"Es gibt kein Recht auf Privatkopie", sagt Kulturstaatsminister Neumann. Das kann ja heiter werden.
(Die rechtlichen Bedenken gegen diese These lasse ich außen vor.)
Diagnose: Kultur ...
Kultur ist im
weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt,
im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten
Natur. Kultur: "cultura, Bearbeitung, Pflege, Ackerbau, von colere, wohnen, pflegen, den Acker bestellen". Und das bedeutet: etwas (er-)schaffen, kreieren, säen, produzieren, wachsen und gedeihen lassen.
Um etwas gedeihen zu lassen, braucht man fruchtbaren Grund, keinen lebensfeindlichen Fels, an dem alles abprallt. Man benötigt Vielfalt, Kreativität, Freiheit (der Meinung, des Geistes, der Medien, des Entscheidens & Handelns). Man benötigt mentalen Wohlstand oder Überfluß, wie ich es so gerne bezeichne.
Man benötigt jedoch keinesfalls die Einfalt der Macht, Kultur verbieten zu wollen und zu können.
Diagnose: ... -Pessimismus
Seit Erfindung des Internets haben sich die Zeiten (in den letzten
40 Jahren also!) sehr stark gewandelt. Das ist auch Politik, Medien
und Wirtschaft aufgefallen. Sie haben eben nur "Morgen, morgen, nur nicht heute ..." gedacht.
Seit wenigen Jahren nun, oder seit dem letzten Bundestagswahlkampf, macht sich die Politik so ihre eigenen Gedanken, aufgeschreckt
durch die Medien, die ihre Felle, sich vom Volke für seine eigene
Desinformation auch noch bezahlen zu lassen, wegschwimmen sehen. Aufgeschreckt auch durch die Wirtschaft, die in großem Maße ihre Produkte kritisiert und als unzeitgemäß angeprangert sieht.
Im Kultur-Begriff drückt sich eben einerseits "das jeweils lebendige Selbstverständnis und der Zeitgeist einer Epoche" und andererseits "der Herrschaftsstatus oder -anspruch bestimmter Klassen" aus.
Dies
erklärt auch am einfachsten die Entscheidung, vor der sich
Politik, Medien und Wirtschaft heute sehen: das Internet oder ich.
Denn für sie ist das Internet eine einzige Kopier-, Gewaltspiel-
und Orgien-Maschine. Vor allem aber - und das sprechen sie nicht laut aus - die
größte Demokratisierungs-Maschine der Geschichte! (Und damit ihr
größter Feind! Denn Machtanspruch und Demokratie, das mag so gar nicht
zusammenpassen.)
Diagnose: Wahnsinn!
Diese Denke, und das ist das große Problem, führt im Extrem (ich erläutere es gleich) unweigerlich dazu, und wir sind schon 9/10 des Kontinuums entlanggeschliddert, daß JEDE Meinungsäußerung verboten werden muß, JEDES Gespräch, JEDER Kommunikationsversuch!
Warum? Übertrieben? Wahnsinn? Schwachsinn gar?
Wir sind soweit, daß Politik, Medien und Wirtschaft genau die Kultur-Techniken, die sie im Internet verteufeln, auch im wahren Leben überwachen bzw. verbieten (wollen). Nicht nur JEDE eMail, auch JEDES Telephonat wird staatlich gespeichert! JEDER Tastendruck am Rechner kann bei Bedarf (und der ist zu vielen Gelegenheiten hoch) überwacht werden. Filesharing im Internet, im wahren Leben, bald bei der Privatkopie verboten.
Und was ist die gefährlichste 'Privatkopie'?
Das Gespräch ist die gefährlichste Privatkopie! Denn im Gespräch kopieren wir Auszüge von TV-Sendungen, Kino-Filmen, DVDs, von Zeitungsartikeln, zitieren sie gar wörtlich, wenn sie gut sind. Machen Medien, Journalisten, Politiker schlecht, verbreiten viral schlimmsten Schmutz (den uns Medien allmorgendlich zum Frühstück auf den Tisch knallen!), plaudern die letzten unbestätigten Gerüchte über das Fremdgehen der Politik mit sich selbst und der Wirtschaft aus.
Das Gespräch ist die gefährlichste Privatkopie! das hat die Politik längst gemerkt, deshalb hat sie Medien unter ihre Kontrolle gebracht, denn von dort gingen die meisten Privatkopien in Gesprächsform aus.
Das Gespräch ist die gefährlichste Privatkopie! das hat selbst die
DDR gemerkt - und aus den Schwachen IMs und aus den Starken
Gefangene des Regimes gemacht.
Wie gesagt: 9/10 des Kontinuums liegen hinter uns!
Therapie: Get real, Guys!
Es würde helfen, zu gesunden, schaute man sich die Welt an, wie sie
ist, nicht, wie sie vor 20 Jahren war. Sie hat sich weitergedreht
und sie dreht sich immer schneller unter unseren Füßen. Sie zurückzudrehen erfordert solche Kräfte, daß sie unsere Gesellschaft sprengen würden - das ist schon physikalisch Fakt.
Heilung bietet die Simplizität des Gedanken: Die überzeugendste Möglichkeit, ein Produkt an die Frau oder den Mann zu bringen, ist, dieses Produkt von potentiellen Konsumenten ausprobieren zu lassen.
01 Eine CD kaufe ich nur, wenn ich zuvor reingehört habe. Eine Zeitschrift kaufe ich nach kurzem Durchblättern, dem Anlesen einiger Artikel. Einem Politiker vertraue ich, nachdem ich ein Gespräch auf Augenhöhe(!) mit ihm führen konnte. Einem Käse nach Verkostung, einem Auto nach der Testfahrt.
02 Alle Produkte, Meinungen, Eindrücke teile ich am einfachsten mit anderen Menschen, indem ich sie davon in meinem Lebensumfeld 'probieren' bzw. Kenntnis nehmen lasse. 'Privatkopien' sind die machtvollsten Botschafter von Marken, Politikern, Medien, Produkten und Dienstleistungen!
Warum also nicht mutig nutzen, was mancher als Gefahr sieht und schon als Untergang des Abendlandes beschrei(b)t? Warum nicht Vorangehen? Warum weiter gegen den Strom schwimmen, ihn gar aufhalten und umkehren wollen?
Prophylaxe
Wir brauchen 01 selbst-kritische, 02 selbst-bewußte, 03 mitten i(n unsere)m Leben stehende Politiker, Journalisten, Manager, die den Menschen vertrauen, die sich nicht hinter ihrer Macht, ihren Privilegien, Transfereinkommen und selbstgeschaffenen Gesetzen verschanzen.
Beherzte Frauen und Männer, die die Chancen und Probleme der Welt angehen, statt sie auszusitzen, zu vertuschen, zu tabuisieren, zu kriminalisieren!
In diesem Sinne: Get well soon!
UPDATE
03. Dezember
16:55 Uhr > "OLG Frankfurt schränkt Nutzerrechte in Bibliotheken ein", Heise:
"Aus Sicht der Bildungseinrichtung ist nun der Gesetzgeber gefordert, in
den anstehenden Beratungen zum Dritten Korb der Novellierung des
Urheberrechts für Klarheit zu sorgen. Nötig sei eine zeitgemäße
Neufassung der Bibliotheksprivilegien. Wissenschaftliches Arbeiten mit
Texten erfordere zwingend die Möglichkeit, "Kopien von Textteilen zu
erstellen, um zuverlässig memorieren und zitieren zu können". Das OLG
habe die Nutzer aber zum Abschreiben mit der Hand verdonnert, was in
Zeiten elektronischer Medien und des Internet ein Anachronismus sei.
Der eigentliche Sinn der Gesetzesklausel für elektronische Leseplätze,
"auch auf digitalem Weg wissenschaftliche Texte in moderner, im
universitären Umfeld längst selbstverständlich gewordener Form
verfügbar zu machen", werde damit "auf den Kopf gestellt"."
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