Selten war ich so bestürzt über einen Artikel des Spiegel. Mit aller Wucht führt er uns die Ignoranz der Verlags-Welt vor Augen. Eindringlicher kann man nicht den eigenen Niedergang beschreiben als durch diese Ansammlung von Halbwahrheiten und Realitätsverstümmelung.
Man kann sich nur wünschen, das nicht alle Artikel so entstehen, das hat stellenweise gar Bild-Zeitungs-Niveau.
Was für ein immenser Frust muß sich da angestaut haben.
"Dank dieser Offenheit konnten Konzerne wie Google und Facebook zu den Giganten werden, die sie heute sind. Doch jetzt sind es gerade diese Unternehmen, die im Internet Inseln errichten. Zum Beispiel Amazon."
"Konzerne wie Google und Facebook" - "Zum Beispiel Amazon." Häh?
Und weiter: "Der Internethändler hat erst an diesem Donnerstag einen Download-Shop nach Apple-Vorbild für seine Kindle-Lesegeräte angekündigt. 30 Prozent der Einnahmen will Amazon behalten und außerdem entscheiden, wer was in dem Inselreich anbieten darf."
Nun, der Programmierer kann auch 100% behalten und in Schönheit sterben. Einen besseren Vertriebskanal als Amazons und Apples Stores wird er wohl nicht finden!
Und wollen wir mal einen Spiegel-Autor fragen, wieviel Prozent der Spiegel-Print-Werbeeinnahmen (an der Anzeigenseite neben seinem Artikel) er behalten darf und wie froh er über 70%(!) wäre!?!
"Die Konzerne konzentrieren und parzellieren das Internet und erfinden es dabei neu."
Die Verlage beherrschen nichtmal das "konzentrieren und parzellieren" alleine ohne die Hilfe der Politik, geschweige die Neuerfindung des Netzes. Sie können nichtmal sich selbst neuerfinden.
"Beim Internet-Shopping bekommen die Verbraucher inzwischen zu spüren,
dass eine schleichende Konzentration auf wenige große Anbieter
eingesetzt hat."
Ja, cool, endlich fallen die Preise (durch iTunes), habe ich ein weltweites Angebot, kann den Long Tail zur Gänze nutzen und nicht mehr nur den Buchhändler um die Ecke mit seinen ISBN-Katalogen.
Übrigens haben sich die Konsumenten auf die guten Anbieter konzentriert und sie aufgrund ihres überlegenen Produktes erst groß gemacht.
"Bei E-Books schafft Amazon gerade den Markt, ..."
Igitt, die kreieren einen Markt. Das geht ja gar nicht. So kann man kein Geschäft machen. Märkte werden nicht geschaffen. Märkte werden reglementiert, okkupiert, mit Steuergeldern subventioniert. So funktioniert die Welt der Verlage.
"Apple. Der Konzern verdient Schätzungen zufolge an mehr als 90 Prozent
aller verkauften Handy-Programme mit, dank der Dominanz des iPhones."
Den weltweiten Erfolg eines genialen Produktes als Spitze des Apple-Eisberges zu "dank der Dominanz" abzuwerten, das hat schon was! (Ich besitze übrigens keines!) Da hat ein Unternehmen aufgrund seiner Innovationskraft, Weitsicht und Markenpersönlichkeit einen immensen Erfolg, da kommt der kleine Spiegel(-Redakteur) und neidet ihm den, statt zu versuchen, ähnlich visionär und erfolgreich zu werden wie Apple.
"Im alten WWW wäre das undenkbar gewesen: Programmierer, Verlage und
Medienkonzerne geben einem Zwischenhändler einen ansehnlichen Teil
ihrer Einnahmen ab, nur um etwas Ladenfläche zu mieten? So etwas hätte
als absurd gegolten ..."
Äh, welchen Teil ihrer Einnahmen geben die Medienkonzerne nochmal an wen ab?
Und die Dumping-Löhne der Verlage an ihre (Freien) Journalisten? Sind die nicht absurd? Das ist auch kein Lohn für eine Leistung, sondern eine Opportunitätsmiete für den Platz, den die Journalisten be-schreiben dürfen.
"Wer sie führt und bindet, wer ihnen simple Lösungen im komplexen Netz
anbietet, der kann als Türsteher und Clubbetreiber sehr viel Geld
verdienen."
Tja, den Verlagen ist weder 'führen' noch 'binden' gelungen. Vor allem nicht jetzt, da der Mensch unabhängiger, individueller und ungeduldiger denn je ist.
Und 'simple' Lösungen wären sowieso unter dem Niveau eines Verlagshauses. Deshalb klappt es ja auch so un-be-schreiblich gut.
"Apple lässt nur Anwendungen für die eigenen iPhone-Handys zu -
Konkurrenzgeräte bleiben außen vor - und begutachtet jede Anwendung,
die in den App Store aufgenommen wird. Der Konzern lehnt Programme ab,
die eigenen Diensten Konkurrenz machen, ..."
Der Spiegel dagegen wird künftig Artikel des Focus, der WiWo, der Bild, der FAZ auf seinen Seiten veröffentlichen, um sich mit ihnen auszutauschen und sie an seinem Erfolg und Profit teilhaben zu lassen. Er hat nämlich dieses Online-Angebot geschaffen, um altruistisch den Wettbewerb auf ein neues Niveau zu heben.
"Google, Apple und die kleineren Betreiber von Software-Shops gewinnen hingegen entscheidenden Einfluss auf Schnittstellen ..."
Ups, jetzt auch schon die "kleineren Anbieter von Software-Shops". Nicht nur die großen sind 'evil', auch die kleinen! Hm.
"Sie zentralisieren damit Informationen und veredeln sie zu brauchbarem Wissen für ihre Kunden."
'Brauchbares Wissen' - das ist ja wirklich pervers von diesem neuen Internet!
"Informationen sammeln, konzentrieren und als gebündeltes Wissen wieder
an die Nutzer weitergeben - das ist auch der Mechanismus, der die
Konzentration der sozialen Netzwerke vorantreibt."
Das könnte auch das ehemalige Geschäftsmodell der Verlage gewesen sein - ehe sie zu Lobbyisten und Fortschrittsfeinden ob des eigenen Verharrens wurden. Eine traurige und wirklich gefährliche Entwicklung, denn wir könnten gute Verlage und Medien wirklich dringend brauchen.
"Wenn die Hälfte der Freunde sich bei Facebook austauscht, dann wird man
sich dort vielleicht auch anmelden - und den Dienst mit Informationen
füttern, die dessen Attraktivität weiter steigern."
Wer hält nochmal die Verlage davon ab, ihre Kommentarfuntionen zu öffnen, ihre Leser ernstzunehmen und als Co-Kreatoren und Partizipatoren zu engagieren - im besten Sinne des Wortes?
"Im klassischen WWW konnte jeder eine Webseite erstellen, auf ein paar Links und etwas Aufmerksamkeit hoffen."
Stimmt, das geht ja gar nicht mehr.
"Wer eine Anzeige bei Facebook schalten will, kann die Zielgruppe extrem exakt zuschneiden."
Erstens nein, zweitens hoffe ich, daß niemand mehr ernsthaft 'Anzeigen' bei FB schalten, sondern mit den Fans in den Dialog treten will. Anzeigen sind so print.
"Bisher verlangt Facebook nur Geld für Werbung. Aber warum sollten
Unternehmen nicht irgendwann auch für ihre Präsenz in dem Netzwerk
zahlen?
Muß ich jetzt 'Facebook' durch 'Verlage' ersetzen?
"Wer immer am Ende die Nase vorn hat, ein komplett offenes System wird es keineswegs sein."
Meint er jetzt so ein komplett offenes System wie eine Verlags- oder Magazins- oder TZ-Website/App?
"... Kundenmagazin der Bahn oder
in den Gratiszeitschriften an Bord - darum zahlen Unternehmen heute
gern für Anzeigen in solchen Blättern: weil der Leser weniger abgelenkt
ist als anderswo.
Was aber, wenn der Leser ein kleines Gerät dabei hat, mit dem man lesen, gucken, hören und vor allem einkaufen kann?"
Nun, was dann? Dann liest der Leser die Anzeigen in diesem kleinen Gerät.
Statt aber sich dort Kompetenz aufzubauen, lamentieren die Verlage lieber über jene, die schneller und schlauer sind als sie selbst. Perfekt.
"Und wer wird an den neuen Anzeigen verdienen? Google und Apple haben
sich vor kurzem Vermarkter von derartiger Mobilwerbung einverleibt."
Wer hat die Verlage daran gehindert, selbst soweit zu denken? Haben sie nicht selbst Vermarkter, die ständig auf der Suche nach neuen Vermarktungsmöglichkeiten sind? Haben die kein Telephon, Handy, iPhone, keinen Laptop, keinen Internetzugang?
Höchstwahrscheinlich haben sie keine Zeit, sich damit zu beschäftigen, da ihre Geschäfte so schlecht laufen ... und sie deshalb rund um die Uhr mit Agenturleuten (geschäfts-)essen gehen.
"... - die Entwicklung des WWW in den kommenden Jahren ist schon jetzt
absehbar. Viele Seiten werden überleben, aber nur wenige wirklich
gewinnen."
Nun, wenn die Verlage lieber sich ihren Lebensabend von der Politik alimentieren lassen und gegen jeden Fortschritt in ihrer kleinen Welt lautstark protestieren, werden sie bestimmt nicht zu diesen wenigen Gewinnern gehören.
Falls es noch nicht zur Verlagswelt durchgedrungen ist, in der es übrigens auch nur eine Handvoll großer Gewinner gibt: es gibt immer nur, egal wohin man blickt, höchstens eine Handvoll großer Gewinner! In jeder Branche, in jedem Land - selbst in der Bundesliga. Wurde deshalb damals Bayern München verboten?
Der Spiegel regt sich also tatsächlich auf über die erfolgreichsten Unternehmen der neueren Geschichte: Apple, Amazon, Google, Facebook. Unternehmen, die das Internet erst zudem gemacht haben, was es ist. Unternehmen, die die logistischen, marktforscherischen, geschäftsmodel-mäßigen und sozialen Vorteile des Netzes verstanden und zu ihrem Vorteil in ein immens erfolgreiches Business verwandelten.
Apple und Google sind jeweils 130 Milliarden Euro wert. Wo steht der Spiegel? Wo stehen alle Verlage zusammengenommen? Wo werden die Verlage stehen, wenn sie uns weiter mit solch ignorantem, mit Verlaub, 'Gequatsche' - nur eines Stammtisches würdig - langweilen, statt uns die Faszination des Netzes, der Möglichkeiten einer neuen Welt nahezubringen?
Warum können sie nicht auf die wahren Probleme der Welt hinweisen, die im Netz nur ihre Verlängerung finden, wie Überwachung, Gängelung und Reglementierung des Menschen durch die Politik? Die Erstickung jeglicher Innovation, Kreativität und Zukunft durch die Priorisierung von Klientelinteressen?
Warum nutzen sie nicht ihre Intelligenz und erfinden sich neu, setzen so den Googles der Welt ein wenig Relevanz entgegen, 'schwatzen' nicht nur, sondern handeln?
Ich erwarte mehr vom Spiegel, von den Verlagen, von den Journalisten der heutigen Zeit als diese einfachste Form des gelebten Frustes, der Ignoranz, Arroganz und Intoleranz.
Ich bin zutiefst enttäuscht und froh wie nie über die Kündigung meines Abonnements.
In diesem Sinne: Get well soon!
UPDATE
22. Januar
10:10 Uhr > "Sennett: Über Daten und Macht", kooptech.
11:38 Uhr > "Google versus Apple – das Duell der Zukunft", HB. "Why App Stores Are Not the Business Model for the 21st Century", AllThingsDigital.
14:08 Uhr > "_fundiertes google-Bashing", wirres.net, via @oetting.
27. Januar
13:30 Uhr > "Die deutsche Angst vor Google", süddeutsche.
15:27 Uhr > "Der Mensch denkt, das Google lenkt", Jörg Wittkewitz.
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