Nun kommt sie also, die OSZE. Sie schickt Wahlbeobachter nach Deutschland, wie sie es sonst nur in totalitären Regimen, in Bananenrepubliken praktiziert, in intellektuell unwegsamen Gegenden, in denen Demokratie, Meinungs-, Presse- und Handlungsfreiheit mit Füßen getreten werden, in denen Korruption herrscht und das Internet zu Boden zensiert wird, oder?
Kultur oder Wie es dazu kommen konnte
Der kulturelle Graben, der Wirtschaft und (Online-)Gesellschaft, (Online-)Gesellschaft und Politik, Politik und Wandel, Wandel und verlegerischen Journalismus ("Netz ohne Gesetz") trennt, könnte größer kaum sein.
Nicht, daß der Graben sich verbreitert hätte, höchstwahrscheinlich keinen Millimeter, er wird nur langsam immer offensichtlicher ("Nehmt uns endlich ernst!), die impliziten Konsequenzen für unser aller Zukunft immer unerträglicher. (Perfiderweise erwarten uns die erschreckendsten Konsequenzen genau
dort, wo wir den Graben schon gar nicht mehr wahrnehmen, wo wir uns mit
der (Un-)Kultur der Wirtschaft, der Politik, des verlegerischen Journalismus längst abgefunden haben.)
Eine amorphe Masse, die sich der (vermeintlichen) Macht nicht mehr in den Weg stellt, wird geformt aus den Menschen. Eine amorphe Masse, die nicht mitdenkt, nicht muckt, nicht kritisiert oder sich gar interessen- oder überlebens-halber zusammenschließt.
Heute sind wir in der Masse nicht mehr mündige Bürger, nurmehr Geschöpfe, Produkte von
Politik, Wirtschaft und verlegerischem Journalismus. Wir werden nicht
mehr gefragt, ob wir dieses sinn-minimierte Verbot, jenes
nährwert-minimierte Produkt, diese intellekt-minimierte
Boulevardisierung wirklich noch wollen. Die Kultur der Demokratie wurde schleichend durch die ökonomische, parlamentarische und verlegerische Kultur der Diktatur abgelöst.
Kultur oder Das große Mißverständnis
Während Politik, Wirtschaft und verlegerischer Journalismus Kultur als reine 'Bodenbewirtschaftung' und die Sicherung ihrer persönlichen Scholle verstehen, sehen Online-Gesellschaft und der Wandel in ihr eher die 'Pflege geistiger Güter'.
Kultur jedoch war von Anfang an beides - zuallererst aber der Unterschied des Menschengeschaffenen gegenüber der Natur. Und selbst darin kommt die Überheblichkeit des unbehaartesten der Großen Menschenaffen zur Geltung: längst ist der Mensch der Natur entrückt und erschafft gottgleich sich seine Welt. Ist sogar größer als Gott selbst, kann er ihm doch die Worte in den Mund legen, die ihm selbst munden, nämlich sich als Mensch die Erde und ihre Geschöpfe untertan zu machen.
In dieser christlichsten aller Traditionen also leben Wirtschaft, Banken, Politik und verlegerischer Journalismus noch heute - haben sie den Höhepunkt ihrer Macht auch längst überschritten, wie selbst der Dümmste unter uns alleraorten bemerkt.
Der Rückzug der Massen in die Passivität
Längst verstehen sie die Menschen nicht mehr, die ihnen mit
Unabhängigkeit, Individualität und Ungeduld geradezu uneinholbar
vorauseilen.
Längst haben die Menschen sie durchschaut, längst wenden die Menschen sich ab von ihnen.
Längst haben die Menschen keine soziale Beziehung mehr zu Wirtschaft, Banken, Politik und verlegerischem Journalismus. Der Bonus, der in der Unwissenheit lag, ist aufgebraucht. Der Malus der Unberühr- und Unbelehrbarkeit hat Überhand genommen.
Zum Schutze der eigenen Psyche und Person entscheidet der Mensch in der Masse, sowieso nichts ändern zu können, akzeptiert die Parallelwelt aus Wirtschaft, Banken, Politik und verlegerischem Journalismus als notwendiges Übel und hofft, daß seine Kinder es einmal besser haben.
Die Vorherrschaft der rechten Gesinnung und Kultur
Vehement (und überflüssigerweise, haben sie doch längst gesiegt) wehren sich Banken, Wirtschaft, Politik und verlegerischer Journalismus allüberall gegen ihre immer offensichtlichere Inkompetenz in den grundlegendsten, menschlichen Talenten und Tugenden. Nein, natürlich nicht durch die Beseitigung dieser Inkompetenz, die Schließung dieser Lücke durch Wandel zum Besseren und eigene Weiterentwicklung, sondern durch die Tabuisierung dieser Lücke, durch die Illegalisierung ihrer Benennung, durch die Exklusion in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Im Grunde, um den Schein zu wahren.
Ihr Wunsch,
Sicherheit an die Stelle von Wandel, Fortschritt und Freiheit zu setzen, entspringt der eigenen Angst, in Kürze ohnmächtig
zu sein wie das Volke selbst.
Der Wunsch,
Meinungen, Kritik und Ideen zu
unterdrücken und ihrerseits Angst zu schüren, rührt aus der eigenen Profilneurose und dem Wissen um die entsprechende Inkompetenz.
Der Wunsch, die
Lüge durch Löschung zur Wahrheit zu erheben, fußt auf der ungesunden Einstellung, nicht ehrlich und authentisch sein zu dürfen, sondern nur profitabel und effektiv.
Der Wunsch,
Komplexität entgegenzuwirken,
entspricht der eigenen Unfähigkeit, die Welt zu begreifen, Muster zu
erkennen, nachhaltige Visionen zu entwickeln, das
Richtige zu tun (
via) und Wohlstand für alle zu
schaffen.
Kultur degeneriert (über die Flatrate!) zur Flatline
Eine derart statische, gar rückwärts-gerichtete Kultur jedoch, vernichtet am Ende doch immer nur sich selbst auf dem Umwege der Auslöschung
- ihrer konstruktivsten Kritiker,
- ihrer impliziten Vielfalt,
- ihrer Biotope und ihres Mutterbodens,
- ihrer eigenen Erneuerung, Zellteilung und Gen-Pool-Erweiterung.
Warum versteht die Politik nicht, daß nur ein freies Volk sie in die Geschichtsbücher bringt?
Warum versteht die Wirtschaft nicht, daß nur ein kreatives und innovatives Volk die Gewinne sprudeln läßt und die Unternehmen erfolgreich macht?
Warum versteht der verlegerische Journalismus nicht, daß nur ein wißbegieriges und intelligentes Volk ihn herausfordert und inspiriert?
Warum verstehen sie alle nicht, daß nur ein freies, engagiertes Volk sie alle über sich im Positiven hinauswachsen läßt?
Es kann keine eigene politische Kultur in Abgrenzung von der Gesellschaft geben, keine keine Internet-eigene Kultur, keine unternehmerische Kultur, keine Banken- und Marken-Kultur in Abgrenzung von der Gesellschaft. Die Atomisierung der Kultur ist ihr Ende. Die Atomisierung der Kultur wird uns nicht 'stärker als zuvor aus der Krise hervorgehen' lassen, wie Frau Merkel an jeder Ecke notlügt.
Evolutionäre Kultur oder Der Phönix aus der Asche
Es kann nur eine einzige, alles verbindende, in Systemen (und nicht Egoismen) denkende, evolutionäre Kultur geben, die das Millionen Jahre erfolgreiche Werk der Natur - Wandel, Vielfalt, Leben und Tod - auf weise(!) Art fortführt - ohne es zu ersetzen oder abzulösen. Eine Kultur eben der Vielfalt, Kreativität, Innovation.
Es kann nur eine einzige Kultur des Miteinander und nicht des Gegeneinander, eine einzige Kultur des Aufeinander-Einzahlens und nicht des Aufeinander-Einschlagens geben, eine einzige Kultur des Überflusses an Reizen, Meinungen, Ideen und Träumen, nicht deren Verbannung.
Es kann nur eine einzige Kultur der Kommunikation untereinander geben, des Dialoges, des gedanklichen und persönlichen Austausches, des Respektes vor der Andersartigkeit des Nächsten, seiner Wertschätzung.
Diese Chance ist nun bis 2013 vertan, denn woher sollte jetzt noch der Retter der deutschen Welt kommen (auch wenn sich jeder einzelne Politiker so versteht)?
Aber wir haben nun - auf dem Höhepunkt unseres Niederganges als Demokratie (in Wirtschaft, Politik und verlegerischem Journalismus) - die Möglichkeit, die Situation als Chance zu begreifen, aufzuwachen, aufzustehen und unsere Stimme im wahrsten Sinne des Wortes zu erheben.
In diesem Sinne > Deutschland: Get well soon!
UPDATE
12:47 Uhr > "Medienkampagne zur stärkeren Reglementierung des Internets?" , medienhandbuch. "Steinmeier fordert Ende der Dienstwagen-Debatte", spiegel. "Polizeigewerkschafter kritisieren 'Herumfummeln am Grundgesetz'", heise. "Mißverständnis: Verkehrsregeln im Netz", Markus, netzpolitik.
13:19 Uhr > "Netiquette zum x-ten", Bettina Winsemann, Telepolis.
17:14 Uhr > "Die große Elterngeld-Pleite", Carta. Man kann eben nicht alles mit Geld regeln. Höchstwahrscheinlich muß nun in den nächsten Tagen das Internet wieder leiden.
"Ulla Schmidt kommt Wirtschaftlichkeitsprüfung zuvor", Zeit. Sie zahlt selbst, obwohl sie alles richtig gemacht hat? Was soll das denn? Oder hat sie alles richtig gemacht, weil sie jetzt zahlt? Dann hat sie vorher alles falsch gemacht und ist blöd aufgefallen! Egal, was nun stimmt - hier stimmt ganz bestimmt was nicht!
18:19 Uhr > "Mit Logo, ohne Politik", Handelsblatt. "Warum die Dummheit des Internets ein Segen ist", Spiegel.
21:58 Uhr > "SPIEGEL-Redakteurin erklärt rechtsfreien Raum im ZDF", netzpolitik. Nicht schlecht. Genauso hätte sie bestimmt 'Abseits' erklärt. "Wir haben mehr zu bieten", WaehltVera. Hier sind vor allem die Kommentare zu empfehlen. Vielleicht sollte nicht nur die OSZE, sondern auch der Kammerjäger kommen.
11. August
09:14 Uhr > "Debatte um Parteienzulassung: Ausschuss-Mitglied wirft Wahlleiter Fehlverhalten vor", Spiegel.
15:15 Uhr > "Freund und Zensor: die Phantomdebatte um Verkehrsregeln im Netz", Carta.
17:15 Uhr > "Die Stille vor der Wahl", FAZ.
19:06 Uhr > "Steinmeier sagt mal zu allem etwas", taz. "Das Duell steht fest: Gegen wen Merkel und Steinmeier antreten", Fernsehblog. 'Duell' ist gut, da gibt es nchts zu duellieren. Angela sitzt den Wahlkampf aus, Steinmeier weiß keinen Rat!