Die sogenannte 'Wahl' des Bundespräsidenten ist ein weiteres Beispiel wie weit es her ist mit unserer Demokratie. Nur die Nicht-Wahl Wulffs könnte noch ein positives Zeichen setzen. Könnte den Neubeginn für die Politik bedeuten (müssen).
Längst geht es nicht mehr darum, was das Volk will bzw. was dringend für sein Demokratie-Verständnis, sein Gerechtigkeits- und Politik-Empfinden nötig wäre. Längst geht es nur noch um Parteiproporz, die Absicherung von Mehrheiten, die Absicherung von Politikers Machterhalt.
Dies gerade in Zeiten, die längst bewiesen haben, daß der Politiker aus eigenem Antrieb, aus eigenem Können und eigener Leistung (die er ja selbst immer so publikumswirksam von anderen fordert) sich niemals selbst an der Spitze der Regierung und seiner Kompetenzlosigkeit würde (und mit Würde schon gar nicht) halten können.
Bis zur letzten Sekunde also impfen die Partei- und Koalitionsspitzen ihren ach so frei entscheidenden Mitgliedern der Bundesversammlung ein, daß sie überzeugt sind, der Einzelne wisse schon, was er zu tun habe, der Einzelne werde sich schon richtig im Sinne Deutschlands entscheiden.
Würde dies ernst gemeint sein, müßten alle Politiker stante pede zurücktreten, müßte jeder nach Hause fahren in seinen Wahlkreis und Abbitte leisten für das, was er bisher an Vetternwirtschaft, Günstlingswirtschaft und Klientelpolitik angerichtet hat. Abbitte leisten für das Wirtschaften in die eigene Tasche und die des politischen Freundes.
Bis zur letzten Sekunde wird BP-Wahlkampf gemacht, das Internet umarmt, Intelligenz im Schloß Bellevue angekündigt, dem Sanftmütigen, also dem, der gefälligst die Klappe hält, alle Zukunft versprochen.
Bis zur letzten Sekunde wird das Volk fröhlich ausgeschlossen mit dem Hinweis auf die Forderung, damit bloß Ruhe herrscht, den nächsten Präsidenten dann aber wirklich vom Volke wählen zu lassen.
Wo sind die Deutschland-Flaggen, wenn es um Gauck-vs-Wulff geht? Wo sind die Live-Übertragungen? Wo sind die 60.000 in der sengenden Hitze Berlins, die Deutschland siegen sehen wollen?
Wo bleibt der Wunsch der Politik nach Teilhabe des ganzen Volkes? Wo bleiben die Ansätze der Politik, jeder einzelnen Partei, sich aus den Umfrage-Löchern zu befreien, indem man auf das Volk zugeht, ihm die Wahrheit sagt, es mit Details und Insights begeistert? Wo ist die volksnahe Politik, die den Präsidenten der Herzen wählen läßt, nicht den des geringsten Widerstandes, des kleinsten gemeinsamen Nenners, des größten anzunehmenden Unfalles? Wo ist Lena?
Addendum
17:28 Uhr > Bis zur letzten Sekunde vollkommene Freiheit bei der demokratischen Bundespräsidentenwahl durch die Bundesversammlung: "Bundeskanzlerin Angela Merkel rief die Union dazu auf, sich der
„gemeinsamen Verantwortung“ für die politischen Ziele zu stellen. ...
Frau Merkel versicherte, dass sie keinerlei Druck auf die Delegierten der Union ausüben werde", FAZ.


