Die Bild träumt, sie sei Kaisermacherin. KT träumt, er könne Kanzler aller Deutschen werden und ein vieltausendjähriges Reich errichten. Der Spiegel träumt, er könne etwas gegen die Bild ausrichten. Ich kriege Plaque.
Die echten Menschen, die haben das Träumen längst aufgegeben, sie sehen keine Hoffnung mehr, sie wissen, daß ihre Kinder es einmal schlechter haben werden als sie selbst.
Früher - als die Kinder es besser haben sollten als die eigenen Eltern - investierte man Zeit und Geld in Bildung. Kurze Zeit später war das nicht mehr so wichtig und die Kinder sollten Beamte werden. Ich zB lag genau dazwischen. Zuerst wurde ich gebildet, was das Zeug hielt, dann, nach dem BWL-Studium, wünschte mein Vater sich, ich würde die sogenannte Höhere Beamtenlaufbahn einschlagen. Da hätte man einen sicheren Job!
Heute empfehlen die Eltern ihren Kindern, die Schule abzubrechen und direkt in Hartz-IV einzusteigen. Siehe dazu auch Panem et Democraciensis.
Die anderen wollen König von Deutschland werden - in der Politik, oder einer anderen Casting-Show. Sie leiden unter Realitätsverlust. Manchmal meint man, sie kämen gar von einem anderen Stern, hätten die falschen Hochglanzzeitschriften inhaliert, den falschen Politikern und Wahlen geglaubt.
Auch der Traum der Bild ist längst ausgeträumt. Da sie es sich aber nicht anmerken läßt, ist die Politik weiter überzeugt, sie müsse sich der Bild unterordnen und vor ihr zittern. Spannend, denn die Bild überlebt nur mit Hilfe der Politik. Die Politik traut sich aber nicht, ihre eigenen Träume aufzugeben, um damit den Traum der Bild endgültig ad Absurdum zu führen.
Der Spiegel dagegen leidet einfach an Verdrängung, an Gedächtnisverlust und Alzheimer - wir haben es hier mit senilen Plaques zu tun: "extrazelluläre Ablagerungen ... in der grauen Hirnsubstanz. Die Ablagerungen sind vergesellschaftet mit degenerativen nervalen Strukturen ...". Der Spiegel selbst erinnert sich nicht mehr an seine inhaltlich besten Zeiten, weiß nicht mehr, was ihn einst groß und berühmt und gefürchtet machte ... sieht nur seine Gegner, nicht aber seine eigene Persönlichkeit.
Traurige Einzelschicksale, die viel mit dem Bild zu tun haben, das wir von uns selbst und von anderen haben: Der Neid in den Augen der anderen ist eben kein wirklicher Ersatz für das verlöschende Feuer in uns allen.
(Die Montagsfrage des NRW-Forum Düsseldorfbeschäftigt sich generell mit Kunst und Kultur - aber auch mit ganz konkreten Projekten des Museums - und dient dem Erkenntnisgewinn zu Wünschen und Meinungen der NRW-Forum-Fans & -Besucher. Dienstags gibt es die kurze Auswertung bei Facebook.)
NRW-Forum Montagsfrage vom 28. Februar 2011
Die richtige Antwort der Frage vom letzten Montag: 12,9% der Deutschen ... haben nach ihrer Selbsteinschätzung Interesse an der Kunst- und Kulturszene.
(Das NRW-Forum zeigt wechselnde Ausstellungen, die aktuelle Fragen vor ihrem kulturellen Hintergrund behandeln (zB zu Fotografie, Medien, Mode, Kommunikation, Architektur, Mobilität oder Lifestyle). Im Social Media-Umfeld ist das NRW-Forum ein Vorreiter mit eigenemBlog, iPhone App, Facebook, Twitter-Account und der aktiven Nutzung von Video- und Foto-Plattformen.)
02 - Agentur PHD (nicht so perfekt wie JvM, aber immerhin. Jeder blamiert sich so gut er kann: We are the Future (YouTube). Bitte unbedingt die 'Entschuldigung' von phd und die Kommentare lesen!
Nun also sind sie tot, die 3 Afffen, die nichts sehen, nichts hören wollten und also nichts sagten als es noch Zeit war.
Sie sind nichtmal erstickt an dem, was sie nicht gesagt haben. Sie haben gar nichts sagen wollen, es nichteinmal denken wollen, es wäre ihnen gar nie in den Sinn gekommen.
Früher, ja früher, da war alles anders, die Älteren erinnern sich noch. Früher hätte man ein Gefühl gehabt für das Hinwegsetzen der Politik und des Menschen über Recht, Anstand, Gesetz.
Früher hätte jemand, der sich aufmacht, einem Volke vorbildlich voranzugehen, nicht betrogen, nicht gelogen, nicht, niemals. Es wäre ihm nichtmal in den Sinn gekommen.
Wenn es doch passiert wäre, und er hätte sein Gesicht verloren und Schande über seine Familie, seine Bekannten und Freunde gebracht, hätte er sich zum Seppuku zurückgezogen. Ehre. Alternativlos(!).
Früher hätten spätestens seine Eltern ihm gesagt, daß er das Gesicht verloren hätte (und damit seine Familie ihres), daß er Schande gebracht hätte über sie, und es nur einen Weg gäbe, dies wieder gutzumachen. Wiedergutmachung und Buße.
Früher hätte der ritterliche Adel ihn gefordert, heute denkt man bei dem Worte ... einzig an gefüllte Schokolade.
Früher hätten seine Kollegen ihm nahegelegt, das Amt niederzulegen, denn er beschmutze mit seinem Handeln die Ehre der Partei, ihrer Mitglieder und Anhänger. Heute zählen all diese nichts mehr, allein die Karriere, die nächste Wahl, der nächste -betrug. Locker über die Leiche der Demokratie.
Früher hätten die Medien ... ach ... die 3 Afffen.
Früher hätten die Intelligenzien des Landes, hätten die Denker, Philosophen und moralischen Instanzen aufbegehrt ... Ruhet heute weiterhin sanft!
... die Gewerkschaften, Kirchen, der Zentralrat der Juden, die bayerischen Landfrauen ...
Früher hätte die eigene Universität die Werte, Moral und Ethik der Wissenschaft im Auge gehabt und nicht auf dem Altare der Spenden, Beziehungskorruption und politischer Freundschaft geopfert ...
... als Exzellenz noch Wert an sich und nicht nur Initiative war.
Früher wären die anderen Hochschulen, Professuren und Professoren auf die Barrikaden gegangen - denn ein wenig zählten sie sich damals noch zur Intelligenz, gar zu den Bewahrern und Gärtnern des Volkes der Dichter und Denker. Heute sind sie nur noch seine nutznießenden ... 3 Afffen.
Früher wären die Eltern der Studenten auf die Barrikaden gegangen, weil die Ausbildung und harte Arbeit ihrer Kinder plötzlich nichts mehr wert gewesen wäre.
Früher wären die Studenten auf die Barrikaden gegangen, vielleicht die einzig Verbleibenden - wie sie bemerkt hätten - mit Rückgrat, eine aussterbende Art, die sich schnell wieder vermehren, ausbreiten und in Deutschland heimisch werden müßte. Intellektuelle Studenten.
Aber woher sollten sie heute kommen? Aus diesen Schulen? Diesen Universitäten? Diesen Elternhäusern? Diesem Fernsehen? Dieser 4. Gewalt?
Woher sollten sie heute kommen - wenn Eltern und Lehrer taub, und blind, und stumm, unsere Vorbilder taub, und blind, und stumm sind?
Wenn unsere Politik taub, und blind, und stumm ist?
Wenn alle gemeinsam daran arbeiten, daß auch das Internet bald taub, und blind, und stumm ist?
Na gut, ich erkläre es kurz: The Future belongs to ...
... the very few of us, die beschwerliche neue Wege beschreiten, neue Geschäftsmodelle entwickeln, den Status Quo über sich hinauswachsen lassen, sich kontinuierlich neu erfinden - um Zukunft zu kreieren, nicht Stillstand zu manifestieren
... the few of us, die sich noch die Hände schmutzig machen, mit ehrlicher Leute Arbeit - und nicht den effizientesten Weg, den Weg des geringsten Widerstandes gehen.
... the few of us, die noch aufrecht gehen und morgens in den Spiegel schauen können wollen, die noch Moral, Anstand und Ethik über den eigenen Profit stellen, über die eigene Karriere.
... the few of us, die noch an Standards, Regeln, Gesetze glauben.
Vielleicht muß man Euch explizit sagen, daß die Zukunft NICHT denen gehört, die sich die Hände im Sinne des Verbiegens und Brechens von Gesetzen schmutzig machen.
Und Ihr wißt schon, liebe Politiker und Verleger, daß - nachdem Ihr so vehement in Berlin und in der Bild um KTs Erhalt in der Politik kämpft - Ihr nun alles ab Adsurdum führt, was Euch vor kurzem noch wichtig war!?
- Das Leistungsschutzrecht könnt Ihr vergessen. Damit könnt Ihr niemandem mehr drohen. Wer sollte Euch da noch ernst nehmen - wenn der zukünftige Kanzler frei von der Leber weg kopieren und dann von "unbewußt" fabulieren kann? (Ups, hattet Ihr noch gar nicht bemerkt, oder?)
- Die Leistungsgesellschaft könnt Ihr vergessen. Alle werden nun Hartz-IV oder Guttenberg-I beantragen. Warum soll man sich den wahrlichen Luxus des Leistens noch leisten?
- Geradlinigkeit, Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit (wie Ihr sie bei zB politischen Großprojekten einfordert) könnte Ihr jetzt vergessen. Was kann sich ein faules, verlogenes, unehrenwertes Volk Schöneres wünschen als einen Politiker an seiner Spitze, der ihm in diesem Sinne vorangeht - in den Untergang zwar, aber juckt Euch das?
- Endgültig könnt Ihr Euch nun vom 'Land der Dichter und Denker' verabschieden, wenn Ihr jeden Wert auf dem Altar des xbeliebig nächsten Wahlsieges opfert. Bildung könnt hr vergessen, aber die ist dieser Regierung eh nichts wert ist: Bildung, Wissenschaft, Dichten und Denken haben keine Zukunft in diesem, unserem Lande. Sind reiner Ballast - auf dem Weg an die Spitze.
Die großen Vergessenen! Intellektuelle im 21. Jahrhundert
Thomas Hummitzsch über Tony Judt
Am 6. August starb einer der letzten großen europäischen Intellektuellen, der britische Historiker Tony Judt. Zeit seines Lebens dachte er kritisch über die Gesellschaft nach, aus der er kam und die ihn umgab. Im nächsten Frühjahr wird seine Vermächtnisschrift Dem Land geht es schlecht (Hanser) erscheinen, eine Analyse der aktuellen Krankheiten der westlichen Welt und ein Aufruf zu mehr Solidarität. Sie ist Ergebnis seines lebenslangen Eintretens für eine moderne Sozialdemokratie, die sich weder neoliberal verrennt, noch sich in utopistischem Wunschdenken verliert. Diese Sozialdemokratie bildet den motivischen Hintergrund des kurz vor seinem Tod erschienenen Buchs Das vergessene 20. Jahrhundert.
Die ersten beiden Teile widmet Judt in eindrucksvoller Intensität zehn bedeutenden Intellektuellen des vergangenen Säkulums, die ihr Gewicht nicht zwangsweise aus den Inhalten ihrer Schriften, jedoch aus deren augenöffnender Wirkung auf die Nachwelt ziehen. Zu den „Zeugen der Finsternis” zählt er u.a. Primo Levi und Hannah Arendt, der erinnernde Überlebende der faschistischen Lagerhölle und die Analytikerin des Bösen. Unter dem Stichwort „Der engagierte Intellektuelle” erinnert Judt an Albert Camus als letzte französische Autorität, blickt auf den „letzten romantischen Kommunisten”, den Historiker Eric Hobsbawn, zurück und erweist der „authentischen Stimme des unabhängigen Beobachters”, dem palästinensischen Weltbürger Edward Said, eine späte Hommage.
Im dritten und im vierten Teil des Buches ruft uns der Autor die Bedeutung der europäischen und amerikanischen Geschichte für die Gegenwart ins Gedächtnis zurück. Er schildert am französischen Beispiel, warum unsere geschichtsvergessenen Gesellschaften Gefahr laufen, bereits gemachte Fehler zu wiederholen. Dass man entgegen der Geschichte auch neue Fehler machen kann, weist er in einer Analyse der Politik der Labour- Regierung unter Tony Blair nach. Er warnt vor „zu wenig Staat” am Beispiel Belgiens und vor zu viel am Beispiel Israels. John F. Ken nedy rühmt er in einer klugen Analyse der Kuba-Krise als politisch intellektuellen Ausnahmepräsidenten. Das fatale Agieren der politischen Klasse nach Kennedy habe jedoch dazu geführt, dass die amerikanische Gesellschaft die Fixierung auf den Kalten Krieg noch nicht abgelegt und so den „beispiellosen Antiamerikanismus” dieser Tage provoziert habe.
Angesichts der Auslöschung der Vergangenheit in der heutigen Zeit zeigt Tony Judt eindrucksvoll, dass Erinnerungen die besten Führer durch unser Zeitalter sind.
(Thomas Hummitzsch über: Tony Judt, Das vergessene 20. Jahrhundert. Die Rückkehr des politischen Intellektuellen, übs. von M. Fienbork. Hanser, München 2010, 475 S., 27,90 Euro)
DIE GAZETTE "Ein politisches Magazin für den kritischen Zeitgenossen: aufmerksam, nachdenklich, verläßlich unabhängig, mit Haltung und Rückgrat, jenseits von Boulevard und Mainstream, gründlicher als die Zeitung, aktueller als das Buch." Fritz Glunk
Eduard Kaeser macht Jazzmusik, der gebürtige Berner ist zudem Kantonsschullehrer, vor allem aber ist er als physikalisch und philosophisch gebildeter Kopf im essayistischen Genre beheimatet. Entsprechend sind seine hier versammelten Texte schriftliche Tonproben eines musikalisch- kritischen Zeitdiagnostikers, mithin einer intellektuellen Existenz, die in den heute dauergereizten popkulturellen Alltagssoziotopen massiv vom Aussterben bedroht ist.
Wir sind also beim Thema: Popkulturelle Massenphänomene sind es, die Kaeser in den insgesamt 16 zwischen 1997 und 2009 entstandenen Essays, die dieses Büchlein zieren, untersucht – wobei der Autor besonders der Popularisierung des Wissenschaftsbetriebs immer wieder auf die Schliche kommt. Dessen Pop-Verdacht formuliert er wie folgt: „Pop Science ist eine Mischung aus solch ‚volkspädagogischer’ Tradition und moderner Popkultur, wie wir sie von Kunst und Musik her kennen. Von ‚Edutainment’ oder gar ‚Sciencetainment’ ist jetzt die Rede. Und in solchen Wortschöpfungen deutet sich auch schon das an, was ich als zeittypisch an der Pop Science betrachte: eine Gewichtsverschiebung von der Aufklärung zur Unterhaltung.”
Diese Umwertung fast aller Werte ist ein zentrales Motiv, das Kaeser bewegt, heutiger Science den Pop- Befund zu attestieren. Freilich ist die Popularisierung wissenschaftlicher Expertise nicht neu, sie war bereits genuines Ziel aufklärerischen Bestrebens, jedoch handelt es sich bei der hier analysierten Form öffentlicher Bekanntmachungen um „ein Phänomen, das erst in der marktbestimmten Lebensform von heute so richtig ins Kraut schießt”. Auf den „Wissensbasaren” des dritten Jahrtausends bieten allzeit allerhand „Experten” ihre heilsversprechenden Science- Produkte feil, wobei das Branding für das Standing weit wichtiger ist als so manch eines Pudels Kern.
Die überall zu sehenden Tendenzen der Entertainisierung haben natürlich ihre Hintergründe; diese hängen im szientistischen Bereich mit einem noch relativ jungen Wandel zusammen: dem von der Small Science zur Big Science. Faktisch erleben wir nämlich seit dem letzten Jahrhundert eine zweite Kambrische Explosion, diesmal nicht der fauna, sondern der scientia - mit einer Ausdifferenzierung, Spezialisierung, Professionalisierung und Standardisierung des kompletten wissenschaftlichen Apparats; Umstände, von denen faustische Einzelgänger und universalgelehrte Wissenstitanen in ihren Dachstuben, Werkstätten und Kellergewölben vor noch nicht allzu langer Zeit niemals hätten träumen können (und wollen).
Dieser Tage führen Wissenschaftler kaum mehr eine Nischenexistenz. Allerdings wird durch immer mehr Wissen immer mehr Wissen selbst zur Nische – nur für Experten verstehbar, nur durch Experten erklärbar. Big Science fordert im Gleichschritt auch eine Big Explanation - eine Popularisierungs- und Trivialisierungskompetenz in einer Welt, in der zwar ein szientistisch-industrieller Komplex existiert, jedoch immer mehr Menschen immer weniger Wissen wirklich wissen. Dazu Kaeser: „Im Hintergrund von Pop Science haben wir es mit einem Problem der Wissenslegitimierung zu tun: Was soll all der Aufwand an Forschung, wenn er sich nicht in deutlich sichtbarer - technisch-ökonomisch-politisch- medialer - Dividende auszahlt?”
Zweifellos ist es eine wissenschaftliche Erfolgsgeschichte, die der „Wissensgesellschaft” zum Verhängnis wird - zum Verhängnis deshalb, weil auch Forscher gerne mal zur totalitär- fundamentalistischen Welterklärung und -veränderung tendieren. Biologen, die ewiges Leben, egoistische Gene oder den Gotteswahn fanden, Hirnforscher, die den freien Willen und das menschliche Ich nicht fanden, Physiker, die die Einswerdung von Himmel und Erde bewiesen, oder Ingenieure, die der Komplettverschmelzung von Humanem und Digitalem ihren Glauben schenkten: Sie alle liefern Beispiele für eine akute Überhitzung des wissenschaftlichen Gemüts bei gleichzeitiger Überdehnung der eigenen Deutungsfähigkeit. Allerdings geschehen diese Proklamationen nicht immer nur blindlings, sondern in gewissem Sinne gehören sie schon zur Corporate Identity der Pop Science. Denn „Pop Science heißt: mit Wissenschaft Wind machen, dass es rauscht im Blätterwald des Feuilletons.”
Gegen Wissenspopularisierung ist, das sollte festgehalten werden, nichts einzuwenden - gegen subtile Unwissenskaschierung schon. Und da letztere das Pop-Science-Business enorm prägt, wird dieses schnell zur Flop Science, zur neuen Glaubensgemeinschaft der ahnungslosen - nennen wir sie ruhig so - Sciencetologen. Wünschenswert wäre allemal, wenn sich Wissen mehr zu eigen gemacht würde, wenn es individuell aufklären, sich entfalten und so zu persönlichen Kompetenzen gedeihen könnte. Was Pop Science dagegen liefert, ist eine neue Mythenbildung mittels Wissenschaft, also Gegenaufklärung. Sagen wir es unmissverständlich: Die Pop Science markiert Tendenzen einer Gesellschaft, die nicht wissen will, sondern nur zuschauen und lachen und klatschen.”
Der neomythologische Dschungel, der von uns behaust wird, wird - da Pop Science dies nicht leistet - von Kaeser schließlich selbst ins Visier genommen. Statt in einer „Wissens-” findet uns der Autor kurzerhand in einer „Glaubensgesellschaft” situiert, deren kritischer Zustand erst durch das Kultivieren „wissensbürgerlicher” Fähigkeiten aufgehoben würde. Unser Leben im „Technotop” verweist für Kaeser auf das völlig ungeklärte Verhältnis des homo sapiens zu seiner Leiblichkeit ebenso wie zu seiner Leibtranszendenz. Anstelle des „Prinzip Arbeit” fordert er ein den heutigen Verhältnissen und Bedürfnissen entsprechendes „Prinzip Muße” – alles letztlich Grundlagen des Menschseins, die Kaeser entstaubt, aufpoliert und einen dabei mit Erstaunen feststellen lässt, wie unbemerkt uns diese Aspekte bereits entglitten sind.
Kaeser ist kein Mann der großen, sondern eher einer der feinen, der bedachten Worte - ein Musikus eben. Und er schreibt zugleich mit humorvollem Understatement, exemplarisch, wenn er seine Essays in Bezug auf den Buchtitel einordnet: „Die hier versammelten Stücke lassen sich durchaus selbst als Stücke der Pop Science lesen, insofern auch sie sich auf der Spielwiese zwischen Wissenschaft und Alltag tummeln. Aber sie sind gleichsam Pop Science mit Spaßverderbercharakter. Sie kühlen die Exaltationen des gegenwärtigen Wissenschaft- und Technikbetriebes auf Normaltemperatur, das heißt auf ein menschliches Maß, ab. Es geht in den vorliegenden Essays also wörtlich um Versuche, dieses Maß in all den menschenflüchtigen Horizonten aufzuspüren, die sich heute in Technik, Wissenschaft, Medizin und Wirtschaft aufspannen.”
Was Kaeser letztlich am meisten an der Pop Science stört, ist die Verkümmerung des Wissens zur bloßen Ware, mit ökonomischer Rentabilität und technischer Verwertbarkeit als einzigen Gütekriterien. Die Empörung über die damit korrespondierende Suspendierung des Erkenntniswillens teilt er mit dem von ihm mehrfach zitierten amerikanischen Philosophen Harry G. Frankfurt, der 1986 in seiner Schrift On Bullshit konstatiert: „Der Lügner und der der Wahrheit verpflichtete Mensch beteiligen sich gleichsam am selben Spiel, wenn auch auf verschiedenen Seiten. Beide orientieren sich an den Tatsachen, nur dass der eine sich dabei von der Autorität der Wahrheit leiten lässt, während der andere diese Autorität zurückweist und es ablehnt, ihren Anforderungen zu entsprechen. Der Bullshitter hingegen ignoriert diese Anforderungen in toto. Er weist die Autorität der Wahrheit nicht ab und widersetzt sich ihr nicht, wie es der Lügner tut. Er beachtet sie einfach gar nicht. Aus diesem Grunde ist Bullshit ein größerer Feind der Wahrheit als Lüge.”
Aus seinem Schaffen als Publizist, Schulpädagoge und Jazzmusiker ergaben sich für Kaeser, so darf man vermuten, mindestens zwei Fundamentalerkenntnisse: 1. Science sells; 2. Pop auch. Ein Schelm, wer denkt, der Autor dachte Böses, als er sein Buch kurzerhand mit dem Titel Pop Science versah - denn der Autor tat nicht Böses, sondern Gutes: Er schrieb hervorragende Anti-Bullshit- Essays, deren zeitdiagnostische und zukunftsweckende Klänge noch möglichst viele Augen und Ohren vernehmen sollten.
(Philip Kovce über: Eduard Kaeser, Pop Science. Essays zur Wissenschaftskultur, Schwabe, Basel 2009, 176 S., 14Euro)
DIE GAZETTE "Ein politisches Magazin für den kritischen Zeitgenossen: aufmerksam, nachdenklich, verläßlich unabhängig, mit Haltung und Rückgrat, jenseits von Boulevard und Mainstream, gründlicher als die Zeitung, aktueller als das Buch."
Fritz Glunk
(Nachtrag 16. März, 2011: Ich habe gerade ein sehr spannendes Zwiegespräch mit einem Kunden geführt. Man lobte den folgenden Beitrag, obwohl man vollkommen anderer Meinung sei. Der Artikel, und auch das Addendum, sei notwendig und richtig. Ich hätte mich auf keine Seite geschlagen, sondern früh klargemacht, worum es geht und daß die gesamte Situation peinlich sei für alle Beteiligten. Derartiges sei der Demokratie, dem politischen Leben und Wissenschaft sowie Bildung unwürdig. Dies hat mich natürlich gefreut, da - wie wir ja alle bemerkt haben - mancherorts dort draussen die Fronten äußerst verhärtet waren. Früher gab es eben noch eine Diskurs- und Diskussionskultur, die diesen Namen auch verdiente. In diesem Sinne!)
Minister zu Guttenberg, der Verteidigungsminister, der sein Ehrenwort gab, seine Doktorarbeit eigenhändig verfaßt zu haben, ist immer noch nicht zurückgetreten. Ein Skandal!?
Aber ist inzwischen nicht der größere Skandal, diese Farce, die um den betrüblichen Vorfall herum entsteht? Die Politiker, die mit den 3 Afghanistan-Toten Politik machen und von zu Guttenbergs Plagiat ablenken wollen?
Die Kanzlerin, die wie immer still und stumm zuschaut und sich stoisch wie ihr großes Vorbild Helmut Kohl aus allem raushält und alles aussitzt?
Ein Volk vor allem, das nicht müde wird, seinen Lieblingsminister wider besseres Wissen in den Himmel zu loben? Ihn, den es vor kurzem noch als Lichtgestalt der Gradlinigkeit, Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit auf jedes erreichbare Podest stellte?
Ein Volk, Politiker, Parteien, denen Ehrenworte, Ehrlichkeit plötzlich nichts mehr gilt, die jede Moral und Ethik den Bach runtersausen lassen, weil ihnen das Bild des Politikers zu Guttenberg wichtiger ist als die Realität?
Oder warten alle nur ab, denn wir wollen ja niemanden vorverurteilen, und im Zweifel heißt es doch immer noch 'für den Angeklagten'? Im Grunde scheint allen das Ergebnis egal. Man hat sich seine Meinung längst gebildet. Man ist verblendet, will nicht wahrhaben, was nicht sein kann - oder will eben genau dies endlich beweisen.
Wer hat recht? Wir werden sehen.
Der Einzige, der Bescheid weiß, ist zu Guttenberg selbst, es wird Zeit, daß er aufhört, Spielchen zu spielen, aufhört, im Zweifel sich und uns etwas vorzumachen. Es wird Zeit, sich zu erklären. Jeder Tag macht es schwieriger, ihm, der Regierung, den sich beteiligenden Politikern, und unserem gesamten Volke noch den nötigen Respekt zu zollen.
Fremdschämen ist auf jeden Fall angesagt - egal auf welcher Seite man steht. Denn interessanterweise gibt es keine unterschiedlichen Seiten. Es gibt nur eine einzige große Blamage - unklar ist einzig für wen.
(Die mediaclinique präsentiert regelmäßig die Montagsfrage des NRW-Forum Düsseldorf. Die Montagsfrage beschäftigt sich generell mit Kunst und Kultur - aber auch mit ganz konkreten Projekten des Museums - und dient dem Erkenntnisgewinn zu Wünschen und Meinungen der NRW-Forum-Fans und -Besucher. Dienstags gibt es eine kurze Auswertung bei Facebook.)
NRW-Forum Montagsfrage vom 21. Februar 2011
Was glauben Sie, wie groß ist der Prozentsatz der Deutschen, die sich nach eigenen Angaben für die Kunst- und Kulturszene interessieren?
(Das NRW-Forum zeigt wechselnde Ausstellungen, die aktuelle Fragen vor ihrem kulturellen Hintergrund behandeln (zB zu Fotografie, Medien, Mode, Kommunikation, Architektur, Mobilität oder Lifestyle). Im Social Media-Umfeld ist das NRW-Forum ein Vorreiter mit eigenemBlog, iPhone App, Facebook, Twitter-Account und der aktiven Nutzung von Video- und Foto-Plattformen.)
Hat irgendjemand eine deutsche Ägency bemerkt, ein (internationales) Network gar, die/das sich einmischte in die Berichterstattung, Kommentierung, bloße Weiterleitung von Neuigkeiten zum Stande und Ausgang der Revolution?
Ägencies - das sind doch die Einheiten, die von der Medienfreiheit, Meinungsfreiheit, der Kommunikationsfreiheit profitieren? Oder?
Ägencies profitieren doch direkt vom freien Spiel der Kräfte zwischen den Medien, weniger von den staatlichen und Berlusconi-ähnlichen Medien, eher von den freien, privaten, kommerziellen und werblichen Geschäftsmodellen? Oder?
Ägencies profitieren doch indirekt von den modernen Möglichkeiten menschlicher Kommunikation, da sich dann auch ihre Botschaften schneller von Mund zu Mund, Mensch zu Mensch bewegen können? Oder?
Wo sind sie, die Ägencies, die ihre Meinung äußern zum Freiheitskampfe der Menschen und Kommunikation? Wo sind die Ägencies, die Stellung beziehen FÜR den Kampf um Meinung, Kommunikation und Freiheit des Individuums?
Wo sind all die Kreativen, die weltoffenen, avantgardistischen Berater, die Vorbilder der Menschen dort draussen, die zumindest ihre Rolle als Meinungsbildner, Informationsverteiler und Unrechtsverurteiler wahrnehmen?
Ich habe sie nicht gesehen!
Trauen sie sich nicht, weil sie ahnen, daß ihre Kunden Anhänger der weniger freien Meinung sind? Trauen sich nicht, weil sie jemandem auf die Füße treten könnten in unserer Demokratie?
Trauen sich nicht, weil das Politik ist und Ägencies sich da nicht einmischen - bzw. nur, wenn es einen Etat abzustauben gilt?
Die Zeiten haben sich geändert.
Auch Ägencies sind Marken. Marken sind Persönlichkeiten. Mit Ecken und Kanten. Mit Meinungen, die sie äußern, damit wir sie besser kennenlernen, wir uns ein Bild machen können, ob sie zu uns passen - oder überhaupt noch in diese Zeit. Ob sie zukunftsfähig sind, da sie die neue Unabhängigkeit, Individualität und Ungeduld der Menschen verstanden haben (auch, wenn ich mich jetzt wiederhole). Oder?
Zeitungen, Meldungen, News, Gerüchte, Medien, über die - auf Wunsch der Verleger - nicht gesprochen werden darf? In welcher Welt lebten diese Verleger in den letzten 40.000 Jahren?
Seit Menschengedenken passiert in der Welt dort draussen nichts anderes, als daß Menschen die Tageszeitung, das gedruckte Wort obsolet machen, weil sie es ungefragt (Wie unerhört!) in den Mund nehmen und es propagandamäßig verbreiten - ganze Geschäftsmodelle fußen darauf.
Menschen machen Tageszeitungen und Medien überflüssig - ja, in einem ersten Schritt -, indem sie die Inhalte, die knackigen Überschriften, die kritischen Artikel, die geordneten Gedanken des Autors kostenlos(!) und ohne um Erlaubnis zu fragen weitergeben.
Menschen machen Tageszeitungen und Medien - im zweiten Schritte - unverzichtbar und empfehlen sie weiter als Quelle ihrer Information, ihres überdurchschnittlichen Wissens, ihrer Weisheit, ihres Humors - abgerundet mit dem mündlichen Link "Mußt Du unbedingt lesen!".
Kann es eine bessere Kaufempfehlung geben, liebe Verleger und Medienschaffenden, bessere Werbung, Kommunikation und Imagebildung als die Worte des Menschen, dem ich vertraue auf der Straße, in der Nachbarschaft, im Büro und Blog?
Könnt Ihr mehr verlangen, als daß Eure Leser Eure Qualität weitertragen zu ihren Freunden? Diese Qualität gar versehen mit einem weiteren Qualitätssiegel, dem Ansehen nämlich eben dieses Freundes, den ich mit dieser Quelle beeindrucken möchte? Und dem eigenen Wunsche, in dessen Ansehen zu wachsen?
Vorverkauft werdet Ihr jeden Tag ungezählte Male. Mangel (und der Wunsch zu besitzen) wird erweckt mit einem kurzen Gespräch, einem Zitat, einem Beispiel Eurer Eloquenz und Intelligenz, einem kurzen Hinweis zur Quelle. Und Ihr wollt dieses Band zerschlagen? Den Menschen am Einkaufskorbe im Supermarkt, am Kopiergerät im Büro, im Blog, in der Bahn verbieten, Gutes über Euch zu berichten? Euch zu loben, Euch zu stärken, an Eurem Image und Eurem Ruhme zu bauen?
Bedenkt, liebe Verleger und Medien: All dies bringt Euch erst das Geld, ist die Basis Eures Ruhmes, Eures Reichtumes, Eurer Ehre, Eurer Flugzeuge, Hubschrauber und Automobile.
Die Menschen, der Austauch, der Klatsch an der Ecke, das intellektuelle Gespräch, all das ist der Boden auf dem Eure Saat aufgeht, nicht umgekehrt.
All das müßt Ihr fördern - nicht verbieten! Ihr müßt das Gespräch gar mit den Menschen suchen in einem nächsten Schritt, statt das Gespräch über Euch zu verhindern.