Während Don Alphonso sich zurecht in die Niederungen der vodafone-Kampagnendetails begibt, soll hier von den pilosophischen Grundlagen des Social Media die Rede sein. Zur Sache:
Social Media
Es wird den ein oder anderen überraschen, aber 'Social Media' hat nichts mit 'Medien' zu tun. 'Social Media' ist ein Widerspruch in sich. Allein das Wort Media lenkt unsere Gedanken und Erwartungen in eine falsche Richtung, einen unsinnigen Kontext. Den Kontext nämlich der Medien! Ein Kontext, der Agenturen ermöglicht, ihren alten Wein weiterhin teuer zu verkaufen.
Aber:
1 - Medien sind Mittler, nicht mehr!
"Ein Medium (lat.: medium = Mitte, Mittelpunkt) ist etwas in der Mitte Befindliches, dazwischen Liegendes."
Marken und Unternehmen bedien(t)en sich der Medien, um zu ihren Zielgruppen sprechen zu können.
2 - Medien sind Sender, keine Empfänger!
Sie strahlen etwas aus. (Medien, die etwas empfangen, gehören in den Bereich des Okkulten.) Marken und Unternehmen strahlen Werbebotschaften aus. Werber und PR-ler sind auch nur Sender, keine Empfänger!
Social Networking
Der richtige mentale Kontext von Social Media ist 'Networking', daher wird in diesem Post nun allein von Social Networking gesprochen, um in diesem richtigen Kontext zu denken. Was sich dadurch ändert? Alles!
Social Networking ist nicht die lineare Verlängerung des Bekannten, sondern ein vollkommen neues Kapitel der Kommunikation
3 - Märkte sind Gespräche!
Gespräche funktionieren ohne(!) Mittler. Networking bezeichnet den direkten Kontakt, das direkte Gespräch, den Dialog, den Austausch! Der Mittler aber mindert im Zweifel die Qualität der 'Sendung', erhöht das Rauschen, sorgt für Mißverständnisse, verhindert ein Nachhaken!
Nur im Vakuum hat das Medium keinen negativen Einfluß auf die Nachricht.
WoM (Word of Mouth) ist das ultimative Social Networking. Was nur ist an den 3 Worten 'Märkte sind Gespräche' so schwierig zu verstehen?
(Unter dem Media-Kontext ist 'Märkte sind Gespräche' ein Böhmisches Dorf! Unter dem Networking-Kontext ist plötzlich alles klar. Sehen wir weiter.)
Kein Wunder, daß die Agenturen die Deutungshoheit über Social Media für sich reklamieren. Social Networking bedeutet ihr Ende. Einzig in der Massenkommunikation würden sie sich halten können, wenn sie kreativer und innovativer, intuitiver und empathischer würden.
Denn wo Märkte Gespräche sind, werden die Themen, die Inhalte zum Gold der Zukunft! Nicht mehr die Medien, nicht die Mittler. Die Mittler (ob Medien oder Agenturen) sind außen vor, man kann es nicht oft genug sagen.
4 - Social Networking ist Echtzeit-Dialog - nicht Werbe-Monolog!
Social Networking kann man nicht kaufen, buchen, planen! Social Networking ist nicht einfach eine Anzeige in sogenannten sozialen Medien!
Social Networking ist das kontinuierliche Gespräch, der Dialog.
Social Networking ist kein Schachspiel, das man über 3 Monate vom Elfenbeinturm aus mit einer amorphen Masse spielt, nachdem man alle seine Züge vorab geplant hat.
Social Networking macht die PR-Dame nicht mal eben in der Mittagspause. Social Networking hat nichts mit traditioneller PR zu tun, auch wenn sich das mancher wünscht. PR drückt 'Wahrheiten' über eine Marke, ein Unternehmen, etc. in den Markt und bedient sich gefälliger Medien. Social Networking erzeugt die Botschaft erst im Amalgam aus Spruch und Widerspruch der Öffentlichkeit. Social Networking nutzt Öffentlichkeit, um die Wahrheit zu finden - nicht um sie zu verdrehen!
5 - Social Networking führt(!) das Gespräch!
Social Networking führt nicht nur das Gespräch, sondern steuert auch dessen Richtung, gibt Themen vor, bringt die Diskussion wieder in die engagierenden Pfade, die gleichsam relevant für Öffentlichkeit und Unternehmen sind.
Social Networking kennt kein Wochenende, keine Ausreden, keine Vertretung. Social Networking braucht eine 24/7-dedicated Person vor Ort (online, wo immer das sein mag). Social Networking muß da sein, wenn die Themen da sind, idealerweise schon vor den Themen. Social Networking setzt die Themen, goutiert sie oder vernichtet sie, indem es sie ignoriert.
Das Schlimmste ist, kein Thema zu haben, keine Relevanz - denn was ist dann der Benefit?
Authentizität, Wandel und Innovation sind die spannendsten Meta-Themen des Social Networking. Hier liegen die Benefits für die Zielgruppe, die Öffentlichkeit, aber auch - und gerade - für Marke und Unternehmen!
Social Conscience
6 - Social Networking ist eine Haltung!
Es geht darum, sich - Auge in Auge mit der Öffentlichkeit deren - Vertrauen zu verdienen. Nicht, indem man verheimlicht und kleiner druckt, sondern indem man Authentizität schafft, die das Kleinstgedruckte nicht mehr braucht! Indem man Rückgrat zeigt, denn nur dieses läßt uns aufrecht gehen. Indem man Kritik ermutigt, denn nur die läßt uns wachsen.
7 - Social Networking ist reziprok!
"Das Wort sozial (von lat. socius‚ gemeinsam, verbunden, verbündet) bezeichnet wechselseitige Bezüge als eine Grundbedingtheit des Zusammenlebens ..." "... dies beinhaltet die Fähigkeit (zumeist) einer Person, sich für andere zu interessieren, sich einfühlen zu können, das Wohl Anderer im Auge zu behalten (Altruismus)".
Man erbringt eine Leistung, tut einen Gefallen, erwartet nicht direkt eine Gegenleistung, kann sich aber in den meisten Fällen sicher sein, eine gewährt zu bekommen, denn der andere steht nun in der Schuld (im konstruktiv-positiven Sinne) - sonst ist das Networking schnell am Ende, denn es beruht wie gesagt auf Gegenseitigkeit, Vertrauen und Vorschuss!
Werbliche Kommunikation dagegen ist keine Leistung, sondern eine Störung. Man wird unterbrochen bei dem, was man gerade - und gerne - tut! Man wird abgelenkt ...
Die werbliche Kommunikation selbst muß einen Nutzen haben, einen Mehrwert in sich tragen.
Social Marketing
Das Marketing, das sich in den letzten 20 Jahren den Schneid von Vertrieb, Entwicklung, Produktion abkaufen ließ, sollte seine Chance jetzt nutzen.
8 - Marketing im Social Networking muß Service sein!
Wenn das Produkt schon generisch und austauschbar wird, muß das Marketing differenzierende, alleinstellende Services und Dienstleistungen entwickeln, die den Menschen relevant genug sind, sich damit zu beschäftigen. Um ihrer selbst willen.
9 - Social Networking bedingt ein vollkommen neues Marken- und Marketing-Verständnis!
Social Networking bedeutet nicht das Uploaden von Bildern, sondern die Integration des interessierten Einzelnen in den Kreativitäts- und Innovations-Prozess des Produktes selbst, der Services und Features um es herum.
Die Produkthoheit geht vom Marketing in die Öffentlichkeit über. Das Marketing bleibt Vorbild und Vorreiter, es geht voran, es legt die Benchmark fest. Je intelligenter das Marketing diese Rolle übernimmt, desto eher folgt ihm die Öffentlichkeit. Je dümmer das Marketing sich dabei anstellt, desto harscher fällt die Kritik der Öffentlichkeit aus.
Social Networking hat nichts mit Reichweite, Quantitäten und Followern zu tun! Es nutzt nichts, 2500 oder 6000 Follower zu haben, die indifferent sind. Man braucht Fans, Multiplikatoren, engagierte Mitstreiter, Mitdenker, kritische Geister, die einen ständig fordern.
10 - Social Networking bedeutet Nutzen-Erfahrung!
Hier macht man keine (negative) Erfahrung mit (störender und ablenkender) Werbung, sondern Erfahrungen mit dem Produkt selbst, seinem Nutzen, Benefit, USP. Sei es über das Produkt selbst, eine relevante Applikation im Netz, einen Kundenservice, der in Vorlage tritt und Vertrauen aufbaut.
11 - Social Networking bedeutet, das Produkt ist der Held!
Social Networking macht also nur Sinn bei relevanten(!) Produkten bzw. relevanter(!) Innovation. Alles andere geht nach hinten los! Damit ist auch klar, daß Social Networking nicht in der Agentur oder in der Werbung seinen Ursprung finden kann, sondern im Unternehmen, im Marketing gelebt werden muß.
Zuallererst müssen hier die Produkt-, Marken- und Haltungs-Voraussetzungen geschaffen werden, ehe man über Werbung nachdenken kann.
Es geht immer nur um Inhalte, um Relevanz - nie um Oppulenz. Nie geht es um Überreden, immer nur um Überzeugen!
Es geht nicht um Symbole mit rotem Schopf. Es geht nicht um Bilder, vor allem nicht, wenn sie weniger als 1000 Worte sagen! Es geht um das Produkt selbst!
In Zukunft wird der Kern jeder Kampagne Social Networking sein müssen, um den herum wie bisher massenkompatible Frohe Botschafts-Monologe gestreut werden. Social im Sinne der Spieltheorie. Social im Sinne, daß das Unternehmen zuerst eine Leistung erbringen muß, ehe es mit der Gegenleistung - Kauf, Anerkennung, Advocacy - rechnen kann. Social im Sinne, daß die Menschen an der Weiterentwicklung des Produktes teilnehmen.
Das wird nicht morgen so sein, aber jedes Marketing und jedes Unternehmen täte gut daran, sich auf diese Zeiten mittels Üben! Üben! Üben! grundlegend vorzubereiten.
Und es ist auch nicht wahr, daß noch niemand so etwas in Deutschland gemacht hat! Wir alle machen es jeden Tag! Wir reden, wir überzeugen, wir entwickeln uns und im Gespräch andere, wir preisen an und untermauern mit unseren eigenen Erfahrungen, wir werfen unsere Kompetenz und Erfahrung, unser Wissen und unsere Eloquenz in die Waagschale. In jedem Geschäft, an jedem Kiosk und Schalter. Mit Freunden, Bekannten, Kollegen, Vorgesetzten.
Wir sind Social Networker - tagaus, tagein - das ist so einfach, daß niemand dies wahrhaben möchte, nichtsdestotrotz ist es so. Sobald die Marken und Unternehmen dies verstehen, werden sie verstehen, daß sie keinen Mittler brauchen, nur den Mut, endlich mit ihren (potentiellen) Konsumenten auf Augenhöhe sich zu unterhalten!
In diesem Sinne: Get well soon!
Anmerkung: Dieser Text ist eine Fortsetzung von hier und hier und hier.
UPDATE
TAZ > "Wenn die Zielgruppe sich wehrt".
19:46 Uhr > "Vodafone-Marketer Gründgens: "Wir wussten, wir werden auch polarisieren".
23:28 Uhr > Adnation, der Vodafonelobbyist und das Ende der Zensurdebatte, Don Alphonso.
Liebe vodafones, war das eigentlich alles umsonst, was ich hier geschrieben habe? Und hier? Und hier? Und hier?
15. Juli
19:17 Uhr > "Spießer Alfons: Vodafone – Kampagne aus dem Papierkorb. Oder: Wenn der Hahn kräht auf dem Mist", "Vodafone, ein Banner und ganz viel “Social Media”…", "Scholz & Friends das Handwerk und Vodafone".
16. Juli
00:32 Uhr > "Meine 0172-Rufnummer", udo vetter. " _generation kleingedrucktes", wirres.net
17. Juli
11:12 Uhr > "Viral fatal - Hochgeladen, tief gefallen: Vodafone und die Blogger", süddeutsche - und der gleiche Text nochmal unter anderem Titel: "Blogger gegen Blogger". "Sascha Lobo - Der Netzbeschmutzer", frankfurter rundschau. (via Christian Paul Stobbe)
18. Juli
00:20 Uhr > Vodafone – die nächste schallende Ohrfeige für die Internetgemeinde, fixmbr. "Man muss alles mal mitgemacht haben - oder auch nicht", schnutinger*. Diese Überschriften sagen es schon: Lesen!
19. Juli
12:11 Uhr > "Vodafones Blogger-Stalingrad", business on.
20. Juli
* 21:07 Uhr > Wie ich soeben über die Kommentare unter "_frau schnutinger macht PR" erfahre, hat schnutinger ihren obigen Post gelöscht, der ist aber laut riffmaster noch im Google Cache! Soviel zur Authentizität der Testimonials (und vodafone selbst)!
21. Juli
Die Geschichte geht hier: "vodaland: Das ist Dein Leben!", "vodafone: Wenn alles Geld der Welt Authentizität nicht kaufen kann", "vodafail: Die Generation Upload frißt ihre Kinder!" weiter.
Die Updates nur dort: "vodafail: Die Generation Upload frißt ihre Kinder!".

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