Nichts gegen den Spiegel, und die Redakteure geben sich bestimmt Mühe, aber ...
Der Spiegel findet (in meinem Ereignishorizont) seit mehreren Jahren im Netz nur noch Erwähnung, wenn er wiedermal sein Unverständnis der neuen Welt kundtut und wahre Wellen des Widerspruches erzeugt. Ich erinnere keine (Titel-)Geschichte, die man wahrlich investigativ hätte nennen können.
Gleichzeitig ist er natürlich weiterhin der Top-Titel in Rivvas Leitmedien und auch sonst ganz erfolgreich, das soll hier nicht verschwiegen sein. Masse aber ist eben auch in diesen Zeiten kein Anzeichen mehr von Qualität - und die gaukelt man uns ja allerverlagen vor.
Quantität statt Qualität
Der Spiegel veröffentlicht laut meines Google Readers 82,3 Artikel pro Tag, also 2.469 Artikel in den 'letzten 30 Tagen' - wovon ich nur 19(!) gelesen habe, also 0,8%(!) aller Artikel.
Ungefähr genauso viele Artikel habe ich bei RA Stadler (19), Ruhrbarone (20), Wir in NRW (21), CARTA (21) gelesen, aber mit einem riesigen Unterschied: bei CARTA macht das 38%(!) der gesamten Artikel aus, bei Wir in NRW 32%, bei den Ruhrbaronen 14%, bei RA Stadler 32% aller Artikel.
Während also beim Spiegel nur jeder 120ste(!) Artikel für mich relevant ist, ist es bei den Ruhrbaronen jeder 10te(!), bei CARTA, Wir in NRW und RA Stadler jeder dritte(!) Artikel.
Der 19te Artikel, den ich heute anklickte (um ein Beispiel geben zu können): "Karriere à la Kardashian: Als Mama zu den Aktfotos riet". Man erkennt das Niveau, das mich schneller scannen läßt.
Darin enthalten ein Zitat (in der neunteiligen Klickstrecke, "Ich bin so beschäftigt, dass ich nicht mal zum Denken komme"), das so auch vom Spiegel selbst hätte kommen können. Zuviele Artikel, zuviel Belangloses, das der Redaktion die Zeit stiehlt für die Relevanz, für die Priorisierung des Wesentlichen, für die Ausarbeitung eines tragfähigen Profiles und Charakters.
Wie gesagt, die Masse alleine kann es nicht mehr sein - und nicht umsonst spricht fefe immer vom "ehemaligen Nachrichtenmagazin".
Warum also soll ich knapp 2500 Artikel scannen, um am Ende knapp 20 lesenswert zu finden? Zeitverschwendung. Zu allen Zeiten, mit oder ohne Internet, inakzeptabel.
Kritiklose News-Berichterstattung
Wo ist der Journalist hinter der Nachricht? Wo findet sich die andere Meinung bei der Politik-Berichterstattung? Wo ist der Link zu allzugern vergessenen Polit-Affären und -Skandalen (im Text selbst und nicht in den Werbeflächen versteckt)? Wo bleibt das kritische Hinterfragen, die pointierte Spitze? Wie komme ich an die Einordnung in den größeren Rahmen?
All dies ist heute fast wichtiger als die Nachricht selbst. Nur durch den richtigen Kontext kann die eigentliche Nachricht ihre volle Wirkung, ihre volle Brisanz entwickeln, kann sie relevant werden für den (sich entwickelnden) Leser und Interessierten.
All dies bekomme ich eher bei CARTA, Wir in NRW, Ruhrbarone, RA Stadler. Noch ungeschminkter aber bei fefe (28%), netzpolitik (36%), sargnagelschmiede (35%)*, don alphonso (36%), etc. (die hier ungenannten, von mir trotzdem geschätzten Blogger außerhalb meines Feed-Rankings mögen mir verzeihen).
Fazit
In diesen Zeiten verzichte ich lieber denn je auf die aalglatte Berichterstattung, die Kopie der dpa, etc., den runtergeschriebenen, meinungsfreien Artikel, die Nachricht, die diesen Namen nicht mehr verdient.
Und bitte: hier ist der Spiegel nur herausragendes Beispiel, die Süddeutsche, etc. folgen auf dem Fuße, sie sollten sich ebensowenig ausruhen. Die Netz-Protagonisten profilieren und professionalisieren sich schneller als mancher Verlag gucken kann.
Heute will ich den mehrdimensionalen Mehrwert über die eigentliche Nachricht hinaus: ich verlange konsistente Qualität, eine klare inhaltliche Ausrichtung, eine kritische Grundstimmung, die andere Meinungen nicht unterschlägt, ein Gegengewicht zur 'veröffentlichten' Meinung, überparteiliche Sachlichkeit, Charakter und Leidenschaft. Vor allem erwarte ich Diskussion, um Meinung kundtun, diskutieren und weiterentwickeln zu können.
Bei mir hat dieser Teil des Netzes gewonnen. Ein weiter Weg für Medien, Verlage und die meisten Journalisten.
(Übrigens: Die Abos sind gekündigt, denn was für das Netz gilt, gilt stärker noch für die Offline-Welt.
Ein Abo jedoch habe ich gerade erst abgeschlossen: GAZETTE. Wenn die Website auch nicht überzeugt, das Magazin selbst an jedem gutsortierten Kiosk macht dies mehr als wett. (Disclaimer: Ich habe dort mal einen Artikel über Twitter geschrieben.)
Siehe auch: "Die 6 Dimensionen des Qualitätsjournalismus!", mediaclinique. Mehr über den Spiegel über die Suche rechts nach "Spiegel".
*Sargnagelschmiede hatte ich glatt übersehen, ist aber in der Top5 meines Readers. Sorry.
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