Mein Großvater ist ertrunken. Damit meinem Vater nicht gleiches widerfuhr, verbot seine Mutter ihm, schwimmen zu lernen. Diese krude Logik entspricht heutiger (Medien-)Politik. Eine Parabel.
Eines Sonntags in den späten 30er Jahren fuhr mein Großvater mit seinem Wagen und zwei Jagdhunden, von der Jagd kommend, über eine Brücke. Irgendetwas - ob es die Hunde waren, wissen wir nicht - lenkte ihn ab. Er stürzte die Brücke hinunter in den Fluß und ertrank zusammen mit seinen Hunden. Soweit die Geschichte.
In der Folge, um Ähnliches von den Söhnen abzuwenden, entschloß sich seine Frau, die Kinder nicht mehr in die Nähe des Wassers zu lassen, was auch bedeutete, daß sie nicht schwimmen lernen durften! Verständlich, war meine Oma doch voller Trauer und in der Folge voller Sorge.
Einer Sorge, die mich heute an die Sorge der Politik und anderer Ahnungsloser in der Gesellschaft der letzten Jahre erinnert, die versucht, die Menschen vor allen Gefahren des Lebens zu bewahren, zu beschützen und fernzuhalten.
Eine Sorge, die dazu führt, daß man sich - kommt man doch mal in die Situation - bestimmt nicht aus eigener Kraft wird retten können
Sie haben übersehen, daß diese 'Gefahren des Lebens' das Leben selbst sind!
Wir müssen diese vermeintlichen Gefahren 'erleben', um uns ein eigenes Bild zu machen. Wir lernen nur aus Erfahrung!
Wir müssen gegen Hindernisse laufen und auf den Allerwertesten fallen, um dadurch einen verlässlicheren Gleichgewichtssinn zu entwickeln.
Wir müssen als Kinder Dreck essen dürfen und sandige Apfelsinen, um uns abzuhärten.
Wir müssen mit Masern gimpft werden, um immun zu werden.
Wir müssen in vielen, vielen Bereichen Erfahrungen (in abgeschwächter Form) sammeln können, um auf das wahre Leben da draussen in der Welt und da drinnen im Internet vorbereitet zu sein.
Wir müssen Körper und Geist trainieren, müssen unsere Grenzen im Positiven kontinuierlich erweitern, damit unser Gehirn und unsere Muskeln gefordert werden und nicht verkümmern! Dafür müssen wir lernen, das Gute vom Bösen zu unterscheiden.
Wir sind soziale Wesen und brauchen die Wärme eines anderen, wir brauchen die Integration in eine Familie - die umso besser funktioniert, besteht sie aus mehreren Generationen.
Wir brauchen Schutz vor Krankheit, vor Verbrechen, vor der Ausbeutung. Dieser Schutz wird am ehesten durch vertrauensvolle und engagierte Ärzte, Polizisten, Anwälte und Gerichte, sowie ehrliche Händler, Marken-Produzenten und Landwirte gewährleistet.
Eltern
Wir brauchen Eltern, die all unsere Fragen beantworten können, die uns erziehen zu selbständigem Denken und Handeln. Eltern, die uns auf das Leben vorbereiten können. Eltern, die mit im Leben stehen und nicht an seinem Rande. Eltern, die engagiert, motiviert und voller Freude auf das Leben zugehen und nicht vor ihm flüchten. Eltern, die uns das Schwimmen im übertragenen Sinne lehren, damit wir selbstbewußt und selbständig mit den Gefahren und Gefährchen des Lebens umzugehen lernen. Brauchen Eltern, die unseren Charakter im positiven Sinne formen, ihn sich selbst entwickeln lassen.
Erziehung
Wir brauchen eine Erziehung, die uns Werte, Ideen und Ideale vermittelt, die zu den hervorragendsten gehören, die die Welt hervorgebracht hat - nicht zu den niedrigsten. Wir brauchen eine Erziehung höchster, zeitloser und zweifelloser Moral. Wir brauchen keine modische Moral, die in Sinuskurven über die Jahre verläuft.
Erziehung muß Roter Faden des Lebens sein, nicht nur Gradmesser einer Legislatur.
Bildung
Wir brauchen eine zeitlose Bildung, die uns lehrt, zu lernen, zu denken, Fragen zu stellen und Antworten zu finden. Bildung, die uns wieder lehrt zu lehren. Bildung, die uns die unendliche Schönheit der Neugier demonstriert, die uns zeigt, wie Neugier zu Wißbegier, zu Wissen, zu dessen Anwendung, zu Wohlstand des Geistes und der Materie wird.
Eine Bildung, die uns zeigt, wie Wandel und Forschung uns ein Leben lang begleiten, uns voranbringen und jung halten können - als Mensch, Gesellschaft und Staat.
Gesellschaft
Wir brauchen eine offene Gesellschaft, die sich selbstbewußt ihren Feinden und Gefahren stellt. Eine Gesellschaft, die unterscheiden kann, wer Gutes im Schilde - oder ihre Mitglieder nur an der Nase herum - führt.
Eine Gesellschaft, die sich noch an ihre Rechte erinnert, diese auch vermißt und für ihre Rechte kämpft. Eine Gesellschaft, die nicht nur lethargisch berieselt und versorgt werden will, sondern aus eigenem Antriebe etwas aufbauen möchte.
Eine Gesellschaft, die erinnert, wie gut es sich anfühlt, etwas selbst, alleine, aus eigenem Antriebe zu schaffen, für etwas zu kämpfen, einen Sieg davonzutragen. Eine Gesellschaft, die noch körpereigene Glückshormone kennt.
Eine Gesellschaft, die Politik und Wirtschaft als Teil ihrerselbst begreift und fordert, statt sich ihnen auszuliefern und in paradiesische Parallelwelten zu verdrängen, sich selbst jedoch verlassen, hilflos, ausgeliefert und ohnmächtig fühlt.
Politik
Wir brauchen Politiker, die uns eben nicht vor allen Gefahren des Lebens schützen, sondern uns im Gegenteile die Freiheit, Selbstbestimmtheit und Selbstbewußtheit lassen und fördern, selbst zu erkennen, 1) wann wir in Gefahr sind und 2) was wir tun können um uns und andere zu retten.
Wir brauchen Politiker, die uns als Menschen ernstnehmen, die Respekt haben vor unserem Geist, vor unseren Wünschen, Träumen, Ängsten und Sehnsüchten. Wir brauchen Politiker die obige Eltern, Erziehung, Bildung und Gesellschaft realisieren, garantieren, und nicht überregulieren.
Wir brauchen Politiker, die die geistigen und materiellen Infrastrukturen schaffen, uns zu befreien, zu beflügeln, zu motivieren. Die uns zu neuen Ufern und Horizonten tragen und diese nicht 'zu unserem eigenen Wohle' immer enger werden lassen.
Wir brauchen Politiker, die die Freiheit schützen, indem sie sie stärken, nicht, indem sie sie einmauern!
Wir brauchen Politiker, die auch schwimmen, die sich dem Leben stellen und dem Wettbewerb - und sich nicht an ihren Strohhalm Macht bis zur Besinnungslosigkeit klammern.
Medien
Wir brauchen Medien, die nicht nur eine Charta als Feigenblatt sich geben. Wir brauchen Medien, die mit gleicher Verve für die innere Freiheit kämpfen, wie sie die Freiheit in der Ferne preisen.
(Aber ehe ich mich wiederhole: "Die Freiheit der Presse beginnt im Kopfe des Journalisten".)
Heute haben wir weder Eltern noch Lehrer, die uns erziehen und bilden, weder eine Gesellschaft noch eine Politik noch Medien, die uns zu Schwimmern macht.
Wir sind nicht nur keine Schwimmer, wir haben nichtmal einen Schimmer. Wir sind Nichtschwimmer des Lebens. Wissen nicht, was wirklich zählt, was wichtig und richtig und falsch, wissen nicht, was gut oder schlecht für uns, haben kein Gefühl für die Gefahr, in der wir treiben, weil wir uns treiben lassen. Können Treibsand nicht von neuen Horizonten, den Sumpf nicht von neuen Ufern unterscheiden.
Wir trauen uns nicht zu, einfach ins kalte Wasser zu springen und schwimmen zu lernen. Zu lange haben wir gelebt im Durchschnitte des Gebotenen, kennen keine extremen Gefühle mehr, wurden uns aberzogen, abgewöhnt. Und wir haben es geschehen lassen viel zu lange schon.
Es wird Zeit, daß wir erinnert werden, daß wir uns erinnern ...
> Inspiriert durch: "Verglichen mit dem Netz ist das Leben ein rechtsfreier Raum".
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