Politiker sind die neuen Marken. Sie haben keine Eigenschaften, keinen Nutzen, keinen USP. Sie haben eine Agentur, einen Slogan, aber keinen Inhalt.
Man kennt keinen von ihnen - nur weil sie auf Plakaten lächeln (oder nicht) müssen sie wohl berühmt sein!? (Eine kennt man natürlich: die blonde Silvana, Tochter des deutschen Roland und der Loreley, die für irgendeinen Mehrin kocht.)
Man kennt nicht ihre Eigenschaften, denn die würden polarisieren, würden Zielgruppen hier und Präferenzen dort bilden und nicht mehr jeden ansprechen können. Daß sie damit keinen ansprechen, kommt ihnen nicht in den Sinn.
Sie haben keinen Nutzen - oder verstecken ihn gut. Sie haben keinen USP, der machte sie einzigartig. Das wäre tödlich in ihren Augen, maximierte nur die Polarisierung, die zur Präferenz führen könnte - und schließlich dazu, daß sie etwaige, werbliche Versprechungen halten müßten, wählte man gerade sie.
Sie bilden Oligopole, innerhalb derer Marktanteile verschoben werden. Sie machen sich keine Sorgen zu versagen, ihr Markt ist garantiert, Einkommen und Pension auch. Sie müssen nicht Marktführer werden, um ausgesorgt zu haben, sollte ihnen da ihre Nicht-Wahl noch Sorgen machen?
Sorgen machen müssen sich nur die Agenturen, die Wahlforscher, denn Schuld hat später nicht der ungewählte Politiker, sondern seine Agentur, seine Kampagne, das Plakat! Und naürlich das Volk, daß ihn nicht verstanden hat.
Wie die Marken der Wirtschaft sprechen auch die Politikermarken nicht mit uns, sondern über die Medien zu uns. Sie halten Monologe und erklären uns, was wir wollen. Sie agieren nicht, sie reagieren nicht. Sie sind - und das muß uns reichen.
Sie erwarten, daß wir uns mit ihnen beschäftigen, sie fühlen keine Notwendigkeit, daß sie sich mit uns beschäftigen.
Sie sind keine Experten in ihrer Branche, sondern Menschen aus dem Volke, die zu ihrem Volke sprechen. Experten könnten Fehler machen und auch noch dafür verantwortlich sein müssen, nach einer alten Tradition, da ist es schon besser Mensch zu sein und irren zu können. Nicht unfehlbar zu sein, aber dennoch entsprechend alimentiert zu werden bis in alle Ewigkeit.
Betrachten wir - als Schmankerl - die Plakate der einzelnen Parteien zur Europawahl. Sie sind nicht mehr zu ändern, es gibt nichts zu lernen, außer, wie man es nicht macht, aber amüsant sind sie allemal.
> CDU: WIR in Europa.
Wer ist 'wir'? Alle Deutschen? Alle Parteien? Alle Mitglieder der CDU? Die CDU? Und was wollen wir in Europa?
> Grüne: Mit grünen Ideen aus der Krise: WUMS
Wums ist immer gut. Erinnert an 'Durch Deutschland muß ein Ruck gehen'! Leider ist der Rest so klein geschrieben, daß wir nicht wissen, was dieses Wums bedeutet, aber irgendwie erinnert diese Buchstabenkombination an den Namen eines kleinen Schweines. Oder irre ich mich?
> FDP: Für ein Deutschland in Europa
Nun, die FDP hat ihr Ziel schon erreicht. Glückwunsch! Deutschland ist in Europa!
> SPD: Finanzhaie würden SPD wählen
Jaja, und Dumpinglöhne würden CDU wählen, Heiße Luft würde die Linke wählen - wer aber würde und sollte die SPD wählen? Vor allem, wenn man sich so a-sozial verhält und die anderen Bewerber um Europa mit Schimpfworten belegt, gleichzeitig aber an anderer Stelle "für ein soziales Europa" wirbt.
> Rep: Raus aus dieser EU!
Auch nicht sonderlich kreativ. Raus, aber wohin? In die Schweiz?
Das also ist das, was das Volk vom Politiker alle paar Jahre einige wenige Wochen lang sieht. Platitüden, Kryptisches, Überflüssiges - und daran sollen wir uns ein Bilde machen!? Schon geschehen!
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UPDATE 26. Mai 2009, 16:54 Uhr
Nun gibt es in der Absatzwirtschaft auch eine Analyse der Plakate von der TU Chemnitz. Ich habe zwar nicht so schöne Titel (Dr. Ruth Geier, Lehrkraft für besondere Aufgaben an der
Professur Medienkommunikation sowie Leiterin der Sprachberatung der TU
Chemnitz, und Prof. Dr. Gerd Strohmeier, Inhaber der Professur
Europäische Regierungssysteme!), aber meine Analyse ist kurzweiliger.
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(Ach so, kurz für alle, das Wort 'sozial' ist nicht einfach nur ein Wort, sondern es hat auch eine Bedeutung: "Das Wort sozial (von lat. socius ‚gemeinsam, verbunden, verbündet‘) bezeichnet wechselseitige Bezüge als eine Grundbedingtheit des Zusammenlebens, insbesondere des Menschseins (der Mensch als soziales Wesen)." Wichtig ist hier vor allem das 'wechselseitige'!)




