuziehen und zu erkennen, was wirklich relevant sein soll an dem, was uns von den Kioskwänden entgegenlächelt und -strahlt.
Ich kann nur jedem empfehlen, sich eine eigene Meinung zu bilden und die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Das gesamte System ist krank, nicht das einzelne Journalisten-Rädchen.
Sollte man fühlen und entscheiden wie ich, führt dies zu weitaus mehr Quality Time beim Rezipienten, denn er gewinnt 85% hinzu, und zu mehr Quality im Journalismus, auch wenn letzteres noch ein fiebriger Traum ist ...
UPDATE 13:15 UHR - NUR UM GANZ SICHER ZU GEHEN:
Hier geht es nicht um den ewigen Kampf zwischen Journalist und Blogger. Hier geht es um Redundanz vs. Qualität, hier geht es um das Irrelevante vs. das Wesentliche, hier geht es um Abschreibe vs. 'einen Unterschied machen', um Kommerz vs. Herzblut, um Beiläufigkeit, Beliebigkeit und Bequemlichkeit vs. Engagement und Inspiration! Hier geht es um den Unterschied zwischen Träumen vs. Tun, den Unterschied zwischen Hoffen und Schaffen (nicht es, sondern was).
(Wie weit dies auch von der sich selbst beweihräuchernden Blogger-Elite entfernt ist, sieht man gerade in Berlin - ein Kongress war schon immer das Ende der Revolution, nicht ihr Anfang. Es gibt also keinen Grund, in Jubel auszubrechen!)




