(OMG! (ie. Old Meets Gold) verlinkt auf relevante Posts, die ich in der respektiven Woche, aber vor x Jahren veröffentlichte.)
13. April, 2010:
11Euro80, der Finger des Orang Utan, und wie das Netz in die reale Welt gelangt
Die Welt da draussen um unsere Bildschirme herum und vor unseren Fenstern ist real. Das ist unbestritten. Interessanterweise meinen viele, die Welt des Netzes dagegen sei irreal und ohne Verbindung zur wahren Welt.
Für alle - und das ist nicht böse gemeint -, die unter Realitätsentzug leiden, spielt sich die Netz-Welt hinter einer widerspiegelnden Glasscheibe ab, in der sie doch immer wieder nur sich selbst sehen. Sehen nur, daß sie selbst alles richtig machen. Das ist die Empfänger-Seite, sie ist nicht auf wirklichen Empfang gepolt, filtert nur das ihr Genehme heraus, beläßt das Grauen hinter dem Spiegel.
Auf Sender-Seiten wird schon lange diskutiert und gefordert, das Netz müsse langsam mal aus dem Netz hinaus - also im Grunde über sich selbst hinaus - wachsen und die Menschen dort draussen erreichen, um respektierter Teil dieser einen Welt aller zu werden.
Wenige nur sehen einen Weg, wie man diese Digital Divide, diese 'Wasserscheide des Digitalen', überwinden könne. Im Grunde ist es so einfach wie Demokratie. Nun, ja, auch ebenso schwierig.
Vielleicht aber ist das Netz längst in der realen Welt angelangt, zumindest wenn man die Gemeinsamkeiten zweier kleiner Events, die unterschiedlicher nicht sein können, der letzten Wochen betrachtet:
01 - Der Nestlé-Case, breit genug getreten in den Blogs, und diskutiert in der Welt. Ein weltweit agierender, erfolgsgewohnter Konzern, der sich nicht immer in seiner Vergangenheit bemühte, besonders schnell aus seinen Fehlern zu lernen.
Seine 'Fans' - online und offline - aufgeschreckt durch ein kleines Video von Greenpeacelern, die schon öfter durch spektakuläre Aktionen und die dahinterliegende, simple Mechanik auf sich und ihr Anliegen aufmerksam machen konnten.
Nestlé war längst (duch Gespräche) gewarnt, nahm Greenpeace (in diesen) aber nicht ernst - bis zu dem Video. Nestlé reagierte altmodisch mit Verboten - zuerst des Videos, dann der Mash-Ups seines Logos. Und stach damit in seinen eigenen Ameisenhaufen Facebook. Wir alle erinnern uns.
Das Feedback war überwältigend, zumindest für Nestlés traditionelle (PR-)Strategie! Das Netz war endgültig in Nestlés Realität angekommen. Es wurde dort nicht warmherzig empfangen, aber Nestlé wird nun damit für alle Zeiten leben und sich arrangieren müssen oder Facebook, etc. verlassen.
02 - Mein 1und1-Case, in dem ich zwanzig Minuten in der Warteschleife meines Providers hing und dies dann twitterte. Nein, natürlich kam keine Antwort. Eine Woche wartete ich (auch auf den Rückruf aus dem Warteschleifen-Telephonat) und nichts passierte. Also 'feierte' ich mein einwöchiges Warten. Einen Tag später, über einen Twitter-Halbdialog mit @diplix fiel ich dann den 1und1lern auf.
Dann ging alles sehr schnell. Mailanfrage. Mailantwort. Mailbestätigung. Thema erledigt. Gutschrift erteilt. Sehr gut. (Es ging um 11,80 Euro, die man mir zuviel in Rechnung gestellt hatte und mich noch 3 Euro dafür am Telephon bezahlen lassen wollte, obwohl der Fehler bei 1und1 passiert war.)
Ich denke, das Netz ist in der realen Welt von Marcell D'Avis und 1und1 schon ein wenig länger - also beileibe nicht wegen mir oder meines Falles - angekommen.
Was verbindet diese beiden Fälle - so unterschiedlich sie auch sind? Was kann man daraus lernen, um das Netz in die eine reale Welt dort draussen zu integrieren, gehört, respektiert und ernstgenommen zu werden?
Im Grunde ist das Netz - und seine Mechanik - höchst demokratisch. Vielleicht ist das schon das größte Problem von Unternehmen und Politik (aber das ist ein anderes Thema).
Die einen - zB 1und1 - reagieren auf Problemstellungen, indem sie aktiv werden und die Probleme grundsätzlich und an der Quelle angehen: Optimierung des Customer Service durch Twitter, schnelle Reaktion und Transparenz.
Andere sitzen Probleme lieber aus. Sie werden von der Realität (des Netzes, in diesem Falle) eingeholt und reagieren, sobald das Netz kaskadenartig in ihre Welt hinüberschwappt (zuerst läuft Facebook über, dann reagiert das mediale Presse-Ventil).
Auch im Netz ist der Einzelne ein Nichts, wenn es den 'Mächtigen' so beliebt. Unternehmen - ebenso übrigens wie die Politik - reagieren (von Agieren ganz zu schweigen) erst, wenn sie merken, daß es einen größeren, idealerweise gesellschaftlichen, Konsens gibt. Daß eine Welle der Empörung bzw. - weitaus seltener - eine Welle der Begeisterung droht, über sie hinwegzurollen.
Sie reagieren erst, wenn sie merken, daß ihr Image, ihr Profit, ihre Wiederwahl von dieser Reaktion abhängen könnten. Sie reagieren erst, wenn sie merken, sie würden den 'Fall' in einer öffentlichen Diskussion verlieren. Reagieren, wenn sie merken, dieser 'Fall' könnte ihr Tun auch auf anderen Feldern negativ beeinflussen.
Geduld ...
In allen Fällen muß der Einzelne die Öffentlichkeit suchen. Er muß Aufmerksamkeit erregen, im besten Sinne des Wortes. Sei es durch Qualität und Relevanz
... und Spucke ...
- oder einen Überraschungseffekt. Idealerweise durch den genialen Mix aller 3!
... müssen so lange auf einen heißen Stein ...
Er - oder sie - müssen ein Problem, einen Mißstand, einen Aufhänger, eine gemeinsame Sache, eine guten Zweck finden, für den es sich zu kämpfen lohnt, für den man eine Lobby kreiert und Mitstreiter gewinnt.
... tropfen, ...
Sie müssen am Ball bleiben, dürfen nicht müde werden. Müssen unermüdlich streiten und die Massen bzw. Meinungsführer hinter sich bringen.
... bis sie das Faß 'Internet' zum Überlaufen bringen.
Das kann ein langwieriger Prozess sein, denn der stete Tropfen höhlt nur langsam den Stein, der einst ein lebendiges Herz war. Der Hebel aber, der die Welt schließlich aus den Angeln hebt, ist meist der Überraschungseffekt (siehe oben).
So ergreift nun mancher bei 1und1 die Chance, mit dem Hebel Öffentlichkeit sein individuelles Problem schneller als zuvor zu lösen. Und Greenpeace läßt auf einen Schlag das Faß überlaufen mit einem kleinen (Überraschungs-)Schocker.
Es geht um Aufmerksamkeit, es geht um Öffentlichkeit, es geht eher um das Wohl vieler als das Wohl weniger, es geht um Ausgleich von Interessen, um mehr Altruismus als Egoismus.
Es geht um Relevanz. Es geht um Mißstände und Lösungen. Es geht um Gesunden Menschenverstand und das Erregen eines Gerechtigkeitsreflexes, der tief in uns verankert ist (und bei einigen eben nicht mehr).
Es geht um persönliches Involvement. Es geht um ein Engagement für die Sache. Eine 'Sache', die meist größer ist als die Einzelnen, die um sie kämpfen.
Natürlich hat das Internet längst begonnen, seinen Weg in der Realität dort draussen zu gehen. Immer wenn irgendwo wieder ein kleineres oder größeres Fass überläuft, über die Ränder des Netzes schwappt und von klassischen Medien oder dem Word of Mouth aufgenommen und weitergetragen wird, wächst enger zusammen, was zusammengehört.
Das Internet aber kann nicht nur Themen besetzen, die (vermeintlich) für es selbst von Relevanz sind, sondern muß den Menschen dort draussen vor Augen führen, warum diese Themen gerade auch für die Realität außerhalb des Netzes von überragender Bedeutung sind.
Mit jedem Unternehmen und jedem Politiker, der den Dialog sucht und nicht ein weiteres Werbe- oder Verlautbarungsmedium, macht das Internet einen weiteren Schritt in die richtige Richtung. Mit jedem Dialog auf Augenhöhe zwischen Internet und realer Unternehmens- bzw. Politikwelt, verschwimmt die Grenze zwischen der Realität des Netzes und der Realität dort draussen ein wenig mehr.
Gemeinsamkeiten, gemeinsame Interessen, eine gemeinsame Zukunft, gemeinsamer mentaler und materieller Wohlstand sind die Bindeglieder des Erfolges. Sei es für ein Unternehmen wie 1und1, für einzelne Politiker, die Demokratie, Nestlé, uns alle.
Dafür müssen wir alle uns ein bißchen mehr anstrengen, ein bißchen mehr aufeinander zugehen. Ein bißchen mehr kämpfen, ein bißchen friedlicher sein. Ein bißchen mehr Augenhöhe suchen. Ein bißchen mehr Intellekt, Intuition und Imagination bieten.
Dann müssen bald nicht mehr Fässer durch den steten Tropfen zum Überlauf verleitet werden, sondern werden einfach Fässer aufgemacht, um den Sieg des gesunden Menschenverstandes über die Arroganz, Ignoranz und Intoleranz einiger weniger zu feiern.
(Link zum Original und den damaligen Kommentaren.)