Christian Wulff ist zurückgetreten. Das Leben geht weiter - und niemand, am wenigsten er selbst, wird daraus lernen, kein Bürger oder Politiker, keine Partei, kein Beamter, Bürgermeister oder gar Minister. Ganz #wulffland wird nichts lernen.
Denn wir sind uneinsichtig. Wir haben doch nichts gemacht. Der da muss sich ändern, nicht wir. Was wir machen ist alles richtig. Was wir machen ist alles rechtens. Die Vorbilder, das sind die anderen. Die Hölle, das sind die anderen.
Alle bleiben auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Verzichten nicht zum Nutzen des Gemeinwohles, treffen nicht zum Wohle des Gemeinwohles Entscheidungen. Denken weiter allein an sich, an ihre kranke Vorstellung von 'Gerechtigkeit', es nun 'zu verdienen', zu Profitieren vom System.
Nehmen wird immer seliger denn geben.
Die Süddeutsche träumt - dem Gesunden Menschenverstand und jeglicher Vernunft zum Trotze - davon, die Causa Wulff sei Mahnmal kommender Politikergenerationen. Das Gegenteil wird der Fall sein. Zumal er mit 15Mio Euro Ehrensold-Package freudestrahlend Bellevue verlassen wird - nun weiß man zumindest um die wahre Bedeutung des Namens.
Längst geht es in der Politik nicht mehr darum, etwas zu bewegen, etwas zum Besseren zu wenden. Längst geht es ausschließlich nur noch darum, sich selbst im System zu halten, an der Spitze, sich dort alimentieren zu lassen oder es mit Goldenem Handschlag zu verlassen (seien dies sauer verdiente Steuergelder oder das schnelle Geld längst obsoleter Unternehmen, die sich selbst auch nicht mit Leistung, sondern allein mittels politischer Inkompetenz und Gefälligkeiten in einer komfortablen Monopolsituation halten).
Und sollten sich jetzt gerade die grämen, die davon profitieren? Die Nutznießer des Systems? Die politischen Wölfe, die sich an der Mutter Volk gesundstoßen? Die, die, ohne mit der Wimper zu zucken, darauf pochen, alles 'rechtlich richtig' gemacht zu haben? Nachdem man sich in besseren Zeiten die Rechte und Gesetze selbst geschrieben hat?
Wen interessiert da noch der Staatsrechtler, der ihnen zum Beweise wohlfeil zur Seite springt? Längst geht es doch nicht mehr um Recht und Gesetz, sondern um Ungeschriebene Gesetze, um Ehre, Anstand, Rückgrat, und den berühmten Blick in den Spiegel.
Die Politik ist längst zur Tagesordnung übergegangen, schachert mit dem freien Posten, spielt ihre üblichen peinlichen Spielchen. Bloß nicht nachdenken. Alles geht wieder seinen Gang, geheimer, schneller, emotionsloser denn je - und Politik, Werte, Demokratie ungebremster denn je den Bach herunter ...
Ist es wirklich so weise, noch am gleichen Tage den nächsten Kandidaten zu suchen, statt darüber nachzudenken, wo der Wurm sitzt in diesem Politischen Gebälk? Aber wer hat schon die Größe, sich selbst infragezustellen?
Könnte man noch von Größe sprechen irgendwo in unserem Politischen System - oder würden nur ein paar Politiker an Visionen und Lösungen arbeiten, die größer sind als sie selbst -, sähe unsere Welt ganz anders aus.
Könnten wir alle die Größe haben, die Konsequenzen aus den Vorkommnissen und unserer zynischen, von unseren eigenen Fehlern ablenkenden Hexenjagd zu ziehen, sähe unsere Welt ganz anders aus. Könnten wir alle, jeder Einzelne, vorbildlich vorangehen, sähe unsere Welt ganz anders aus.
In diesem Sinne: Get well soon, #wulffland!
Addendum
> Welt: Zivilisatorisch am Ende?
> Mut? Rückgrat? - "Wir sind auch nur Menschen"
> Seien wir doch einmal ehrlich