Geschafft - 2009 - der letzte PRler ist an Bord, die Twittanic kann ablegen in Richtung Eisberg. Kate winselt schon.
Was also ist passiert?
Nun, wie immer, wenn sich nach 40 langen Jahren ein Neues Medium auch für den letzten durchsetzt (nein, noch nicht für die Politik, das Management, die Medienverantwortlichen und Journalisten), springen Agenturen, Kommunikations- und Medienberater auf den Wagen auf, um auch beim Schwager vorn zu sitzen und von nun an die Richtung vorzugeben.
Ein paar Jahre haben sie gebraucht, um die alte Logik auf die neue Welt zu übertragen, und ein paar Jahre brauchen sie noch, um das Netz (erstmal als Medium) so wirklich zu begreifen. Verstanden aber haben sie, daß die Logik des Geschäftes sich nicht geändert hat:
Dem (Marken- und Management-)Establishment reichen wiedermal Eyeballs - oder Kontakte, wie man im Deutschen sagt - um eine Aktion, einen Berater, eine Agentur als gut, erfahren, erfolgreich zu bezeichnen.
War es früher die Bekanntheit in der Branche, die Menge an Kontakten, der Spaß im Golf-Club, die Anzahl gewonnener Preise (in Wettbewerben voller Fakes, um dem Kunden etwas vorzugaukeln), sind es heute die Twitter-Follower, die Anzahlen selbstreferentieller Tweets (wenn es schon sonst niemand tut, muß man es eben wieder selbst machen) und die Anzahl(!) Empfehlungen/Zustimmungen in unsäglichen, die Tradition manifestierenden Tools wie Tweetranking.
Jetzt sitzen also wieder alle gemeinsam im ach so Neuen (und doch ewig gleichen) Boot, der Wein hat einen Neuen Schlauch, das Kind einen Neuen Namen, alle sind 'so klug als wie zuvor'. Neunmalklug.
Fröhlich im Kreise
Flöge das Twitter-Vöglein auf Höhe der Ozon-Schicht, könnte es von dort, neben dem Ego manches PRlers, den Kreis in der Größe des Deutschen Reiches von '88(19..!) erspähen, in dem sich die Social Media Berater followen, gegenseitig empfehlen, einander beweihräuchern, Mut, Links und Follower zusprechen, und sich mehr mit sich selbst beschäftigen als mit irgendetwas anderem.
Establishment
Spätestens der vodafone-fail hat uns allen in diesem Jahr bewiesen, daß weder Berater noch Kunden wissen, worum es bei Social Media wirklich geht. Hat bewiesen, daß Social Media zwar endlich im Mainstream der Buzzwordisierung des Marketings und der Income-Maximierung der Agenturen angekommen, es damit aber auch schon totgeschwatzt, ist. Glückwunsch!
Und ich möchte mich hier nicht nochmal zum "Mythos Social Media" auslassen.
Social Media ist endgültig im Establishment angekommen, der Social Media Berater endlich im Establishment akzeptiert. Hooray!
Die Revolution Social Networking ist vorbei. Die Neuen Herrscher sind die Tweetranker, die 10.000 Follower-Großgrundbesitzer, die nun mit dem Establishment heulen, um jedes noch so schwachsinnige Seminar, jeden noch so überflüssigen Workshop unter dem SM-Siegel an unbedarfte, unbeleckte Prä-Hartz-IVler im Marketing zu verkaufen, die aus Phantasielosigkeit nicht wissen, wie man dieses Geld besser im Sinne der Marke einsetzen könnte.
How to get there?
Wie schaff man es ins Establishment? Nun, indem man es nachahmt, seine Werte akzeptiert, zur Schau stellt und zelebriert.
Vor allem aber schafft man es ins Establishment, indem man der Revolution abschwört, indem man sich geläutert zeigt, indem man bereut, indem man (sich be-)lügt, man hätte das Geld gebraucht, indem man seine wahren Ideale verbirgt, sein Rückgrat im Vorzimmer an die Garderobe hängt und wie den Regenschirm vergißt.
Das Establishment erobert man, indem man sich von seinen alten Freunden trennt, selbst Verräter wird - und sie Verräter nennt.
Das Establishment erobert man, indem man ihm nach dem Munde redet, indem man nicht verkauft, was das Establishment wirklich braucht, Vielfalt, Kreativität, Mut, Risikobereitschaft, Zukunftsfähigkeit, sondern das, was das Establishment haben will: Bestätigung, daß man auf dem richtigen Wege ist, daß die Welt sich nicht so schnell ändert, wie mancher glauben machen möchte, daß die Menschen immer noch eine amorphe Masse sind, daß Werbung immer noch eine Lead-Funktion hat, daß ein Blog und ein Twitter-Account schon reichen, man keine Inhalte braucht, und schon gar keine 'dedicated person to handle it all'.
Die Rückseite der Medaille
Leider haben weder die betroffenen SM-Berater noch das Establishment verstanden, daß es nichts kontraproduktiveres als die Bestätigung des Status gibt, daß es nichts mediokeres gibt als das Festhalten an dem Bekannten, daß nichts weniger schnell erfolgreich macht als das Verharren im Traditionellen.
Leider nämlich interessiert keinen der neuen Konsumenten da draussen, daß man nun endlich die traditionellen Medien und Mechaniken verstanden hat (und doch nicht schon wieder Neue Medien und Logiken lernen kann).
Die Erde dreht sich inzwischen weiter, auch wenn sich Wirtschaft und Medien - in Tateinheit mit der Politik - alle Mühe geben, die eigenen Pfründe zu sichern und die Welt auf ihre eigene Geschwindigkeit zu verlangsamen.
Ginge es nach ihnen, wäre die Erde eh längst wieder eine Scheibe und sie selbst stünden in ihrem Mittelpunkt, um den sich alles drehte mit 33 rpm.
In diesem Sinne: Get well soon, Social Media Guru!
Part 02 der kleinen Guru-Serie. Part 01: "Das Gespenst des Social Media Guru".
UPDATE
10:50 Uhr > "Wieso ich Twitter gerade nicht so mag", amendedestages. Wahre Worte, in und zwischen den Zeilen.
mediaclinique

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