Von allen Herausforderungen, vor denen der Journalismus in diesen Jahren stand und steht, sind dies die ambitioniertesten. Nicht, weil sie von mir kommen, sondern weil alle anderen auf diesen hier beruhen, nicht aber den Kern der Sache - nämlich den Journalismus selbst - betreffen! Diese 3 zielen auf Herz, Hirn und Bauch des Journalismus. Ohnmacht
Warum gerade die mediaclinique dem Journalismus Ratschläge geben können sollte? Weil ich ein flammender Amateur (im besten Sinne des Wortes) des Journalismus bin!
Der Journalismus kann sich in der Breite nicht mehr an den eigenen Haaren aus dem Sumpfe des Boulevard, der Lethargie und des unendlichen Frustes über das eigene (selbstverursachte!) Schicksal ziehen. Zu stark ist er betriebsblind, zu sehr hört er auf die Einflüsterungen der Industrie, der Verleger, der Politik. Zu eng sind seine Scheuklappen des Tagesgeschäftes und des Hasses auf ein Medium, das gar keines ist.
Relevanz
Nur der Journalismus kann noch Information, Wissen, Weisheit an die Masse herantragen, sie zur Weiterentwicklung, zum Infragestellen des Status Quo der Welt animieren. Nur der Journalismus kann die Versäumnisse von Bildung und Erziehung auszugleichen beginnen. Nur er kann die Verfehlungen, Egoismen und Ungeheuerlichkeiten der Politik auf den Marktplatz der Eitelkeiten zerren und in aller Öffentlichkeit anprangern. Er muß es nur wollen.
Hybris
Aber heutzutage will er nicht mehr. Es fehlen die Vorbilder, es fehlen die Infrastruktur, die Hege und Pflege seines Egos, es fehlt die Kultur, in der er gedeihen kann. Er verarmt, weil man ihm den Nährboden aus Kreativität, Herausforderungen, Eigenverantwortung und unendlicher Zeit für eine Story entzieht.
Der Journalismus lebte schon immer in einer Analogie zu unserer 3-dimensionalen Welt. Seine Welt bestand aus: 1- Ich-Ich-Ich, 2 - Medium, 3 - Verleger.
Hin- und hergerissen zwischen diesen Dreien, war er der größte Fan seines Mediums, denn für ihn waren Medium und Verleger eins, untrennbar, wunderbar. Sie ließen ihn machen, damit er der größte Fan seines Egos, seines Selbstbewußtseins, seiner Ambitionen, seines Könnens sein konnte - und immer wieder und immer weiter über sich hinauswuchs! So entstanden Legenden! Intellektuelle Helden. Helden des Investigativen. Helden des Wortes!
Heutzutage haben wir nicht mehr mit Helden des Wortes, sondern meist mit Maulhelden des Boulevard zu tun, mit mehr oder weniger verkrachten Existenzen, deren (im doppelten Sinne:) Erfolgsstories Jahre zurückliegen, in Zeiten als die Presse noch frei war, die Meinung noch nicht gebeugt, das Wort noch nicht zensiert wurde mit den abenteuerlichsten Begründungen. Mit Maulhelden, die nur noch destruktiv über andere schreiben können, aber nicht mehr konstruktiv ins Geschehen eingreifen wollen.
Katharsis
Was also muß passieren? Im Grunde dreierlei, denn nur das Amalgam aller 3 Dimensionen kann das notwendige Drehmoment erzeugen, sich aus diesem Kaukasischen Kreidekreis zu befreien, in dem der Journalismus zwischen (und von) seinen 3 'Müttern' (Ich-Ich-Ich, Medium, Verleger) bei lebendigem Leibe auseinandergerissen wird. Im Grunde und zusammengefaßt ist es einfach eine gründliche, allumfassende Katharsis des Journalismus:
1 - Der Journalismus muß über sich selbst hinauswachsen
Der Journalismus steckt in einer Sinnkrise. Der Journalimus muß wieder das Selbstbewußtsein, den Mut und die Energie für große Geschichten entwickeln. Der Journalismus braucht Langmut bei der Storyentwicklung.
Vor allem aber muß er sich vom Traume der Instant Gratification verabschieden. Denn es gibt sie nirgendwo. Sie ist ein Strohfeuer, das keinen lange warmhält. Nur das Feuer in uns allen, das wir entdecken, Talent nennen und mit unserem leidenschaftlichen Tun nähren, bietet das Potential, uns lange und nachhaltig zu wärmen, uns zufriedener, ausgeglichener und erfolgreicher zu machen.
Vergeßt die boulevardesken Strohfeuer! Hört auf, die ap/dpa-Geschichten abzuschreiben. Sucht Euch Eure eigene Story! Sie ist da draussen. Sie wartet auf Euch. Sucht Euch Euer Thema! Eure Berufung. Werdet einzigartig! Dann gibt es keine Konkurrenz, keinen Wettbewerb! Keinen mehr, der nicht um Euch wirbt!
2 - Der Journalismus muß über 'sein' Medium hinauswachsen
Vergeßt das Medium, in dem Ihr arbeitet. Das Medium spielt keine Rolle. Es zählt nur die Geschichte. Es zählt nur der Journalismus. Es gibt keine Online/Offline-Dichotomie! Es gibt nur guten oder schlechten Journalismus! Der schlechte versagt überall - der gute wird sich auch im Internet durchsetzen. Keine Angst!
Zeitschriften benötigen Monate, um sich zu etablieren. Im Internet erwartet man gleiches in Tagen oder Wochen. Aber warum um Gottes Willen sollte es im Internet schneller gehen? Der Wettbewerb ist größer als am Kiosk, die Menschen nehmen sich weniger Zeit, und verweigern gar die Zahlung des Copy-Preises.
Das Internet ist eine Herausforderung, ja. Aber die größere Herausforderung ist die gute Story, der hochwertige Journalismus! Haben wir erstmal den hochwertigen Journalismus, ist der Rest ein Kinderspiel. Nicht in der Breite, klar, wer aber will schon Breite? Und schaffen es erstmal einige wenige, ist der Gordische Knoten gelöst und der Weg frei.
Und: Bitte schiebt die Taktfrequenz, zu der der Journalismus heute gezwungen wird, nicht auf das Medium. Die Taktfrequenz kommt vom Verleger!
3 - Der Journalismus muß über den Verleger hinauswachsen
Er muß sich befreien aus der (selbstverordneten) Abhängigkeit von Quantitäten. Nur Qualität zählt! Die Qualität sucht sich ihre Leser. Qualität findet ihre Werbekunden. Qualität hat einen höheren Impact. Qualität rechtfertigt höhere Preise - Qualität des Inhaltes und des Mediums!
Geschwindigkeit ist kontraproduktiv, übertriebene Effizienz ist kontraproduktiv. Slowfood ist wichtig für den ganzen Körper und Geist, für den ganzen Menschen. Genauso ist es beim Journalismus: In der Ruhe liegt die Kraft! Bei der Hefe, beim Sauerteig und bei einer guten Story!
Der Journalismus muß die Verleger verlassen, die die Qualität drücken, die Gewinne aus der Qualität pressen wollen, die nur an sich denken, nicht aber an den Leser.
Der Journalismus muß die Verleger hinter sich lassen, die jahrelang ihren Dornröschen-Schlaf geschlafen haben, und nun die Schuldigen dafür unter den Lesern, der Krise, oder gar Google suchen - nur nicht bei sich selbst.
Der aufrechte Journalismus sucht die Fehler zuerst bei sich selbst. Er klüngelt nicht mit der Politik, nicht mit der Wirtschaft, nicht mit der Macht, nicht mit dem Geld.
Der aufrechte Journalismus hat einen langfristig-objektiv ideellen Nutzen - für den einzelnen Leser, für die Gesellschaft und für sein Land. Der aufrechte Journalismus ist niemals kurzfristig-subjektiv materiell eingestellt und ausgerichtet! Der aufrechte Journalismus verläßt Verleger, die so denken und handeln, denn sie sind der Tod des Journalismus.
Zusammenfassend, denke ich, versteht man, daß man nicht mit einem einzelnen dieser Challenges allein durchstarten kann. Man muß alle gleichzeitig angehen. Man muß von vorne beginnen oder sich erinnern, wie es war, damals. Denn genauso war es damals - und es war gut so!
Man kann übrigens individuell alleine beginnen. Das Internet bietet heute die Möglichkeit zu vollkommener Freiheit und Eigenverantwortung, zur Kommunikation, zum Networking, zum Erfolg. Man braucht niemanden über sich, der für einen die Entscheidungen trifft, die Grenzen zieht, die Eigenverantwortung entzieht und das Rückgrat amputiert!
In diesem Sinne: Get well soon, geliebter Qualitätsjournalismus!
UPDATE
12:31 Uhr > "Kämpf' nicht gegen Google", Tagesspiegel.
14:09 Uhr > Na also, jetzt sagt Jeff Jarvis es auch (Der Journalismus muß über den Verleger hinauswachsen): "Advice to reporters: Don't let bosses block you from social networks or risk invisibility: http://bit.ly/1lOXSo".
13. Oktober
09:22 Uhr > “Der ideologische Widerstand, eigene Rollenbilder zu überdenken, ist groß” , CARTA (09.10.09).
15. Oktober
09:57 Uhr > "_susanne gaschke stillt ihren kommunikationshunger im falter", wirres. "Ätzt bloß nicht gegen das Netz, sonst droht der Aufstand im Kindergarten!", Susanne Gaschke im falter.
Recent Comments