Selten habe ich etwas zynischeres und perfideres gelesen als Beate Wedekinds so romantische Scrabblelei dieser Tage im European.
Um es gleich zu sagen: Ihr Artikel "Westerwelle wird sich beweisen müssen" ist KEIN Artikel über Westerwelle. Denn nach der Überschrift kommt "Westerwelle" zwischen dem 8. und 558. Wort nur ein einziges Mal (Wort 285) noch vor! Der Text zählt - ohne Fußnote - 572 Worte!
Es ist ein Artikel über BEATE WEDEKIND, ihre Ästhetik, Weltanschauung, ihre Idee von Gut und Böse. Und es ist ein Artikel über unsere Gesellschaft - so schaurig es anmutet - ein Artikel, den sie so nicht zu schreiben beabsichtigte.
Höchstwahrscheinlich hat sie in ihrer Bunte-Welt-Naivität nichtmal bemerkt, was sie dort zu Papier brachte.
Zu wenig reflektierte sie
augenscheinlich das Geschehene und Beschriebene, zu selbstverständlich
und politically correct empfand sie es, zu stolz war sie, dabei
sein zu dürfen, als daß sie erkannte, daß sie - feingliedrig und doch
ohne jedes Feingefühl - durch die Abgründe der menschlichen
Gesellschaft stapfte.
Ungewollt verbirgt sich in ihrer kurzen Geschichte das ganze Drama
unserer Gesellschaft, ihrer Borniertheit und engstirnigen Ausgrenzung
Andersdenkender - Wedekinds Intention diametral entgegengesetzt!
"Ich war an jenem Donnerstag zum Nachtmahl bei einem betagten Berliner Ehepaar eingeladen, das Kunst sammelt und gerne Gäste um sich hat. Sie feingliedrig und feinsinnig, er ein sanfter Riese, Selfmademan, der - aus der ehemaligen DDR stammend - es als Textilunternehmer zu einem stattlichen Vermögen gebracht hat."
> Natürlich, sie ist feingliedrig und er nicht fett. Nett, normal, neureich. Und die Randgruppe DDR eingebaut, sehr gut.
"Die abendliche Gesellschaft gemischt wie die der deutschen Hauptstadt: ein schwäbischer Fotograf aus Mitte, ein schwarzer Galerist aus NYC, ein Arztehepaar aus dem Grunewald, ein Leipziger Rechtsanwalt und seine Freundin, ein chilenischer Maler aus Lichtenberg, ein Bauunternehmer aus der Provinz und seine Architektin, die Gastgeber und ich."
> Die Welt der Beate Wedekind: Idylle. "Gesellschaft gemischt wie die der deutschen Hauptstadt". Sprich: Die bessere Gesellschaft und ein paar Exoten als Garnitur.
Die Hauptstadt aber besteht zu einem sehr großen Teil aus Armen, Migranten, Arbeitslosen, Obst- und Gemüsehändlern, Obdachlosen - das ist auch "Gesellschaft gemischt wie die der deutschen Hauptstadt". Die paßt aber nicht in die Welt der Beate Wedekind, und auch nicht in unsere, oder? Und noch eine Gruppe fehlt! Aber das blenden wir aus. Lassen uns lieber blenden vom gleißenden Licht der Belle Epoque, des So-tun-als-ob.
"Es gab pochiertes Ei auf Spinat mit einem Klacks Osietre Imperial, Erbsensuppe mit Hummerschwänzen, Maronencreme mit Schmand, Roederer Cristal, Montrachet, Tokajer, Leitungswasser."
> Natürlich, die einfachen Dingen des Lebens sind die besten. Das Leitungswasser gibt uns Bodenhaftung.
> Wem in der Wedekindschen Aufzählung oben die Juden/Verfolgten und Nazis fehlten, hier kommen schonmal erstere:
"Die Musik: Arnold Schönberg. Das Thema: Lyonel Feininger (1871-1956), der deutsch-amerikanische Künstler und erste Bauhaus-Meister; 378 seiner Werke 1937 als entartet gebrandmarkt."
> Natürlich! Schönberg. Zwölftonmusik! Etwas leichtes zum Nachtmahle.
> Und hier schleicht auch schon der heimliche Nazi um die Ecke:
"Nach dem Essen unterhielten wir Frauen uns beim Mokka über die Geliebten Picassos, die Männer hatten es beim Cognac nun mit der Politik. "Wir werden uns doch wohl nicht von einem schwulen Parteivorsitzenden gängeln lassen", gab einer der Männer, nicht der einzige FDP-Anhänger der Runde, wie beiläufig zum Besten. Guido Westerwelle - der Parteivorsitzende und nun wohl bald unser Außenminister - war am Tag zuvor als homosexuell geoutet worden."
> So weit, so gut. Sprüche, wie wir sie von jedem Stammtisch da draussen zu kennen glauben. Nie ernst gemeint und heute gegen Schwule, morgen gegen Blonde, Brillenträger, Opelfahrer, Politiker, Journalisten.
> Aber nicht so bei Wedekinds Gesellschaft, die irgendwie auch die tief in uns selbst lauernde ist. Hier nämlich kann man solche Äußerungen nicht dulden. Da wird nicht lange gefackelt, da wird opportunistisch gehandelt:
"Ein Wimpernschlag bestürztes Schweigen, dann ein scharfer Schlagabtausch zwischen Gastgeber und unbelehrbarem Gast und von uns anderen uneingeschränkte Solidarität mit dem homosexuellen Mann, mit einer dieser vielen kulturell und menschlich so wertvollen Gruppierungen, die Berlin bereichern und jenen unverwechselbaren Spirit geben, der sie von anderen Weltmetropolen unterscheidet."
> Da gibt es sofort Bekundigungen "uneingeschränkter Solidarität" mit, nein, nicht einfach mit dem Menschen Westerwelle, sondern mit "einer dieser vielen kulturell und menschlich so wertvollen Gruppierungen". Solidarität mit "Gruppierungen"? So, wie mit 'Insekten'? Solidarität mit irgendetwas, das man nicht mit Handschuhen anfaßt? "Gruppierungen" nur sind sie - und damit doch nicht ganz so wie wir selbst, oder?
> Wie heuchlerisch, zynisch und menschenverachtend diese "Solidarität"
mit Andersdenkenden und Andersseienden ist, äußert sich sublim darin,
daß es nur einen 'scharfen Schlagabtausch' gibt, statt eines einfachen, klärenden Dialoges. Schließlich ist der Betroffene immer auch ersteinmal Andersdenkender, der es vielleicht noch nicht besser weiß, mit dem man ersteinmal ganz normal kommunizieren kann. Man muß ihn nicht direkt ausweisen:
"Der Hausherr bat den Fotografen und den Maler, den Ewiggestrigen vor die Tür zu bringen. Die Begleitung des nun Unerwünschten schlich betreten hinterher."
> ... und äußert sich vor allem darin, daß die Schwulen (jaja, schwul, wie sich zwei Absätze später herausstellt: 'Fotograf und sein Mann') selbst den "Ewiggestrigen" rauswerfen müssen. Für die manuelle Drecksarbeit ist sich der Hausherr zu schade, die läßt er interessanterweise von den "Gruppierungen" erledigen (sie werden instrumentalisiert, vieleicht unter dem Vorwand ihnen Gerechtigkeit, Genugtuung gar widerfahren zu lassen!).
Übrigens, nicht nur der 'Täter' wird des Platzes verwiesen, sondern auch die in seiner Begleitung! ("Die
Begleitung des nun Unerwünschten schlich betreten hinterher.")
Sippenhaft par Excellence! Widerspruch und Verteidigung sind weder erwünscht noch
gehören diese an unseren Tisch. Unsere Diskurse finden ohne Widerspruch statt!
> Für die Drecksarbeit werden die "Gruppierungen" dann fürstlich entlohnt und alles ist wieder gut. Geht es ihnen deshalb besser? Sie sind instrumentalisiert und mit Geld beruhigt worden:
"Als die Luft rein war, entschuldigte sich die Gastgeberin kurz, kehrte mit einer Zeichnung von George Grosz zurück, auf der zwei elegante Herren zu sehen sind, die Arm in Arm an einem fetten Nazi und einer schlapp am Fahnenmast hängenden Hakenkreuz-Flagge vorbeischlendern."> "Als die Luft rein war"! Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen.
"Sie schenkte die kleine Pretiose dem Fotografen und seinem Mann; beseelt gingen die beiden in die Nacht, die anderen Gäste im Schlepptau."
> "Beseelt gingen die beiden in die Nacht". Bemerkten sie nicht, daß sie bezahlt wurden, daß sie nur geduldet sind, so lange sie sich verhalten, wie man von ihnen erwartet? Daß sie mit 30 Silberlingen ruhiggestellt wurden? Daß jeder Andersdenkende der nächste sein kann, der aus unserer Gesellschaft herausfliegt, wenn diese oder jene Mode es verlangt?
Warum wehrt sich niemand, sondern läßt den Gastgeber gewähren?
> Der Horror neigt sich dem Ende. Alles beruhigt sich. Das Schlimmste scheint überstanden ... Letzter Spannungsbogen! Thriller. Die Auflösung:
"Ich blieb auf ein letztes Glas Champagner. Die Dame des Hauses nahm schließlich ein Bündel von Briefen aus einer Lederschatulle. Sie ließ mich denjenigen lesen, in dem ihr Bruder ihr in wenigen Zeilen anvertraute, dass er Männer liebte. Der Brief datierte vom April 1942, fünf Monate später ist er 26-jährig im KZ Sachsenhausen ermordet worden."
> Vor 60 Jahren hat sich unser Volk an der Welt versündigt und eine Erbsünde auf sich geladen. Die Täter gehören bestraft, die Mitläufer sollten nicht schon wieder Mitläufer sein!
Zurecht dürfen und werden wir dies nie vergessen!
Ob dies aber auch rechtfertigt, derart ignorant und intolerant mit der Meinung anderer umzugehen, wie oben beschrieben, ist mehr als fraglich.
"Man hört, dass die Auftragslage des Ewiggestrigen alles andere als gut ist. Ich ahne, und Sie jetzt auch, warum. Westerwelle wird sich beweisen - müssen. Keine soziale, keine politische, keine menschliche Orientierung ist ein Freibrief."
> Natürlich: Die Moral kommt zum Schluß! Wer gegen Schwule redet, der ist bald am Boden, wird abgestraft von der ach so toleranten Gesellschaft - und natürlich von Gott, vielleicht auch von Westerwelle.
Beate Wedekind beschreibt ihre Welt, die gleichzeitig unsere Welt ist. Sie ist heuchlerisch und zynisch und menschenverachtend. Und wir merken es nichteinmal mehr.
Wir rotten uns zusammen und urteilen in einem "Wimpernschlag bestürzten Schweigens" über Menschen, statt ihnen zuzuhören, statt ihnen eine Chance zur Meinungsäußerung zu geben.
Wir tabuisieren, schließen aus, werfen raus und weisen aus! All das, was uns nicht paßt. Das ist einfacher als der Diskurs und macht jedem anderen (Andersdenkenden) auch unmißverständlich klar, wo es lang geht in dieser unserer ach so offenen Gesellschaft. Die Leitkultur hat wieder zugeschlagen!
Wir basteln uns ein Idyll und wollen darüberhinaus nichts wahrnehmen und wahrhaben. Wir wollen uns selbst belügen, weil wir sonst nicht ertragen können, wie arrogant, ignorant und intolerant wir mit den Menschen und der Welt um uns herum umgehen.
Wenn wir tolerant sein wollen, dann müssen wir tolerant gegenüber allen und allem sein,
nicht nur gegenüber denen, die uns gefallen. Toleranz darf keine Frage
der Zeit, der Mode, der Laune sein. Toleranz ist eine Menschenpflicht
und keine Marotte einer dekadenten Gesellschaft!
Es gibt ewige Werte in Kultur und Zivilisation. Richten wir uns nicht nach ihnen, sondern nach der neuesten Mode der Mächtigen/Gastgeber, laufen wir Gefahr morgen selbst die "Ewiggestrigen" zu sein, zB weil wir die letzten sind, die sich Toleranz noch leisten mögen.
Der naive und entlarvende Text von Beate Wedekind sollte uns die Augen öffnen und uns endlich uns selbst und nicht immer die anderen infragestellen lassen!
In diesem Sinne: Get well soon, Gesellschaft, Medien, Politik!
UPDATE
12:54 Uhr > "Wir sind das erste Online-Magazin, das auf pointierten Meinungsjournalismus im Netz setzt.
The European
ist die Marke, unter der künftig die Stimmen
das Wort haben, die wirklich von Bedeutung sind.", sagt Alexander
Görlach, Macher von The European, im Netzeitung-Interview.
> mediaclinique: "Start des European - mit klarer neoliberaler und medienpolitischer Ansage!".
16. Oktober
20:05 Uhr > Netzeitung zu European/Wedekind: "In ihrem jüngsten Beitrag erinnert sie zunächst an ein Menü, das sie am 22. Juli 2004 verzehrte (was vermuten lässt, dass Wedekind sämtliche Menükarten ihres Lebens archiviert, um sie bei Bedarf zitieren zu können)".
19. Oktober
13:35 Uhr > "Günter Wallraff und der alltägliche Rassismus in Deutschland", Chris von fixmbr.
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