Trotzig und verzweifelt (TV-Wirkungstag-Studie: Der Küchentisch ist wahres Social Media) wehrt sich die TV-Branche dieser Tage wieder gegen den unausweichlichen Niedergang ihres einst so stolzen Mediums - unwissend, daß sie genau damit ihn nur beschleunigt.
2 Anekdoten
01 - Ich bin sozusagen mit dem Fernsehen groß geworden: mit amerikanischen Serien, deutsch synchronisiert - mit amerikanischen und englischen, etc. Serien über die holländischen TV-Sender im weitaus überzeugenderen Originalformat mit niederländischen Untertiteln - mit den Telekollegs, Nachrichten- und Wissens- bzw. Wissenschaftssendungen der Öffentlich-Rechtlichen. Alles andere hat mich nicht interessiert. Ich nutzte das Fernsehen zur Ablenkung, zur Unterhaltung, weitaus öfter und intensiver aber, um meinen Horizont zu erweitern, meinen (Entwicklungs-) Status Quo infragezustellen und mich weiterzuentwickeln, seien es Sprachen, Wissen, oder Klugheit (im Sinne angewandter Intelligenz). Das Fernsehen war der Grund, warum ich später zu Schmidt-Vogel und Bursee (Grey Media, heute Mediacom) ging.
02 - Jahrelang bestand (viel später) mein CEO in Wiesbaden darauf, daß er sich und die Agentur nicht neu erfinden müsse, da er unangefochten erster im deutschen Umsatz-Ranking sei. Jahre, in denen ich ihm erwiderte: wo aber könnten wir stehen, wenn wir uns wirklich Mühe geben würden!? Jahre, in denen der Abstand zu Mediacom von 700 auf 70 Millionen schwand.
Während es für ihn kein kleineres Problem gab, gab es für mich kein größeres. Ich verließ den Konzern 2001.
01 - Die Zielgruppe bestätigen oder challengen
Das Fernsehen kann das Beste und Schlechteste im Menschen fördern. Das Fernsehen kann einlullen, beruhigen, einschläfern, ablenken, prokrastinieren, fett und behäbig machen - und zwar Körper und Geist.
Das Fernsehen kann Horizonte erweitern, infragestellen, herausfordern, die Latte höher legen.
Das Fernsehen kann die Bild-Zeitung oder aber wie ein großartiges Buch sein. Es muß sich nicht mal entscheiden. Im Gegenteil: zu seinen besten Zeiten war das Fernsehen beides - aber immer zu 90% das Buch, zu 10% die Bild.
Heute, zu seinen schlechtesten Zeiten, behauptet es, Lagerfeuer zu sein. Wir aber brauchen keine Lagerfeuer, wir brauchen Leuchttürme. Wir brauchen Lichter, die uns aufgehen, daß es so nicht weitergehen kann. Wir brauchen Unterstützung des Fernsehens als Vierte Gewalt. Brauchen Benchmarks, die immer höher gelegt werden, die uns herausholen aus unseren XXXL-Couchen, unseren Castings und Frauentäuschen, die uns nicht bestätigen, daß es da draussen noch größere Idioten als uns selbst gibt. Brauchen Benchmarks, die uns über uns hinauswachsen lassen, die uns besser werden lassen, um bessere Jobs zu bekommen, bessere Arbeit zu leisten, zufriedener zu sein mit unseren Leben und Schicksalen.
Das - interessanterweise - käme wiederum der Qualität des TV zugute. Das würde eine Aufwärts-, statt der momentanen Abwärts-Spirale einleiten.
Denn, und dessen sollte sich das Fernsehen langsam bewußt werden, Werbungtreibende wollen Produkte verkaufen, nicht Menschen unterhalten. Produkte aber - und gerade Markenartikel - können sich nur einigermaßen gebildete, einigermaßen motivierte, einigermaßen gut verdienende Menschen leisten!
02 - Sich selbst bestätigen oder challengen
Es liegt also in der Hand des Fernsehens selbst. Egal, was es tut, es hat sein Schicksal selbst in der Hand.
So weitermachen wie morgen beim TV-Wirkungstag wird sein Ende beschleunigen. Unausweichlich. Sich selbst in Sicherheit wiegen macht schon lange keinen Sinn mehr.
Der Manager, der das heute noch tut, muß sofort des Platzes verwiesen werden, er hat Arbeitsplätze, Menschen, Schicksale auf dem Gewissen, rettet nur sein eigenes Einkommen, riskiert die gesamte Branche.
Diese Manager sind längst Opfer ihrer eigenen Ausstrahlungen und -dünstungen, längst zu trägen, risiko-armen Schreibtisch-Potatoes geworden, die nichts wagen, ausprobieren, infragestellen. Die sich berieseln lassen von wohlfeilen Bestätigungs- und Beruhigungs-Studien und -Parolen, ihren Hintern und Bonus zu retten.
Das Fernsehen ist längst vom Leitmedium zum Light-Medium geworden. Es ist nicht mehr A- sondern mit Glück B-Medium. Es ist nicht mehr das Medium, um das sich die Cocktail-Party dreht, sondern Begleitmusik im Hintergrund der relevanteren Gespräche und primären Unterhaltungen der Gäste. Längst haben sich die Menschen von den Lagerfeuern abgewandt, die Erde hat sich weitergedreht. Wir sind aus den (auch medialen) Höhlen entwachsen, die uns der TV-Manager immer noch als das Nonplusultra verkaufen möchte. Wir haben nun das Rad, Computer, Telephone (smarte sogar) - was brauchen wir da noch das Lagerfeuerfernsehen? Es ist B-Gleitmedium geworden.
Und längst schon ist es Leidmedium, da es unsere Entwicklung bremst! Längst treibt es unsere Entwicklung (und die eigene) nicht mehr voran, wie in meiner Jugend. Längst begleitet es unsere Entwicklung nicht mehr mit dem relevanten Mix von Unterhaltung, Prokrastination und Latte höher legen. Längst hat es uns mit seinem Qualitätslimbo Hals und Rückgrat gebrochen. Längst kann es niemand mehr ernst nehmen.
Wenn das Fernsehen sich nicht bald disruptiv neu erfindet, wird es in seiner massenkommunikativen Wirkung bald dem Amalgam aus Plakat und Fahrstuhlmusik gleichgestellt sein. Was nichts Schlechtes sein muß, höchstwahrscheinlich aber nicht das, was die Branche für sich selbst sieht.
In diesem Sinne: Get well soon!


