(Kontinuierliche Updates siehe am Ende des Posts!)
Wie muß man sich das vodafone-Innenleben nach der Katastrophe ("Kurze Kritik der vodafone-Pressekonferenz") vorstellen? Kann man, kann ein Manager, kann ein Unternehmen Fehler öffentlich zugeben? Kann man zurückrudern? Kann man aus seinen Fehlern lernen?
Nun, da genau das die einzige Aufgabe eines Unternehmens ist (die Adaption unvorhersehbarer Entwicklungen, die Antizipation sich abzeichnender Entwicklungen, das Dem-Wandel-Vorangehen), sollte dies nicht nur möglich, sondern leichteste Übung sein. Allein die Realität sieht meist anders - oft diametral - aus.
Diagnose
vodafone zB hat vieles richtig gemacht, in den Details zumindest, auf diese einzugehen wäre müßig. Denn es hat zwar wenig, aber just in den kriegsentscheidenden Disziplinen (der Strategie und dem Selbstverständnis bzw. der Selbstverständlichkeit einer überkommenen Marketing-Definition) falsch gemacht, sodaß die gesamte Aktion (PK und Markenkampagne) als Katastrophe enden mußte.
Gelungen wäre der Coup nur, wenn man nicht die Intelligenz via Livestream in den Raum gelassen hätte. Bei der Presse allein hätte man leichtes Spiel gehabt, sie ist nicht der Konsument, sie will nur Schnittchen, für die man 'keine Kosten und Mühen scheute', sie stünde über den Dingen und würde hofberichterstatten.
Die Internet-Community, wie sie so schön genannt wurde, jedoch will keine marketing-technischen oder werblichen Wolkenkuckucksheime, sondern reale Leistung, realen Mehrwert (vor allem, wenn dieser Mehrwert auch noch eine Säule der Strategie sein soll).
Sie will keine Lady-Schnutinger-Sascha-Lobo-Gaga-Testimonials, sondern Nutzen und Service, Authentizität - und nicht werblichen Klamauk.
vodafone machte den Kardinal-Fehler, den Marketing und ein unaufmerksamer CEO/Geschäftsführer nur machen können: das Marketing stülpte der Marke und dem Unternehmen ein - anscheinend unabgesprochenes, unvorbereitetes und in seinen Konsequenzen noch gar nicht verstandenes - neues Geschäftsmodell über: die "Generation Upload"!
Denn diese Fokussierung des Upload hat empfindliche Implikationen: mit der Pressekonferenz hätten die Datenvolumen- und Bandbreiten-Begrenzungen fallen müssen! Die Upload-Geschwindigkeiten hätten merklich steigen müssen! Man hätte neue Tarife, vor allem eine Entwirrung des Tarifdschungels, vorstellen müssen. All das ist nicht passiert. Die beste Marketing-Tarnkappe macht aber ein ansonsten schlechtes Geschäftsmodell nicht unsichtbar!
Man kann zudem nicht immer noch auf dem ältesten Traum des Marketing ("Nur mit meinem Produkt kannst Du Dich selbst verwirklichen!") herumreiten, da dieser erstens total ausgelutscht ist, weil letzte Zuflucht eines ubiquitären, generischen Produktes/Marke, und zweitens nicht glaubwürdig gegenüber einer wissenden Zielgruppe.
Therapie
Ein phantastischer, überlebensgroßer Marketing- und Authentizitäts-Knall könnte nun sein, die Kampagne einfach einzustampfen! Das hört sich natürlich für den seriösen Marketer wie absoluter Schwachsinn an, das verstehe ich. Tatsächlich aber wäre es die einzig adäquate Reaktion auf die Geschehnisse der letzten Tage. Der PR-Effekt alleine wäre unbezahlbar - ebenso wie der Image-Effekt in der engen 'Upload'-Zielgruppe! Die weitere Zielgruppe hat eh noch nichts bemerkt, würde Ehrlichkeit aber ebenso goutieren!
Slogan der neuen Kampagne: WIR HABEN VERSTANDEN!
Die Blogger C-Lebrities werden entfernt! Das Produkt wird fundamental verändert - so wie es die Kampagne eigentlich verspricht!
Man würde aus den vodafone-Outlets heraus auf die Straße gehen und die Menschen wirklich erreichen - mit 200 Millionen Euro sollte das möglich sein und hätte einen größeren Impact (vor allem PR-mäßig) als die Coca-Cola-Lätta-Volksbanken-Kampagne von Scholz & Friends of traditional Advertising.
Prophylaxe
Es nutzt nichts mehr, sich selbst am letzten positiven Strohhalm festzuklammern, der auch noch seine eigenen Ziele verfolgt ("Vodafones Social Media Engagement: Vodafone hat alles richtig gemacht."). Man sollte sich nun nicht auch noch für alle offensichtlich hinter diesem einen Strohhalm verstecken ("Reaktionen auf die LivePK").
Man sollte sich nach vorne wagen und die Kommentare ernst nehmen: "... Einfache, sinnvolle Tarife und bitte: Lasst, wenn ihr einen Tarif für die Einwohner des Netzes macht, auch deren Prinzipien einfließen, allen voran Freiheit: Schreibt uns nicht vor ob wir IM oder VoIP nutzen dürfen. Unter einer Flatrate fürs Netz stellen wir uns eine echte Flatrate (und nicht die 5GB-Gängelung) vor, die alle Webdienste ermöglicht. Die Nutzung des Handies als Modems sollte selbstverständlich sein. ...".
Man sollte endlich neidlos anerkennen, daß die anvisierte Community weiter gedacht hat als man selbst ("Wer ist die Generation Upload?").
Dies anzuerkennen ist übrigens kein Eingeständnis der eigenen Dummheit, sondern zeigt gerade die Intelligenz, Intuition, und Empathie, die Marke, Marketing und Unternehmen dringend brauchen, um in den heutigen Zeiten bestehen zu können, die von Ungeduld, Unabhängigkeit und Individualität des Konsumenten geprägt sind.
In diesem Sinne: Get well soon!
(Hier (nur zur Erinnerung) Internet-Volkes wahre Stimme (aus meinem Post "Kurze Kritik der vodafone-Pressekonferenz"):
UPDATE 09. Juli
08:17 Uhr > Weitere authentische Posts, die die Stimmung gut zusammenfassen: "vodafone rohrkrepierer 2.0", wirres.net, "Es ist deine Zeit: Die Helden der Generation Retweet", brainblogger, "Kampagnenstart bei Vodafone: Testimonial mit Risikopotential", pr-fundsachen, "Es ist Beine breit", Don Alphonso, "Vodafone sucht die Generation Upload", PRlen.
> Die Beratungsgeier kreisen schon und buhlen um einen vodafone-Auftrag: "Vodafones Social Media Engagement: Vodafone hat alles richtig gemacht. Aber wer hat sie beraten?" (auch in den Kommentaren)".
15:56 Uhr > Die Sicht des Profis auf die PK: "Vodafone und die Generation Mix-it-baby", bei Thomas, Indiskretion Ehrensache. Die Käuflichkeit und Janus-Köpfigkeit der sogenannten (selbsternannten!?) A-Blogger: "Die Zensursula-Debatte hat sich erledigt", chris, fixmbr.
18:10 Uhr > Sieben Hausaufgaben, die vodafone erledigen muß, damit das vollmundige Versprechen auch Realität wird: "Vodafone goes Web 2.0 Wer geht mit?".
23:20 Uhr > Wie enttäuschend, vodafone hat nichts verstanden und verlinkt allein den mehr oder weniger einzig positiven Post, nämlich typischerweise den, den ich oben als 'Beratungsgeier' charakterisiert hatte, als "Reaktionen auf die LivePK". Schade, soviel Ignoranz hatte selbst ich nicht erwartet.)
UPDATE 10. Juli
13:55 Uhr > Nico Lummas Darstellung eines beliebigen Pitches, Tagesgeschäfts, Vorgehens einer traditionellen Agentur am Beispiel vodafone: "Generation Upload und der Dialog".
Schade, aber Realität: Fokus auf Werbung - statt auf Produkt, Nutzen, Services und Lösungen für die Konsumenten. So kann Kommunikation nicht mehr funktionieren!
15:29 Uhr > Mark Pohlmann macht anderen Unternehmen Mut, nun nicht in Angststarre zu verfallen, sondern es einfach besser als vodafone zu machen: "Das Medium als Botschaft".
Mir ist dabei wichtig, daß man sich nicht holterdipolter in neue Abenteuer stürzt (und erst beginnt, zu lernen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist), sondern inhaliert, individualisiert (auf Marke, Unternehmen, Geschäftsfeldstrategie und eigene Zielgruppe), übt und interative Prozesse einführt, statt direkt aus allen Rohren, die einem empfohlen wurden, beginnt, auf Online-Spatzen zu schießen.
Der Don: "Das angeblich originale Vodafail-Blogposting". Wie immer auf den Punkt und leicht darüber hinaus!
19:06 Uhr > Ein sehr schönes und konstruktives Schlußwort für diese aufregende Woche von @luebue: "Das sieht man es ja mal wieder". Danke Dir.
23:22 Uhr > Aber einer geht noch. Die Antwort auf Nico Lumma: "Generation Upload und der Dialog (übersetzt: shit happens)", felix, wirres.net.
23:59 Uhr > Einer noch: "Das Vodafone Desaster", chris, fixmbr.
UPDATE 11. Juli
17:26 Uhr > Zwei wundervolle Texte zum Einstieg ins Wochenende: die kraft und die herrlichkeit in ewigkeit amen, reisenotizen aus der realität, und der Don in der FAZ: "Vodafone lädt auf und eckt an".
23:36 Uhr > Was ein Kindergarten! Nico Lumma versucht sich immer noch zu exkulpieren. Siehe Kommentare unter Cems "Vodafone. Old School.". Was gibt es da noch zu telephonieren und zu erklären. Wir waren live dabei und sehen das Ergebnis. Lummaland ist abgebrannt (spätestens seit dem SPD-Zensur-Online-Beirats-Debakel) und bleibt auf diesem Stand (gerade und besonders nach vodafone.
Das Rückgrat ist das, was uns aufrecht erhält.
23:56 Uhr > "Ein Taktiker auf dem Weg zum Grab", Kausch & Friends.
Die Fortsetzung und weitere Updates: "vodafone: Wenn der Blauäugige auf den Einäugigen trifft".




