"Erstens. Redaktionen und Verlagsbereiche, in denen heute Qualitätsprodukte hergestellt werden, sind vielfach zu groß und entsprechend zu teuer."
> Die gute Nachricht: dort wo keine Qualität produziert wird, ist also alles in Ordnung.
"Flachere Hierarchien in Verlagsabteilungen und Redaktionen sowie die richtige Mischung aus jungen, talentierten Journalisten und älteren erfahrenen Mitarbeitern sind dabei ebenso wichtig, wie ..." ...
> Hört sich nach dem erfolgreichen Werbeagentur-Modell an: 4 Kumpel-Geschäftsführer und 37 PraktikantInnen.
"Zweitens. Qualitäts- und originärer Inhalt von Medien muss teurer werden. Das gilt für Zeitungen aber besonders auch für Zeitschriften. Die Zeiten in denen wachsendes Anzeigengeschäft und steigende Auflagen von alleine dafür sorgten, dass wachsender Umsatz generiert werden konnte sind für immer vorbei."
> Nur was teuer ist, ist auch gut. Ich mag das. Qualität wird sich schon durchsetzen. Nicht sofort, aber irgendwann schon. Und wir wissen ja auch, woran es wiedermal liegt:
"Ebenso ist kritisch zu prüfen, ob die teilweise bedingungslosen Online-First-Strategien bei manchen Titeln wirklich zielführend sind."
> Dieses Internet ist ein temporäres Phänomen, eine Frage der Zeit, das es sich überlebt. Der Facebook-Aktienpreis ist doch schon halbiert. Die sind doch nur noch 50.000 Millionen wert. Eine Frage der Zeit.
"Eigentlich dürfen Exklusivgeschichten online nur angeteasert werden, wenn man sich das Vertriebsgeschäft von hochwertigen Zeitschriften nicht selbst zerstören will.
> Ich mag das, wenn jemand so wirklich überzeugt ist von seinem Produkt, seiner Qualität und Anziehungskraft. Das hat etwas romantisches, traditionelles, wertkonservatives. Diese Denke hat die Verlage dorthin gebracht, wo sie heute stehen. Nur munter weiter so.
"Drittens. Die hohen Prämien, die Abonnenten angeboten werden, müssen abgebaut werden." ...
> Nachvollziehbar, dass dann die Abozahlen explodieren werden. Denn:
"Der Vorteil des Abonnements liegt in der pünktlichen und zuverlässigen Zustellung des Heftes durch die Post, ... Das sollte genügen."
> Für Züge, die pünktlich kommen, zahlt man ja auch gerne mehr.
"Unique Redaktionskonzepte brauchen keine Werbegeschenke um Abonnenten zu gewinnen. Sie überzeugen durch ihr redaktionelles Angebot."
> Hm. Die Uniquen schon. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.
"Viertens. Verkaufsauflagen müssen strukturell gnadenlos bereinigt werden. Viele Verlage erreichen hohe Auflagenanteile in der Kategorie 'sonstiger Verkauf'. Meistens sind es gezielt verteilte Exemplare, die oft weniger als die Druckkosten erwirtschaften und für Verkaufsexemplare den Markt verstopfen. Manchmal wird die Distribution solcher Auflagenanteile sogar noch bezahlt. Das ist ruinös."
> Das ist wahr und nennt sich Werbung oder gar Sampling.
(Wenn er hier nicht darüber spricht, dass man sich so Auflage 'kauft', mach' ich das auch nicht.)
"Fünftens. Rückläufige Anzeigenvolumen ermöglichen Preiserhöhungen. Wenn die Anzeigenmenge pro Heft abnimmt steigt die Anzeigenbeachtung. Hier entsteht neuer Spielraum für Anzeigenpreiserhöhungen."
> (Ich hätte vielleicht 'Anzeigenvolumina' gesagt.)
Ansonsten ist dies natürlich der Königsweg. Je weniger Anzeigen, desto teurer die einzelne. Und bleibt nur eine einzige Anzeige übrig im Heft, wird die so teuer als hätte man das ganze Heft belegt. Denn - kurz überlegt - das hat man dann ja auch getan!
Bleibt die Frage, warum ich für 120 Anzeigen bezahlen soll, wenn ich nur eine bekomme!? Oder warum ich dann nicht direkt das ganze Heft belege. Toyota und seine lustige Agentur ZenithOptimedia (Disclaimer: ich habe da mal gearbeitet;) haben schon die Effektivität solcher Ansinnen, hm, bewiesen.
"Sechstens. An vielen Stellen sind Synergien mit anderen Verlagen zu suchen. Weder im Politik- noch im Wirtschafts- oder Moderessort sind festangestellte Auslands-Korrespondenten für viele mittlere Verlage wirtschaftlich sinnvoll zu beschäftigen. Hier muss zwischen nicht konkurrierenden Verlagshäusern nach Synergien geschaut werden."
> Warum soll die Kriegsberichterstatterin des, hm, Nachrichtensenders, nicht die syrische Modestrecke der Gala/Bunte/Cover moderieren?
Das wird zumindest zu einem neuen Reichtum an Mems führen.
"Siebtens. Mehr gezielte Marktforschung hilft Geld zu sparen. In vielen Redaktionen und Verlagen wird eine Qualitätsdiskussion geführt, die die Leser so gar nicht nachvollziehen können. Regelmäßige Befragungen der Leser um deren Likes und Dislikes zu erfahren objektivieren solche Diskussionen ungemein und helfen aktiv Geld zu sparen."
> Gerade in der aktuellen bildungspolitischen Abwärtsspirale macht es besonders viel Sinn, den Leser zu befragen - wie der Print-Boulevard und die Senderschemata der Öffentlich-Rechtlichen eindrucksvoll beweisen.
Quote und Instant Gratification sind der Tod der Qualität.
"Achtens. Verlage sollten in den großen Servicebereichen kooperieren. Sowohl bei der Aboverwaltung als auch im Einzelverkauf und auf dem Sektor der Anzeigenvermarktung sollten gerade mittlere Verlage sinnvolle Allianzen eingehen."
> Vielleicht könnte man dies auch einerseits an Adresshändler und andererseits an Agenturen auslagern.
"Neuntens. Wichtigster Erfolgsfaktor ist Marktzugang. Egal wo und wie, in jedem Fall gilt es, sich den möglichst uneingeschränkten Marktzugang zu Werbungtreibenden und Media-Agenturen zu erhalten."
> Hey, wenn gar nicht der Konsument der Markt ist, sondern die Werbungtreibenden und Agenturen, dann könnte man diese beiden doch in 'Siebtens' befragen, was in Heft/Zeitung stehen sollte.
"Zehntens. Verlage brauchen Mut zu Neuentwicklungen. Die aktuelle Marktentwicklung zeigt, dass es immer wieder erfolgreiche neue Zeitschriftenkonzepte gibt. Viele Verlage brauchen mehr Mut zu frischen unkonventionellen Konzepten. Marktforschung hilft, aber auch der Blick ins Ausland und die Beschäftigung von jungen Talenten. Erfolgreiche Konzepte einfach nur nachzumachen ist langweilig."
> Wie was, langweilig. Sind die Samwers mit ihrer Strategie nicht extrem erfolgreich?
Diesen letzten Punkt muss man eh nicht ernstnehmen. Ua. da es der letzte Punkt ist. Erstens liest keiner so weit. Zweitens nimmt die Relevanz der Punkte zum Ende solcher Aufstellungen immer ab. Weshalb ja keiner soweit liest.
Würde man den Zeitschriften wirklich helfen wollen, müsste "Verlage brauchen Mut zu Neuentwicklungen" ganz vorne stehen und 'erstens' ganz hinten. Sofort nach "Verlage brauchen Mut zu Neuentwicklungen" müsste der Ruf nach relevanten Online-Strategien erfolgen, nicht nach einem Rückzug aus dem Internet.
In diesem Sinne: Get well soon, lieber Qualitätsdingens.
Addendum
Während eines Wochenend-Twitter-Dialoges mit @hemartin erinnerte mich obiges doch sehr an meinen The Third Club Post vom Februar: Misserfolgsstrategien 'alter' 'Männer'.




