Ab einem bestimmten Jahreseinkommen (etwa 35000 Dollar) bringt eine Erhöhung keine Steigerung der Lebensfreude mehr. Wir könnten also wissen, dass in unseren reichen Gesellschaften ein Noch-Mehr kein schöneres Leben macht.
Von Heribert Prantl
"Und ich sah den Sisyphos in gewaltigen Schmerzen: wie er mit beiden Armen einen Felsblock, einen ungeheueren, befördern wollte. Ja, und mit Händen und Füßen stemmend, stieß er den Block auf einen Berg. Doch wenn er ihn über die Kuppe werfen wollte, so drehte ihn das Übergewicht zurück: Von neuem rollte dann der Block, der schamlose, ins Feld hinab. Er aber stieß ihn immer wieder zurück, sich anspannend, und es rann der Schweiß ihm von den Gliedern, und der Staub erhob sich über sein Haupt hinaus.“
So steht es in der Odyssee, so beschreibt Homer die Anstrengung des Immergleichen in der Unterweltszene. Albert Camus bemerkte dazu, dass der Kampf gegen Gipfel ein Menschenherz auszufüllen vermöge. Er empfahl uns daher, wir sollten uns Sisyphos nicht als resignierten oder als verzweifelten, sondern als glücklichen Menschen vorstellen – glücklich, weil er durch seine ewige Steinewälzerei revoltiert.
Es geht nicht immer alles einfach so weiter. Die ewige Wälzerei hat jüngst zur Energiewende geführt: Der Ausstieg aus der Kernenergie konnte und kann in Deutschland nur deswegen gelingen, weil ihn zivilcouragierte Bürger dreißig Jahre lang vorbereitet haben. Die vielen Sisyphosse haben das Bewusstsein für die Gefahren der Kernenergie wachgehalten, sie waren die Gegenmacht gegen die Kommunikations- und Geld- und Lobbyistenmacht der Atomenergiekonzerne. Der deutsche Atomausstieg ist der Triumph einer Bürgerbewegung, die schließlich den Staat bewegt hat. Der Staat hat zuletzt, nach der Fukushima-Katastrophe, verhindert, dass der Stein wieder, so wie immer, zurückrollte. Dort, wo der Stein jetzt ruht, kommt mein Lieblingsbild von Sisyphos ins Spiel. Es stammt vom Maler Wolfgang Mattheuer, der neben Werner Tübke und Bernhard Heisig zu den Hauptvertretern der Leipziger Schule gehört. Auf diesem Bild sieht man, wie Sisyphos mit Hammer und Meißel den Stein behaut und ihm seine Form aufzwingt. Der Stein ist die alte Energiepolitik, sie muss komplett umgeformt werden. Die neue Form des Steins steht für die große Energiewende – für die Umformung der Energieproduktion und damit der Lebensbedingungen.
Der große Entschluss des deutschen Staats und der deutschen Gesellschaft zur Energiewende macht Mut auf mehr. Mehr? Die Energiewende wird ohne Bewusstseinswende nicht gelingen, und eine Bewusstseinswende bedeutet auch eine Demokratiewende.
Das ist eine Wende, die einst Willy Brandt schon versucht hat: Mehr Demokratie wagen. Dieses Wagnis hört nie auf, weil es eine Notwendigkeit ist. Auch diese Wende beginnt unten, so wie die Energiewende unten begonnen hat. Das ökologische Bewusstsein ist von unten nach oben gewachsen, nicht von oben nach unten. Erhard Eppler hat das richtig festgestellt: „Nicht die Vorstände der Parteien, nicht die Ministerialbürokratie, nicht die etablierte Wissenschaft, nicht die Bischöfe und Kirchenleitungen, nicht die Redaktionen der großen Zeitungen, natürlich auch nicht die Vorstände der Konzerne haben den Wandel angestoßen, sondern Hausfrauen, Winzer, Sozialarbeiter, Lehrerinnen, Ärztinnen, Pfarrer, Ökobauern und Tüftler.“
Es war das Bewusstsein von der unverantwortlichen Gefährlichkeit der Atomenergie, die zur Energiewende geführt hat. Dieses Bewusstsein fußt auf der Kardinaltugend der Mäßigung, des Maßhaltens. Die Atomtechnik war und ist eine maßlose Technik. Die Unmäßigkeit aber ist nicht nur deren Kennzeichen. Unmäßigkeit ist – das klingt oberlehrerhaft, stimmt aber trotzdem – ein Kennzeichen des Lebens, das man als modern bezeichnet: Der Umgang mit den natürlichen Ressourcen ist unmäßig, die Art, mit Nahrungsmitteln umzugehen, auch. Vielleicht kann die Energiewende auch hier Mäßigung lehren.
Maßloses Essen: Derzeit liegt der jährliche Konsum des statistischen deutschen Durchschnittsbürgers bei gut neunzig Kilo Fleisch, was im gesamten Leben eines Menschen der Verantwortung für den Tod von etwa 600 Hühnern, 22 Schweinen, 20 Schafen und sieben Rindern entspricht. Das Kilo Schweinefleisch kostet im Supermarkt kaum mehr als drei Euro – dank Massentierhaltung. Mit Hilfe von Pestiziden und Dünger wird aus dem Boden herausgeholt, was nur irgendwie herausgeht, so wird der Getreidepreis gedrückt. Der Schaden für die Umwelt spielt dabei keine Rolle. Und die Milchbauern bekommen von den Discountern so wenig Geld für ihre Milch, dass sie in den nächsten Jahren ihre Betriebe zusperren müssen. Die Art, wie die Deutschen essen, hat ihren Preis. Der Preis ist billig, aber nicht recht. Die bisherigen Dioxin- und sonstigen Giftskandale waren offenbar noch nicht groß genug, um das grundlegend zu ändern.
Märchen sind ein Spiegel des Lebens von Generationen. Ganz viele handeln vom Essen, von der Nahrungssuche, von Hungersnöten. Die jahrhundertelang immer wiederkehrenden Notzeiten haben die Träume vom Schlaraffenland und vom Tischleindeckdich geboren. Die Erfahrungen, die hinter diesen Volkserzählungen stehen, sind verblasst; sie sind so verblasst wie die Bitte im Vaterunser: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Die christliche Gebetsformel wird hierzulande kaum noch als existenziell begriffen. Aus Dinkel und Hafer bäckt man heute nicht das Brot der Armen, sondern das der gut situierten Alternativen. Und der Traum der kleinen Leute ist zum Albtraum der Agrarpolitik geworden: Schweineberge lassen niemandem mehr das Wasser im Mund zusammenlaufen. In einer Welt des Überflusses liegen die Schlaraffenländer an jeder Ecke; sie heißen Lidl und Aldi und Tengelmann. Auf Nachrichten über den Hunger, auf Nachrichten darüber, dass Menschen verhungern, reagiert die Wohlstandsgesellschaft nicht sehr viel anders als es der französischen Königin Marie-Antoinette nachgesagt wird. Am Vorabend der Französischen Revolution soll sie gesagt haben: „Wenn die Bauern kein Brot haben, dann sollen sie Kuchen essen.“ Es handelt sich in Wahrheit um eine Wanderanekdote, um eine Anekdote freilich, die ein Wohlstandsdenken gar nicht schlecht beschreibt.
Der Brotpreis hat viele Jahrhunderte lang, bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, das Leben der Menschen bestimmt. Als am 14. Juli 1789 in Paris arbeitslose Handwerker die Bastille erstürmten, hatte der Brotpreis den höchsten Stand seit dem Mittelalter erreicht. Eine fünfköpfige Maurerfamilie des Jahres 1800 in Berlin musste 72,7 Prozent des Familieneinkommens für Ernährung ausgeben, davon über die Hälfte für Brot. So schreibt es Fernand Braudel in seiner Sozialgeschichte des 15. bis 18. Jahrhunderts.
Verglichen damit, auch noch verglichen mit den Preisen, die vor fünfzig Jahren bezahlt werden mussten, sind Lebensmittel heute unvorstellbar billig. Vor fünfzig, sechzig Jahren gab ein deutscher Haushalt im Durchschnitt etwa die Hälfte seines Budgets für Nahrungsmittel aus, heute sind es an die zwölf Prozent. Das ist auch im europäischen Vergleich wenig. Die Deutschen essen besonders billig. Brot und Butter, Fleisch und Fisch sind Massenprodukte geworden. Man kann das als soziale Errungenschaften betrachten: Niemand muss mehr verhungern. Doch dieser Errungenschaft ist die Lebensfreundlichkeit abhandengekommen: Essen soll billig sein, ohne Rücksicht auf die Natur, ohne Rücksicht auf die Tiere und letztlich ohne Rücksicht auf die Menschen.
Man verliert nicht immer, wenn man entbehrt“, hat Goethe gesagt. Man muss ihn ergänzen: Man entbehrt nicht unbedingt, wenn man verzichtet. Daher zehn Mäßigungs-Regeln. Erstens: Lebensmittel müssen wieder sein, was ihr Name sagt – Mittel zum Leben. Zweitens: Es braucht einen neuen Respekt vor dem Essen. Das muss nicht heißen, dass das Essen wieder so teuer werden muss wie einst; aber das Essen muss den Menschen wieder etwas wert sein.
Drittens: Die Esser müssen wissen, was sie essen. Deshalb ist es gut, wenn gentechnisch veränderte Lebensmittel gekennzeichnet werden müssen. Vielleicht ist die Angst vor der Gentechnik übertrieben; aber in dieser Skepsis steckt ein neues Bewusstsein, das Bewusstsein, sich nicht mehr alles vorsetzen zu lassen. Viertens: Die Verbraucher müssen fragen, woher die Lebensmittel kommen, die wir essen. Fünftens: Sie dürfen vor den scheußlichen und ekelhaften Produktionsbedingungen von Billiglebensmitteln nicht mehr die Augen verschließen.
Sechstens: Sie müssen ihre innere Spaltung beenden. In Umfragen bekennt sich fast jeder zu Bio-Lebensmitteln, doch im Supermarkt kauft er lieber die Billigpizza. Siebtens: Man sollte der gemeinsamen Mahlzeit wieder mehr Zeit und Raum geben. Eine Mittagspause, in der man am Computer herumhackt und nebenbei etwas hineinschlingt, ist keine Pause. Achtens: Ess- und Koch-Wissen sollten wieder Eingang finden in den Bildungskanon. Neuntens: Der Bundesbürger gibt derzeit im Schnitt, trotz aller gegenteiligen Bekenntnisse in Umfragen, gerade einmal vier Euro jährlich für fair gehandelte Waren aus, für Bioprodukte sind es etwa 70 Euro. Es geht also um ein Andersdenken und Anderskaufen als bisher, um ein Anderskochen und ein Andersessen: Das ist Mikropolitik, das ist Politik in der Lebenspraxis des Alltags – aber es ist Politik. Verändertes Verbraucherverhalten verändert das Verhalten der Anbieter. Zehntens: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ – so sagt es Mackie Messer in der Dreigroschenoper. Das stimmt schon so, exakt so. Ein Essen ohne Moral ist ein Fressen, kein Essen. Wenn nicht mehr Tiere, sondern Fleischbatzen gezüchtet werden, wenn ein Besuch in einer Schlachtfabrik zu einem Albtraum wird, wenn die Äcker überzüchtet werden mit Pestiziden und Dünger, wenn kein Respekt vor dem Lebensmittel mehr da ist – dann ist das Essen ein Fressen. Essen hält Leib und Seele zusammen, sagt das Sprichwort. Man sollte den Zusammenhalt nicht vergiften.
Mikropolitik ist mühsam, möglicherweise auch nicht sehr effektiv. Aber solche Effizienzgedanken kalkulieren die bewusstseinsändernde Kraft solcher Mikropolitik nicht ein: Mikropolitik kann, wie bei der Atomenergie, die Makropolitik verändern, zumal dann, wenn die Mikropolitiker sich entschließen, in die Makropolitik einzuwandern – also in die Zirkel und Arenen zu steigen, in denen diese Makropolitik gemacht wird. Früher waren in katholischen Gegenden Vereine wie Kolping das Vorfeld der Politik. Heute sind es BUND und Bürgerinitiativen.
Das Vorbild der vielen Einzelnen kann zu einer anderen Wirtschaftsweise – und zu einer klugen politischen Regulierung führen. So war und ist das bei den erneuerbaren Energien: Ihr hoher Anteil in Deutschland ist ein Ergebnis der Gesetze, welche die Einspeisevergütung regeln. Auf andere Regulierungen wartet man dringlich: Durch die Besteuerung von Kerosin würden sich die Preise für alle Flugreisen, aber auch für die gigantischen Lebensmitteltransporte nachhaltig verteuern, entsprechend würde sich die Nachfrage verändern. Selbst manch einem Unternehmen käme eine stärkere Regulierung bei den Produktionsstandards gelegen, wie neulich in der Süddeutschen Zeitung unter Hinweis auf einen Sprecher des Lebensmittelkonzerns Rewe zu lesen stand: „Wenn ein allgemeiner Standard definiert wird, hat das den Vorteil, das es kein Wettbewerbsthema mehr ist, sondern dass sich insgesamt das Preisniveau verändert.“
Bewusster leben, bewusster kaufen, bewusster Ferien machen. Das klingt ein wenig streng und unfroh, vielleicht auch nostalgisch und womöglich wie eine wohlfeile Mahnung derer, die es sich leisten können, bei Manufactum einzukaufen. Aber das stimmt nicht. Ich habe vor einiger Zeit eine Laudatio auf einen Mann halten dürfen, der den Deutschen Stifterpreis erhalten hat. Er heißt Jens Mittelsten Scheid und kommt aus der Unternehmerfamilie Vorwerk, die unter anderem durch ihre Staubsauger bekannt und wohlhabend geworden ist. Man nennt solche Leute wie ihn Mäzene, benannt nach dem Römer Maecenas. Der war ein Mäzen mit Saus und Braus. Jens Mittelsten Scheid ist ein Mäzen mit Maß und Ziel. Er ist großzügig, aber er ist gleichzeitig einer der bescheidensten Menschen, die ich kenne. Sein Stolz steckt nicht in ihm, sondern in seinen Stiftungen. Er protzt nicht mit dem, was er tut, er putzt sich und seine Wichtigkeit nicht heraus. Er schmückt sich nicht mit fremden Federn, sondern mit eigenen Ideen, die er sorgfältig, behutsam, wohlüberlegt verwirklicht und pflegt. Und diese Ideen haben mit dem Thema dieses Aufsatzes zu tun. Als Mittelsten Scheid erkannt hatte, dass man mit seinem Reichtum andere bereichern kann, war er an die vierzig Jahre alt – und er gründete seine erste Stiftung: die „anStiftung“. Und schon im ersten Projekt dieser Stiftung hat er gezeigt, warum diese so heißt: Sie will wirklich zu etwas anstiften, zu etwas sehr Praktischem, sehr Handfestem. Dieses erste Projekt, mittlerweile 23 Jahre alt, heißt „Hei“ – und „Hei“ ist die Abkürzung von „Haus für Eigenarbeit“. Es ist ein Haus, in dem jeder lernen kann, wie man mit Schweißgerät und Bohrmaschine umgeht, es ist ein Werkstätten-Haus, in dem jeder Silber schmieden, Tische bauen, Sofas polstern, in dem jeder buchbinden und töpfern kann, in dem jeder unter meisterlicher Anleitung erfahren kann, was er alles kann.
Dieses Haus für Eigenarbeit ist ein sehr zentral, sehr gut erreichbar gelegenes Haus am Münchner Ostbahnhof, von oben bis unten voll mit Gerät, mit Maschinen und Werkzeugen. Man kommt dorthin mit einer Idee – und nach ein paar Wochen trägt man den selbst gezimmerten Schrank wie eine Trophäe heraus. Das Haus für Eigenarbeit ist ein Haus des Widerstands gegen die Wegwerf- und Konsumgesellschaft. Es wendet sich an alle „Der-Wille-ist-da“-Menschen, ob sie nun handwerkliche Vorkenntnisse haben oder nicht: an Kaufleute, Briefträger, Büroangestellte, Banker. Der Stifter will es den Menschen ermöglichen, „etwas Nützliches oder Schönes nach eigenen Vorstellungen und mit den eigenen Händen und dem eigenen Herzen selber zu machen“. Das klingt ein wenig missionarisch, ist auch so gemeint – und es funktioniert glänzend, es finanziert sich sogar zur Hälfte selbst. Das Haus für Eigenarbeit ist eine Art Unternehmensberatung in Sachen Hilfe zur Selbsthilfe. Und es ist ein Haus zur Bewusstseinsveränderung, gegen den Konsumismus.
Man muss sich das so vorstellen: Man kommt in die sehr vergrößerte und modernisierte Werkstatt von Pumuckls Meister Eder, steht dann vor einem großen Tresen, schildert sein Vorhaben, trinkt einen Kaffee, erhält ersten Rat, erste Hilfe, Anleitung und einen Laufzettel, auf dem im Lauf der Arbeiten vermerkt wird, welche Maschinen man wie viele Stunden lang benutzt hat. So kommt auch wieder Geld in Form von Nutzungsgebühren herein. In Kempten, wo der Stifter dieses Projekt noch größer aufgezogen hat als in München, refinanziert sich das dort so genannte Kempodium gar mit achtzig Prozent. 25000 Bürgerinnen und Bürger jährlich nützen in Kempten die Werkstätten, etliche festangestellte Fachleute und viele Honorarkräfte gehen ihnen zur Hand, entwerfen Baupläne, erklären Maschinen.
Das Kempodium in Kempten ist ein „Zentrum für Eigenversorgung“ geworden, dort arbeiten fünfzig Ehrenamtliche, dort entwickeln Landwirte Selbstvermarktungskonzepte, dort feiern Bürger ihre Feste, Kinder ihre Geburtstage, Katholiken die Firmung, Muslime ihr Opferfest. Im Kempodium kann man Bilder ausstellen, Fahrräder reparieren, Theater spielen. Man kann schneidern, kochen, essen, schwätzen. Im Gebrauchtwarenladen gibt es Second-Hand-Möbel, Hausrat, Bücher und Spielzeug. So lebendig sieht das aus, was in der Satzung „Förderung der ökologischen und sozialen Verantwortung“ heißt. So kommen Menschen aus verschiedensten Milieus und Herkunftsländern zusammen. Und die Ideen und Konzepte dafür werden ausgetüftelt in der Stiftung Anstiftung, die eine Ideenwerkstatt ist. So wird aus dem Stiftungszweck, der in der „Förderung zukunftssichernder sozialer, kultureller und ökonomisch-ökologischer Maßnahmen“ besteht, etwas verblüffend Praktisches. Mit den Erfahrungen aus den Projekten werden offene Werkstätten und Kreativzentren in ganz Deutschland betrieben.
Jens Mittelsten Scheid sieht in der ökonomischen und ökologischen Krise „letztendlich eine Krise unserer Kultur“, er attestiert uns „eine Verworrenheit im Umgang mit unseren Fähigkeiten“. Und folgert, ebenso einfach wie mutig: „Diese Krise können wir nur meistern, wenn wir den Menschen in den Mittelpunkt unserer Bemühungen stellen.“ Anders gesagt: „Der Mensch ist unsere einzige Hoffnung.“ Mittelsten Scheid sagt es mit einem Wort, das unüblich ist, wenn’s um Politik und Gesellschaft geht: Wir brauchen, sagt er, „die Haltung der Liebe“ – der Liebe zu Mensch und Schöpfung. Das klingt wieder sehr missionarisch. Aber darum handelt es sich ja: um eine Mission. Und gute Mission ist etwas sehr Individuelles. Sie macht das Große im Kleinen erfahrbar, dann blüht sie – wie die Blumen und Kräuter in den interkulturellen Gärten, die von Mittelsten Scheids Stiftung „Interkultur“ betreut werden.
In diesen interkulturellen Gärten, über hundert gibt es mittlerweile in Deutschland, pflanzen bosnische Flüchtlingsfrauen, Asylbewerber aus dem Iran oder aus Aserbeidschan, türkische und deutsche Frauen, Männer und Kinder Gemüse an. Der frühere Ingenieur aus Korea gräbt, hackt und jätet neben der Palästinenserin. Im interkulturellen Garten sind sie nicht mittellose Flüchtlinge, nicht mehr Ausländer in der Fremde, sondern gleichberechtigte Gärtner – und sie sprechen das Wort „Garten“ aus, als sei es ein Schatz. In diesen Gärten wächst Beet an Beet das Verständnis füreinander, hier lernt jeder, ob und wie unter den neuen Verhältnissen das Altbekannte wurzelt oder nicht. Es geht also, auf ganz besondere Weise, um Integration. In jedem dieser interkulturellen Gärten ist man sozusagen in einem Garten der Vereinten Nationen. In jedem dieser Gärten sieht man eine kleine Philosophie wachsen und blühen: Ja – eine andere Welt ist pflanzbar. Es sind dies immer ganz kleine Welten. Aber die große Welt besteht aus den kleinen Welten.
Es gibt Leute, die meinen, Demokratie sei nicht sehr viel mehr als eine Kiste: 90 Zentimeter hoch und 35 Zentimeter breit. Oben hat die Demokratie einen Deckel mit Schlitz. In der Tat: Alle paar Jahre, in Deutschland immer an einem Sonntag, kommen viele Leute zu diesen Kisten. Die Kiste heißt „Urne“, also genauso wie das Gefäß auf dem Friedhof, in dem die Asche von Verstorbenen aufbewahrt wird. Wahlurne – das ist ja eigentlich wirklich ein merkwürdiger Name, denn die Demokratie wird ja an diesen Wahltagen nicht verbrannt und beerdigt; im Gegenteil: Sie wird geboren, immer wieder neu, alle paar Jahre. Wahltage sind die Geburtstage der Demokratie; der Wahlkampf vorher ist dann sozusagen die Zeit der Glückwünsche. Demokratie ist aber noch sehr viel mehr als eine Wahl. Sie findet an jedem Tag statt. Demokratie ist das erfolgreichste, beste und friedlichste Betriebssystem, das es für ein Land gibt. Es ist ein Betriebssystem, bei dem alle, die in einem Land wohnen, etwas zu sagen haben: Jeder hat eine Stimme, keiner ist mehr wert als der andere, alle sollen mitbestimmen, was zu geschehen hat. Demokratie ist eine Gemeinschaft, die ihre Zukunft miteinander gestaltet – nach Regeln, über die man miteinander bestimmt hat.
Demokratie funktioniert nicht gut, wenn immer mehr Menschen nicht oder nicht mehr mitmachen, weil sie glauben, man habe keinen Einfluss, und die Politiker machten ja eh, was sie wollen. Demokratie funktioniert nicht gut, wenn sich immer mehr Menschen ausklinken, weil sie arbeitslos sind und das Gefühl haben, aus dem Nest gefallen zu sein. Und: Demokratie funktioniert nur dann gut, wenn die Politiker, die gewählt worden sind, im Gespräch bleiben mit denen, die sie gewählt haben. Der Grundsatz „Zukunft gemeinsam gestalten“ ist ein demokratisches Prinzip, das überall gilt: nicht nur im Parlament, sondern im Alltag jedes Demokraten.
Die moderne Protest- und Zivilgesellschaft informiert, generiert und und temperiert sich im Internet. Dort konstituiert und organisiert sie sich, findet sie Zuspruch und Widerspruch, verschafft sie sich Expertenwissen. Sie wird diskussionsfähig und streitbar. Im Internet beginnt Mikropolitik, dort macht sie sich auf den Weg zur Makropolitik. Zu oft macht die Gesellschaft der Mikropolitiker aber die Erfahrung – Stuttgart 21 war lange Zeit ein Exempel – dass sie an Grenzen stößt, dass sie über ihre Kreise nicht hinausdringt. Sie trifft auf eine klassisch repräsentative Politik, die ihr wenig Gehör schenkt und ihr keinen Zutritt gewährt. Man kann sich die repräsentative Demokratie in Deutschland als einen Apfelbaum vorstellen: Jahrzehnte alt, eigentlich ganz gut gewachsen, knorrig, aber da und dort verdorrt – und krankheitsanfällig; nicht mehr jeder ist mit der Fruchtqualität zufrieden. Beim Apfelbaum überlegt der Obstgärtner dann, ob und wie er ihn verbessern kann: Er pfropft dem alten Baum neue Zweige ein, „Edelreiser“ nennt er sie. Ein paar Jahre später trägt der Baum ganz neue Früchte. Das ist dann die Erntewende. Um so eine Erntewende geht es in der demokratischen Gesellschaft.
Was macht die Elite in einer Demokratie aus? Geldfülle, Machtfülle, Genussfülle? „Elite“ – das sind nicht unbedingt die, die sehr viel Geld oder sehr viel Macht haben. Aber ganz sicher gehören zur Elite die Sisyphosse, die Menschen also, die die Energiewende herbeigerollt haben. Zur Elite gehören die Mikropolitiker, zur Elite gehören die Menschen, die sich in Wohlfahrtsverbänden, in sozialen Initiativen, Vereinen, Bürgerstiftungen, in Betriebsräten, Mitarbeitervertretungen engagieren – an der Basis der Demokratie also. Die These vom galoppierenden Hedonismus dieser Gesellschaft stimmt nicht; sie beschreibt jedenfalls nur einen Teil der Wirklichkeit. Es gibt eine starke Gegenbewegung, da gehören auch Naturschützer und Stuttgart-21-Gegner und die Slow-Food-Bewegung dazu, dazu gehören die vielen Mikropolitiker in diesem Land. Diese Zivilgesellschaft beantwortet eine Frage, die in Zeiten von anhaltend schlechten Nachrichten besonders beliebt ist: Wo bleibt eigentlich das Positive?
Gewisse Leute haben es sich angewöhnt, über die von ihnen so genannten Gutmenschen zu lästern, früher nannte man sie ehrenamtliche Wichtigtuer. Natürlich hat es solche Wichtigtuer immer gegeben, es gibt sie sicher auch heute noch. Mikropolitiker sind so wenig Engel wie die Makropolitiker. Aber im Zweifel ist mir ein Wichtigtuer, der sich engagiert, ein Vorbild sein will, sehr viel lieber als ein Nichtstuer, der nur dumm daherredet.
(Professor Dr. Heribert Prantl ist Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung)
(Dienstags präsentiert die mediaclinique regelmäßig ausge- wählte Artikel des 3-monatl. Print-Magazins DIE GAZETTE. Texte, die "über die taktische Tagespolitik hinaus Antworten und Perspektiven" geben, zum Nachdenken anregen wollen.)
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