(Note: Leider ist der werbeblogger down, da strato Probleme mit dem Handling zu haben scheint, Roland wird dazu noch etwas schreiben. Heute also hier der Post sowie der Original-Werbeklasse2010-Post, leider ohne Kommentare, unten.)
Nach den letzten 24 Stunden (seit Veröffentlichung von "Liebe Werbeklasse 2010, ...", gerade nicht verlinkbar, siehe unten) verstehe ich noch ein bißchen besser, warum die großen Agenturen Schwierigkeiten haben, sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden, zu schnell fühlen sie sich anscheinend durch Dialog und Nachfragen angegriffen:
Denn im Grunde habe ich einen ganz simplen Artikel geschrieben (siehe unten), der 4 ebenso simple Punkte macht:
01 - Wenn die FunTheory wirklich so erfolgreich ist, wie Amir das in seiner Keynote beschreibt, warum macht die FunTheory-Website selbst dann eher den gegenteiligen Eindruck?
02 - Wenn einerseits die FunTheory ein Beispiel für das Neue Denken ist, andererseits lt. Amir 'die kreativste Lösung die ist, die am besten verkauft' - wie passen dann diese 2 Punkte zusammen, wenn meiner Meinung nach die FunTheory kein einziges Auto mehr verkauft?
03 - Warum muß es gerade die FunTheory sein, wenn Amir/VW eine bessere Welt schaffen möchte? Gelänge dies VW nicht distinktiver und effektiver durch eine größere Nähe zum Markenkern? Und würde dies nicht auch meinen Punkt 02 lösen, mehr Autos zu verkaufen!?
04 - Meiner Meinung nach ist es heutzutage - in einer Zeit, in der Digitalisierung, Web und Mobilität die Unabhängigkeit, Individualität und Ungeduld der Menschen in nie gekannter Weise maximieren - wichtiger, die (jungen) Kreativen zum eigenen Denken, Reflektieren und Infragestellen aufzurufen, statt ihnen vorzugeben, wie sie ab jetzt und in Zukunft zu denken haben!
Big Deal!? Einfache Fragen, die Amir in kürzester Zeit hätte beantworten können. 1. 2. 3. 4. Fertig. Fragen in einem Blog. Berechtigte Fragen. Interessierte Fragen. Natürlich unbequeme Fragen - aber genau die sorgen ja dafür, daß man den Status Quo infragestellt(!), sorgen für Reflexion und (hoffentlich) Wandel.
Stattdessen aber twittert Amir: "@beichstaedt @werbeblogger jat leider entweder nichts verstanden oder alles missverstanden oder weiss ich auch nicht. ;-)". (Da ist der werbeblogger aussen vor. Wenn, dann hat Ralf Schwartz, als Autor des Posts, nichts verstanden :)
Warum kann er nicht einfach so tun als kämen diese Fragen aus dem Publikum seiner Keynote? Denn im Grunde tun sie das ja auch, wenn ich auch nur 'Publikum' des Keynote-Videos war. Würde er dem Publikum auch live so antworten? Irgendwie ist das die alte Denke, den Monolog zu halten, den (konstruktiven) Dialog aber nicht zu wagen.
Ich antwortete: "Eindrucksvoller kann @AmirKassaei meine werbeblogger-These http://bit.ly/b11R6 nicht bestätigen http://ow.ly/2eCJH".
Denn irgendwie ist es schon schade, daß man seinerseits einen Dialog beginnt, ein paar Fragen stellt und die Grundthese des Textes (auch noch im negativen Sinne) bestätigt bekommt. Ein konstruktiver Dialog mit dem Top-Kreativen Deutschlands wäre doch eine gute Sache gewesen. Zu einem Thema, das ihm sehr am Herzen liegt.
Warum kann er nicht so tun, als hätte ein Pitch-Kunde diese Fragen gestellt? Die Kommentatoren haben sich doch auch Mühe gegeben, und konnten dem Thema konstruktiv gerecht werden - stellvertretend seien hier Björn und Christoph genannt (kann ich leider gerade nicht als Link anbieten).
Darauf kam von Amir: "@mediaclinique noch mal: Wenn man in der alten Logik beurteilt, kann man daraus keine neue Konsequenz ableiten. Aber sonist es halt.".
Wobei ich dann verloren war - oder auf dem Schlauch stand. Was wollte er nun? Dialog? Oder Konfrontation? Würde uns das weiterbringen? Ich antwortete ketzerisch: "@AmirKassaei Warum machst Du es dann?".
Warum kann er nicht so tun als würde seine Antwort die knapp 15.000 werbeblogger-Feed-Abonnenten interessieren? Warum kann er nicht einfach so tun als würden mich, Einzelwesen ralf schwartz, diese Antworten interessieren?
Ist das nicht spannend, wenn Menschen infragestellen, mehr wissen wollen, mit einer Beginner's Mind (wie Christophs Kommentar das so treffend nannte) an die Themen der Zeit rangehen?
Und statt der Antworten auf die immer noch im Raum stehenden Fragen des Werbeklassen-Posts kam dann heute morgen: "@mediaclinique Wenn Du Fun Theroy als Beweis für alte Denke anführst, dann hast du dich selbst disqualifizierst. Schade aber auch.".
Das verstehe nun wer will, denn ich hatte dies nie gesagt, sondern explizit im Text geschrieben (siehe unten): "... die FunTheory (die ich aus sich selbst heraus für gut und richtig halte)..." (Link funktioniert nicht, da wb down, hatte früher schonmal drüber im wb geschrieben). Keineswegs ist die FunTheory alte Denke. Für mich besteht nur immer noch obige Diskrepanz, die auch mit dem letzten Statement Amirs nicht aus der Welt ist.
Das schönste ist, daß höchstwahrscheinlich die Antworten so einfach sind, daß Amir in kürzester Zeit meine Thesen ab adsurdum führen könnte ...
Original-Post, auf den sich die obigen Anmerkungen beziehen:
Liebe Werbeklasse2010, hört bitte nicht auf Amir Kassaei, et al.!
Nein, natürlich geht es hier nicht um Amir Kassaei allein. Er ist nur der berühmteste alte Kreative der Reklamewelt. Er steht hier stellvertretend für alle alten Männer der Reklamewelt, die die Jungen weiter dominieren und ihnen vorschreiben wollen, wie sie zu denken und wem sie zu folgen haben. Statt sie zu ermutigen, ihnen eben genau nicht zu folgen. Statt ihnen klarzumachen, daß man von ihnen nichts mehr lernen kann – jedenfalls nicht das, was für erfolgreiche Kommunikation in Zukunft wichtig ist. Statt auf den Tisch zu legen, wie man die Fehler und Fehleinschätzungen der alten Reklamewelt nicht einfach nur wiederholt. (Ich darf das mit den ‘alten Männern’ sagen, denn ich bin älter als Amir.)
Schauen wir uns dazu die Präsentation an, die Amir beim Werbekongress 2010 hielt:
Die klare, klar formulierte Botschaft von Amir:
Die neue Werbewelt hat mit der alten Werbewelt nur noch wenig gemein.
Damit hat er recht, wenn er auch ein wenig spät dran ist, aber vielleicht liegt es daran: (37:55) “Seit 6 Jahren rede ich davon, wir müssen zurück zu den Anfängen als Unternehmensberater der Kunden.”
Und diese Unternehmensberatertätigkeit belegt er mit der FunTheory (die ich aus sich selbst heraus für gut und richtig halte):
(15:34) “Die FunTheory ist keine Kommunikationsidee, das ist
eigentlich viel viel größer. Das ist der Beweis, daß Kreative einen Weg
zeigen können, wie wir die Welt ein wenig besser machen können. Das
kann sonst niemand anderer. Das können keine Unternehmensberater, keine
MBA-Absolventen, und keine Techniker, das können nur Leute wie wir, die
etwas, ein Problem von der anderen Seite sehen, die die Gabe haben, mit
einer ganz anderen Perspektive an Sachen ranzugehen, Lösungen zu finden,
die sonst keiner hat.”
Richtig! Und genau das ist das Problem: niemand außer einem Kreativen
hätte diese Idee ernsthaft erwogen! Was hat eine ‘Pianotreppe’ (das erste Video der FunTheory) mit dem Verkauf von Autos zu tun?
Ein Autokonzern könnte heute knapp 3 Millionen relevantere(!),
distinktivere(!) und effektivere(!) Wege finden, die Welt umfänglicher
zu retten innerhalb seines eigenen Tätigkeitsfeldes Auto als mit
Pianotreppen, sorry.
Die Agenturen sind immer noch Geschichtenerzähler, die am Kern der Marke vorbeireden. So hätte der Fokus auf den eigentlichen Markenkern VWs zB auch ein weiteres Postulat von Amir weitaus besser verwirklichen können: (23:57) “In dieser neuen Welt ist die kreativste Lösung die, die am meisten verkauft”.
Ebenso geheimnisvoll (wie diese meilenweite Entfernung vom
Markenkern) ist der Erfolg der Funtheory-Website und -Bewegung wie Amir
ihn beschreibt: (16:25) “Eine riesengroße weltweite Bewegung … und
es gibt eine Website, wo alle möglichen Leute zu hundertausenden Ideen
einreichen. Und daraus entstehen gerade Geschäftsmodelle,
Business-Ideen, Firmen, die sich mit diesen Ideen sogar in den Markt
trauen.”
Denn laut FunTheory-Website endet die Bewegung wohl abrupt mit der Verleihung des Awards im Dezember 2010. Es gibt danach keinerlei neue Einreichungen, die ‘Hunderttausende’ sind also für uns nicht nachvollziehbar, die riesengroße weltweite Bewegung manifestiert sich offensichtlich nicht in den (Null) Kommentaren, und 12.000 Facebook-Fans sind auch nicht gerade die avisierte ‘Bewegung’ … hm!? Haben wir die falsche URL?
(37:40) “Die Zukunft ist, als Kreativer den Anspruch zu haben, einem Unternehmen mit Substanz zu begegnen.”
Wie dem auch sei, es geht sowieso um mehr. Denn eines ist klar: so wie die großen Networks auf der Verliererstrasse sind, so sind es auch ihre Protagonisten. Für die alten kreativen Männer bleibt daher nur die Verwaltung des Erreichten.
Es macht wenig Sinn, liebe Werbeklasse 2010, die Bewahrer des Status Quo zu Euren Lehrern zu machen. Denn zwischen den Zeilen, und da muß man wirklich genau zuhören, denn das überhört man, das geht in einen hinein und bleibt dort drin, nistet sich ein, wie ein Virus, wie ein Schädling, frißt einen von innen auf, höhlt die eigene Kreativität von innen aus, läßt eine leere Kreativen-Hülle zurück, wie schon viel zu viele in den Fluren der Agenturen rumstehen, zwischen den Zeilen sagen sie:
Werdet wie wir. Wir sind die Guten. Die Werbung der Zukunft wird zwar
ganz anders sein als wir alten Kreativen sie noch kannten, gemacht und
verstanden haben, aber da wir nun mal da sind, da wir älter sind als Ihr
und vor allem toller, hört Ihr gefälligst auf uns, denn wir können Euch
beibringen, mit dieser Zukunft umzugehen, die wir seit 10 Jahren
geflissentlich übersehen.
Wir sind Eure einzige Rettung. Folgt uns. Das ist das, was wir Euch
beizubringen versuchen. Hört auf uns. Bewundert uns, Ihr jungen
Kreativen – denn wer sonst sollte es noch tun? Bitte!
Nun, liebe Werbeklasse 2010, vielleicht solltet Ihr lieber auf Praktiker
hören, auf Macher, auf Selbstständige und Gründer (womit ich keineswegs
uns meine, bitte), die sich nicht in großen Networks schleifen und
streamlinen und ausbremsen lassen von irgendeinem politischen und
hierarchischen Mist, der genauso stinkt wie diese ‘Higher Paid Opinion’
in den Industrie-Konzernen da draussen.
Hört auf diese Stimmen, denn die sind ersteinmal wirklich relevant:
(1:48) “I think I would have told myself to not trying to fit in so much, trying not to look up to people and trying to become them – but being a bit braver, carve my own path and find the right people to collaborate with early on, I could have cut a few years off my path.”
(4:12) “Take the time to learn new things. … Travel, see the world, read the newspaper, find out what is going on in your community. …”
(4:30) “Things the class of 2010 should know is really good things
about themselves. You don’t have to listen to a lot of people. You don’t
even have to listen to advice. You have to find your own voice and know
yourself.”
Übrigens, Amir wäre auch nicht da, wo er heute ist, wenn er auf seine
Lehrer gehört und ihnen alles brav nachgemacht hätte! Schade, daß er
genau das nicht auch gesagt hat.
Werbeblogger Autoren bei Twitter: Roland twittert als Werberolli, J. Martin als gyokusai, ralf schwartz als Leadmarke.


