Sabine Bätzing, unsere glücklose Drogenbeauftragte, hat ein neues Spieldfeld gefunden, nachdem sie von den Tabak- und Alkohol-Lobbyisten aller Parteien vom Platze verwiesen wurde: das Internet. Bietet sich an, geht von ihm doch die größte Gefahr für die etablierte Politik aus.
Die Drogenbeauftrage beklagt also die Online-Sucht: "Der Bedarf wächst. Das Problem wird immer größer". Was man so 'größer' nennt, beschreibt der Spiegel: "Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen
ergab, dass bundesweit 3,2 Prozent der Jugendlichen betroffen seien ..." bzw. "Zu einem anderen Ergebnis kam die Berliner Humboldt-Universität: Von
echter Internet-Sucht könne nur bei 1,4 Prozent der 12- bis 19-Jährigen
gesprochen werden."
Wenn man schon bei 1-3% von 'Problem' spricht, sollte man sich mal die Zahl Alkohol-Abhängiger, Alkohol-Gefährdeter oder der Raucher, Krebstoten, Arbeitslosen, Kinder und Familien in Armut ansehen. Da gibt es mehr zu tun für unsere Familienministerin (als Stoppschilder aufzustellen, aber das ist ein anderes Thema).
Vollkommen abstrus jedoch wird es weiter unten im Heise-Artikel: "Neuerdings gebe es jedoch auch einen Trend zur Recherchesucht. Die
Betroffenen geben einen Begriff in eine Suchmaske ein und verlieren
sich dann im Internet. 'Sie wollen Informationen zum Buchdruck im
19. Jahrhundert und landen beim Paarungsverhalten neukaledonischer
Delfine', sagt Müller. Dabei vergessen sie, wie auch die
Rollenspiel-Süchtigen, die Zeit."
Was gibt es Wichtigeres für Kinder und Jugendliche als 'die Zeit zu vergessen'!? Was gibt es Wichtigeres als der kindlichen Neugier zu folgen, Fragen zu stellen, Antworten zu hinterfragen, Horizonte zu erweitern, Tellerrände hinauszuschieben!?
In der Schule lernt man dies nicht mehr, da die junge Lehrergeneration dies auch nicht mehr gelernt hat. In der Schule experimentiert man nur noch in Ausnahmen, im Studium sind die Fächer am beliebtesten (da am seltensten), die freies Denken, Assoziieren und Entscheiden befördern - statt des Widerkäuens des erfolglosen letzten Buches des alternden Professors, der sich vor 13 Jahren schon aus der Realität verabschiedet hat.
Im Job wird Streamlining groß geschrieben, damit der Einzelne zwar Karriere macht, das gesamte Unternehmen aber Durchschnitt bleibt. In der Politik herrscht der Koalitions-, Fraktions- und sonstige Konsens-Zwang (mit entsprechenden Folgen).
Nur als Kinder haben wir noch die Freiheit, uns zu verlieren, und uns wiederzufinden in Ozeanen des Wissens und Unwissens, das Lernen noch von der Pike auf zu genießen, weil es freiwillig und unendlich ist, weil es eben ohne Ziel, Sinn und Zweck ist.
Diese Zweck- und Richtungslosigkeit erlaubt uns, unsere Interessen zu finden, erlaubt uns, direkte Belohnung zu erfahren durch die Befriedigung dieser kindlichen Neugier, die unser Herz und unser Hirn öffnet, es sich vollsaugen läßt wie einen Schwamm, es wachsen und gedeihen und mehr fordern läßt.
Lernen um des Lernens willen, Wissen um des Wissens willen.
Nur so entsteht Kreativität, nur so kann es Innovation geben. Nur so werden wir immer intelligenter und intuitiver. Nur so werden wir ideellen (und damit materiellen - nicht umgekehrt!) Wohlstand auftürmen können.
Recherche, wie man es heute nennt, die Gier nach Wissen also, ist keine Sucht, sondern der menschlichste aller Triebe, der Grund für dieses großartige Gehirn!
Das hat nichts mit Sucht zu tun, sondern liegt in der Natur des Menschen.
Aber ich kann verstehen, daß die Politik dies als Krankheit verstanden und ausgemerzt haben möchte. Wehret den Anfängen!
In diesem Sinne: Get well soon!
mediaclinique
