(Dienstags präsentieren wir regelmäßig ausgewählte Artikel des 3-monatlichen Print-Magazins DIE GAZETTE. Texte, die "über die taktische Tagespolitik hinaus Antworten und Perspektiven" geben, zum Nachdenken anregen wollen.)
Wenn das Öl knapp wird - Drei Szenarien
Die Steinzeit ging nicht zu Ende aus Mangel an Steinen. Das Öl-Zeitalter hingegen wird voraussichtlich zu Ende gehen aus Mangel an Erdöl. Dies könnte sich schon bald nach Überschreiten des Fördermaximums („Peak Oil”) abzeichnen. Hierzu beschreibt der Autor drei historische „Was wäre wenn?”-Szenarien, die mögliche Reaktionen auf versiegende Energiequellen darstellen. Die Aussichten sind nicht in allen Fällen rosig.
Von Jörg Friedrichs, aus dem Englischen von Fritz Glunk
Beute-Militarismus: Japan, 1918 - 1945
Im September 1945 war Japan so arm an Treibstoff, dass man nur mit Mühe einen aufgetankten Krankenwagen fand, um Premierminister Tojo nach seinem Selbstmordversuch in die Notaufnahme zu bringen. Landesweit hatte man an den Berghängen Kiefernwurzeln aus dem Boden gegraben. Dies geschah in einem verzweifelten Versuch, Pech als Ersatz für fossile Treibstoffe zu gewinnen. Große Teile der japanischen Luftwaffe und Marine waren in Kamikaze-Angriffen geopfert worden – nicht zuletzt deshalb, weil zum Wiederbetanken der Schiffe und Flugzeuge nach ihren Einsätzen nicht mehr genügend Treibstoff vorhanden war.
Im Grunde genommen war dies das Ergebnis einer dramatischen self-fulfilling prophecy. Japans wichtigste Lehre aus dem Ersten Weltkrieg war es gewesen, dass eine Rohstoffblockade zu einer militärischen Niederlage führen musste. Dieser Theorie zufolge hatte Deutschland den Krieg verloren, weil es den Nachschub für seine Kriegswirtschaft nicht hatte sicherstellen können. Um einen totalen Krieg führen zu können, musste sich ein ressourcenarmes Land wie Japan also den Zugang zu kriegswichtigen Rohstoffen offenhalten. Nur eine wirtschaftlich autarke Regionalbasis in Ostasien würde der Industrie einer Großmacht Japan den nötigen Rückhalt verschaffen können.
Genau diese Absicht – die Angst vor Abhängigkeit von importiertem Treibstoff und anderen kriegswichtigen Rohstoffen – war der Auslöser für den Beginn der aggressiven Feldzüge Japans. Nach einem liberalen Zwischenspiel in den zwanziger Jahren überfiel Japan im darauffolgenden Jahrzehnt die Mandschurei (1931) und China (1937). Oberste Priorität hatte dabei die Schaffung einer wirtschaftlich autarken Regionalbasis, die später (1940) zur „Großostasiatischen Wohlstandssphäre” ausgerufen wurde.
Doch selbst wenn wir den zynischen Standpunkt der japanischen Militärplaner einnehmen, waren die Ziele nicht klug gewählt. Die Mandschurei und andere besetzte Gebiete lieferten zwar beträchtliche Mengen an Nahrungsmitteln, Kohle und Eisenerz, aber nur wenig Erdöl. Japan wurde daher keineswegs wirtschaftlich autarker, sondern immer abhängiger von Ölimporten – insbesondere aus den USA. Vor allem bei Öl, einer für Militärtransporte unentbehrlichen Ressource, waren die Aussichten ausgesprochen düster. Da die USA zu jener Zeit der Hauptproduzent von Erdöl waren, war Japan mehr denn je auf amerikanische Lieferungen angewiesen. Japan importierte damals 90 Prozent seines Ölverbrauchs aus dem Ausland, davon 75 bis 80 Prozent aus Kalifornien. Bei Benzin, einer weiteren entscheidenden Importware, war die Abhängigkeit noch höher.
Wenn man sich dies vor Augen hält, dann versteht man auch eher den Grund (ohne ihn deshalb gutzuheißen), warum der japanische Angriff in Ostasien in einen totalen Krieg ausartete, als sich Japan von einem möglichen US-Embargo bedroht fühlte. Die einzige Alternative zum Import amerikanischen Öls war die Ausbeutung der Erdölvorräte im heutigen Indonesien, insbesondere auf Borneo und Sumatra. Zur Abwehr des US-Embargos erschien also – speziell der japanischen Marine – eine Ausdehnung des eroberten Gebietes nach Süden höchst verlockend.
Der Plan eines solchen Vorstoßes nach Süden musste geradezu unabweisbar scheinen im Hinblick auf den Verlauf des Zweiten Weltkriegs in Europa, denn der Bedarf an Ressourcen auf dem europäischen Kriegsschauplatz führte zu immer höheren Rohstoffpreisen. Ende der dreißiger Jahre (bis dahin hatten sich die USA auf symbolische Gesten beschränkt) begann Amerika ernsthafte Wirtschaftssanktionen gegen Japan zu verhängen. Als die Treibstoffknappheit immer drückender und ein völliges US-Embargo immer wahrscheinlicher wurde, unternahm Japan sein militärisches Vordringen nach Süden. Japan begann eine Offensive in Südchina (1939) und besetzte den Norden von Französisch-Indochina (1940).
Als das totale Embargo der USA schließlich im Juli 1941 in Kraft trat, sah Japan dies als die ultimative Bestätigung dafür, dass es gar keine andere Wahl hatte, als sich Ostindien und dessen reichhaltige Ressourcen einzuverleiben. Dies galt insbesondere für das Erdöl, das im britischen Nord-Borneo gefördert wurde. Um Japans Flanke gegen die USA zu sichern, verübte die japanische Marine ihren berüchtigten Präventiv-Schlag gegen die amerikanische Pazifik-Flotte in Pearl Harbour. Die strategische Absicht dabei war, Ostasien zu überrollen und dort einen geopolitischen Block zu schaffen, solange die USA noch vorrangig auf dem europäischen Kriegsschauplatz gebunden waren, um später aus einer Position der Stärke heraus ein Stillhalteabkommen mit Amerika auszuhandeln.
Es geht hier nicht darum, die lange Geschichte des japanischen Imperialismus (seit dem 19. Jahrhundert) herunterzuspielen. Es ist völlig klar, dass Japan im militärischen Sinn der Aggressor war und dass der Krieg in Ostasien nicht erst 1941 begann, sondern schon 1931. Bei genauem Hinsehen sind diese Tatsachen ein wesentlicher Teil unseres Arguments. Um seinen Status als Großmacht zu erhalten und nicht militärisch eingekesselt zu werden, versuchte das rohstoffarme Japan in den dreißiger Jahren, einen regionalen Wirtschaftsblock aufzubauen. Im Zuge des amerikanischen Embargos radikalisierte sich diese geopolitische Ausrichtung noch einmal. Das Schreckgespenst des Treibstoffmangels trieb Japan dazu, seine offene Handelspolitik aufzugeben und zur Sicherung lebenswichtiger Rohstoffe seine Politik des Beute-Imperialismus weiter zu verschärfen.
Totalitäre Mangelwirtschaft: Nordkorea, 90er Jahre
Während Japan in den dreißiger Jahren seinen Status als Großmacht und seine Rohstoffzufuhr durch Eroberungen aufrechtzuerhalten suchte, stellte Nordkorea in den neunziger Jahren auf eine totalitäre Mangelwirtschaft um. Das Ziel war, der Elite ihre Privilegien auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu sichern. Zwischen 1995 und 1998 führte eine entsetzliche Hungersnot zum Tod von etwa 600000 bis einer Million Menschen (etwa drei bis fünf Prozent der Bevölkerung). Diese Katastrophe stand in eklatantem Widerspruch zu der von der Führung als Ideologie propagierten nationalen Eigenständigkeit (Chuch’e, ausgesprochen: Dschudsche). Im Sinne dieser Ideologie hatte das Regime bis in die achtziger Jahre hinein ungeheure Investitionen in Kohlebergwerke und Wasserkraft unternommen, um den wachsenden Energiebedarf zu befriedigen. Außerdem hatte Nordkorea für den Nahrungsbedarf seiner in hohem Maß städtischen Bevölkerung eine Agrarindustrie entwickelt, die massiv mit giftigen Düngemitteln arbeitete. Die Landwirtschaft beruhte vorrangig auf Bewässerung, Mechanisierung, Elektrifizierung und dem verschwenderischen Einsatz von Chemikalien. Im Jahr 1990 war der Pro-Kopf-Verbrauch an Energie doppelt so hoch wie in China (und mehr als halb so hoch wie in Japan).
All dies wurde zunichte gemacht durch den Zusammenbruch der Sowjetunion. Nun stellte sich heraus, dass die Versorgung mit Öl die Achillesferse der nordkoreanischen Wirtschaft war. Das Land besaß keinerlei gesicherte Erdölreserven. Öl wurde vor allem aus der Sowjetunion importiert (und mit treuer Gefolgschaft bezahlt). 1991 beendete Russland seine subventionierten Öl- und anderen Lieferungen nach Nordkorea. Zwei Jahre später waren die russischen Exporte nach Nordkorea um 90 Prozent zurückgegangen. (1993 weigerte sich China, für Russland einzuspringen, indem es für seine Exporte Bezahlung in harter Währung forderte und seine Lieferung von „Freundschafts”-Weizen gänzlich einstellte) Dies hatte drastische Auswirkungen. Das Regime reservierte den Großteil seines Treibstoffvorrats für das Militär, während die Industrie fast zusammenbrach und die Landwirtschaft nahe am Existenzminimum dahinvegetierte. Schon im Jahr 1991 startete Pjöngjang die Kampagne „Lasst uns zweimal pro Tag essen”. 1994, als Kim Il-sung die Herrschaft an seinen Sohn Kim Jong-il weitergab, drohte bereits eine ernste Hungerkrise. Nach einigen Jahren mit günstiger Witterung und reicher Ernte in den frühen neunziger Jahren führten Überschwemmungen und Dürreperioden zwischen 1995 und 1998 zur „Großen Hungersnot” in Nordkorea.
Diese Hungersnot ist ein typisches Beispiel dafür, welch gewaltige Auswirkungen der Mangel einer Schlüsselressource wie Öl nach sich ziehen kann. Am offensichtlichsten war die Ölabhängigkeit bei den landwirtschaftlichen Maschinen: Ohne Treibstoff konnten die Maschinen nun einmal nicht laufen, die Traktoren nicht fahren. Dazu kam das Transportproblem: Treibstoff wurde gebraucht, um Dünger und landwirtschaftliche Produkte an ihre jeweiligen Zielorte zu bringen. Treibstoff wurde ebenso gebraucht für die Kohletransporte von den Bergwerken zu den Düngerfabriken (wo Kohle als Rohstoff und Energiequelle für die Produktion von Kunstdünger verwendet wurde). Dasselbe galt für den Transport von Kohle zu den Kohlekraftwerken. Damit wurde jedoch auch die Erzeugung von elektrischer Energie problematisch. Ohne ausreichend Strom wurde nun ein regelmäßiger Betrieb der Bewässerungspumpen und elektrischen Eisenbahnen unmöglich. Dies hatte weitere Auswirkungen auf Bahntransporte; es wurde also noch schwieriger, Kohle in die Düngerfabriken, Dünger aufs Land oder landwirtschaftliche Produkte in die Stadt zu bringen.
Ein Teufelskreis aus Energieknappheit, Engpässen bei der Nahrungsmittelversorgung und einem allgemeinen Verfall der Infrastruktur führte zu einer schier hoffnungslosen Lage. Die Schäden betrafen zwar die gesamte Wirtschaft, doch sie waren am schmerzlichsten in der Landwirtschaft. Die Nahrungsmittelproduktion fiel ins Bodenlose, ein beträchtlicher Teil des urbaren Ackerbodens ging verloren, und der restliche Boden verlor rapide an Fruchtbarkeit. Allein um diese wiederherzustellen, hätte es gewaltiger Mengen an Kalk bedurft, die jedoch ohne Treibstoff nicht herangebracht werden konnten. In einem verzweifelten Versuch, Landmaschinen zu ersetzen, griff man notgedrungen auf Ochsen als Zugtiere zurück. Doch im Unterschied zu Traktoren konkurrieren Arbeitstiere mit Menschen um Nahrungsmittel. Die Energiekrise brachte viele Leute auch dazu, Biomasse als Brennmaterial zum Kochen und Heizen zu verwenden; doch anders als fossile Treibstoffe verringert die Entnahme von Biomasse ebenfalls die Bodenfruchtbarkeit, was wiederum die Ernährungskrise verschärfte.
Das Ergebnis derart ineinander verschränkter Teufelskreise war der Rückgang der Reis- und Maiserträge um fast 50 Prozent zwischen 1991 und 1998. Nordkorea sah sich daher gezwungen, die internationale Staatengemeinschaft um Nahrungsmittelhilfe zu ersuchen. Erst mit beträchtlicher Verzögerung ging die Hungersnot in den späten neunziger Jahren langsam zu Ende. Da jedoch die Agrarindustrie ohne tragfähige Energieversorgung nicht ohne weiteres wiederhergestellt werden konnte, besteht auch heute noch erheblicher Mangel an Nahrungsmitteln und somit das Risiko erneuter Hungersnöte.
In gewisser Weise trifft es zu, dass die Große Hungersnot auf das Versagen des stalinistischen Regimes in Nordkorea zurückzuführen ist. Doch ist die Politik des Regimes eigentlich nur nach dem Maßstab westlicher Demokratien als Scheitern zu bezeichnen. Gemessen an seinen eigenen (zynischen) Kriterien war das Regime unglaublich erfolgreich. Die Krise zwang die nordkoreanische Elite zwar einerseits dazu, die stalinistische „Errungenschaft” einer unwirtschaftlichen Industriegesellschaft aufzugeben und stattdessen eine landesweite Mangelwirtschaft einzuführen. Damit kam das Regime aber andererseits um eine wirtschaftliche und politische Öffnung herum, und die Elite erhielt sich so ihre Privilegien. Während die Sowjetunion und die meisten anderen kommunistischen Regimes heute verschwunden sind, ist die Demokratische Volksrepublik Korea noch immer auf der Landkarte zu finden. Inzwischen ist Nordkorea sogar zur Atommacht aufgestiegen, was Pjöngjang gelegentlich sogar diplomatische Erpressung ermöglicht hat. Eine solche Politik am Rande des Abgrunds ist zwar moralisch verwerflich, aber der nordkoreanische Entwicklungspfad einer totalitären Mangelwirtschaft ist zweifellos eine mögliche Reaktion auf eine abrupte Energiekrise.
Sozioökonomische Anpassung: Kuba, 90er Jahre
Kuba erlebte in den neunziger Jahren – ähnlich wie Nordkorea – eine abrupte Energiekrise. Wahrscheinlich war die Versorgungskrise hier sogar noch schlimmer: Die CIA schätzte den Rückgang der Treibstoffimporte zwischen 1989 und 1993 auf insgesamt satte 71 Prozent. Subventionierte Energielieferungen aus dem Ostblock hörten komplett auf.
Fidel Castro musste 1990 daher einen nationalen Notstand ausrufen, die sogenannte „Sonderperiode”. Die Krise hatte verheerende Auswirkungen auf die gesamte kubanische Wirtschaft. Maschinen standen ohne Treibstoff und Ersatzteile nutzlos herum; der öffentliche und private Verkehr kam zum Stillstand; Arbeiter konnten ihre Arbeitsplätze kaum noch erreichen; Fabriken und Haushalte überall auf der Insel wurden von unangekündigten Stromausfällen überrascht. Wie in Nordkorea ergaben sich die schmerzlichsten Auswirkungen im Nahrungsmittelsektor. Die durchschnittliche Nahrungsaufnahme pro Person (insbesondere Fett und Eiweiß) fiel unter das Existenzminimum. Verbraucher gingen dazu über, kleingehackte Grapefruitschalen als Rindfleisch-Ersatz zu essen, und manche hielten sich in der Wohnung ein paar Hühner oder mästeten Kleinvieh auf dem Balkon.
Dennoch starben die Menschen auf Kuba nicht durch Verhungern. Scharen von Obdachlosen oder marodierende Banden von Straßenkindern gehörten nicht zum Erscheinungsbild kubanischer Städte; Gewaltverbrechen und Hoffnungslosigkeit waren nicht typisch für das Alltagsleben in Kuba. Dies steht in bemerkenswertem Gegensatz zu Nordkorea. Obwohl zuverlässige Situationsberichte aus diesem isolierten Land schwer zu bekommen sind, zeigen Berichte exilierter Nordkoreaner, dass das Leben dort in den neunziger Jahren schier unerträglich war. Wie erwähnt starben drei bis fünf Prozent der nordkoreanischen Bevölkerung an Hunger. Nichts dergleichen geschah auf Kuba, obwohl das Alltagsleben während der „Sonderperiode” dort sicher auch nicht einfach war.
In ihrem Bemühen, die Krise zu meistern, kam den Kubanern mehreres zustatten: ein freundliches Klima, Einnahmen aus dem Tourismus, Überweisungen aus dem Ausland, ausländische Investitionen sowie internationale Hilfslieferungen. Dazu kommt, dass das Regime in Havanna menschlicher auftrat als sein Gegenstück in Pjöngjang. Nach einigem Herumexperimentieren wurden vorsichtig die ersten wirklichen Reformen eingeleitet. Das Land öffnete sich weiter dem Tourismus, Teile der Schattenwirtschaft wurden legalisiert, und bestimmte Formen lokaler Selbsthilfe wurden ermutigt und gefördert.
Das wahre Wunder jedoch vollbrachte die kubanische Bevölkerung. Trotz großer Schwierigkeiten gelang es selbst den einfachsten Menschen, über die Runden zu kommen. Der Hauptgrund hierfür war der erstaunliche Zusammenhalt der kubanischen Gesellschaft auf der Gemeinde-Ebene. Obwohl Kuba eine hohe Verstädterungsrate aufweist, ist das typische Viertel (das barrio) eine Art städtisches Dorf. Die Haushalte sind eingebettet in eine lebendige Nachbarschaft, und viele Familien leben seit Generationen im selben Haus. Im typischen kubanischen Haushalt lebt eine Großfamilie. Diese setzt sich aus mehreren Generationen zusammen – inklusive Tanten, Onkel und Kusinen. Die Menschen pflegen enge Beziehungen zu Freunden und Verwandten, sowohl im barrio als auch außerhalb.
Man sollte das nicht idealisieren. Die Sesshaftigkeit der Familien in ihren Wohnungen war darauf zurückzuführen, dass die Regierung den Wohnbesitz seit der Revolution eingefroren hatte. Die Bewohner fanden sich mit der Raumnot natürlich nur deshalb ab, weil ihnen nichts anderes übrigblieb. Das Regime hatte die Nachbarschaftsorganisationen nicht so sehr aufgebaut, um den sozialen Zusammenhalt zu fördern, sondern vielmehr zum Zweck der politischen Überwachung. Doch wo auch immer die Gründe hierfür lagen, die meisten Kubaner konnten sich auf ihre Familien, Freunde und Nachbarn verlassen. Diese lokale Solidarität und dieses soziale Kapital ermöglichten es den Leuten, während der „Sonderperiode” zu überleben. Die Krise, so sagte ein Bewohner eines sozialen Brennpunkts, brachte die Menschen näher zusammen, indem sie sie zwang, sich gegenseitig zu stützen.
Tradiertes Wissen trug ebenfalls entscheidend dazu bei, die Bevölkerung zu ernähren. Bäuerlicher Landbesitz war nach der Revolution von 1959 zwar weitgehend kollektiviert worden, doch immerhin vier Prozent der Bauern hatten ihr Stück Land behalten. Weitere elf Prozent hatten sich in privaten Genossenschaften zusammengeschlossen. Das Fortbestehen traditioneller Höfe (neben der industrialisierten Landwirtschaft) entpuppte sich in der Krise als großer Vorteil. Weil unabhängige Bauern weniger Treibstoff und chemischen Dünger verbrauchen, waren sie widerstandsfähiger als staatliche Landwirtschaftsbetriebe. Bei den verbliebenen Kleinbauern hatte sich althergebrachtes Wissen erhalten, auf das jetzt zurückgegriffen werden konnte. Andere ehemals selbständige Bauern waren auf Staatsgüter oder in die Städte gezogen und gaben dort ihr wertvolles Know-how in Selbstversorgung und städtischer Landwirtschaft weiter.
Die städtische Landwirtschaft war eine Selbsthilfebewegung. Sie wurde ermöglicht durch eine Kombination aus tradiertem Wissen und organischen Anbauverfahren und dem für Kubaner typischen Improvisationstalent. Brachliegende Flächen zwischen Wohnblocks oder am Stadtrand wurden in organische Gärtnereien verwandelt. Leere oder verlassene Parzellen in der Nähe von Wohnungen und Häusern wurden zu Kleingärten umfunktioniert. Auf diesen städtischen Brachen bauten die Leute Gemüse und andere Nahrungsmittel an. Mitte der neunziger Jahre waren allein in Havanna Hunderte privater Gärtner-Clubs registriert. Ein städtischer Kleingärtner aus Havanna erklärte in einem Interview: „Zu Beginn der Sonderperiode waren es die Bauern selbst, die diese Gärtner-Clubs gründeten. (...) Großen Wert legte man auf die Beteiligung der Familien bei den Aktivitäten. (...) Wir wollten auch die Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe unter uns weiterentwickeln, und so tauschten wir Saatgut, verschiedene Pflanzenarten und Erfahrungen untereinander aus. Was wir erreicht haben, ist ein Sinn für gegenseitige Hilfe, für Solidarität. Außerdem haben wir etwas über landwirtschaftliche Produktion gelernt.”
Wie schon gesagt: man sollte das nicht idealisieren. Öko-Aktivisten haben die kubanische Wirtschaftsweise während der Sonderperiode als soziales „Experiment” oder gar als alternatives „Modell” einer biologischen Landwirtschaft in den Himmel gehoben. In Wahrheit aber entstand Kubas Episode einer ressourcenarmen Landwirtschaft natürlich nicht aus ökologischem Bewusstsein, sondern aus bitterer Notwendigkeit. Um die Jahrtausendwende, als sich die wirtschaftliche Lage langsam besserte und industrielle Güter wieder leichter verfügbar wurden, kehrte Kuba allmählich wieder zur industrialisierten Landwirtschaft zurück. Doch wie dem auch sei: Es ist schon ermutigend, dass dieses Land in den frühen neunziger Jahren erfolgreich die Auswirkungen eines katastrophalen Ressourcenmangels durch beispielhaften Gemeinschaftsgeist zu mildern verstand. Man muss nur auf Nordkorea sehen, um zu erkennen, dass dies kein geringer Erfolg war.
(Jörg Friedrich lehrt Politikwissenschaft in Oxford, engl. Text im Original als .pdf lesen)
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