Natürlich, natürlich, das vergessen wir immer wieder, wenn uns die Politiker nicht selbst daran erinnern, sie selbst sind auch nur Menschen, mit Fehlern und Schwächen wie wir, die Menschen aus dem Volke.
So reden sie zumindest, sobald sie merken, dass es für sie wieder um die Wurst geht, die ihnen Otto Normalverbraucher vom Brot nehmen könnte. Übrigens zurecht wieder vom Brot nehmen könnte.
In ihren Reden sind sie großmütig, bescheiden, staatsmännisch, unsere Politiker und Wirtschaftsbosse, unsere Männer aus dem Volke, die es mit harter Arbeit, unermüdlichem Einsatz, und natürlich unbestreitbaren Leistungen schließlich in langen Jahren zu etwas gebracht haben. Diese Männer können doch nicht schlecht sein, gar schlecht für's Volk, seine Zukunft und seinen Wohlstand. Oder?
Nun - erstens - sind sie natürlich nicht normale Menschen, denn sie regieren über 80 Millionen Menschen, ein ganzes Land, richten über unser aller Zukunft, unser aller Wohlergehen und unser aller Wohlstand. Da kann man wohl Besonderheit unterstellen und Besonderheit fordern. Besonderheit im Verhalten, in der Kompetenz und Expertise, Besonderheit in Moral und Ethik, in Zivilcourage und Mut, Rückgrat, Ehrlichkeit und Anstand. Besonderheit in Vorbildlichkeit und Inspiration.
Besonderheit in Weisheit, Kenntnis menschlicher Abgründe und der natürlichen Aversion, diese zu vermeiden, auch und gerade wenn keiner guckt. Sich selbst am stärksten verpflichtet sein, damit man noch in den Spiegel gucken kann des Morgens.
Interessanterweise haben sie sich längst selbst der geforderten Ehrlichkeit, des geforderten Anstandes enthoben, prophylaktisch sozusagen, haben sich demaskiert als manische Egoisten, die jede, aber auch nur die kleinste, negative Konsequenz, die sich aus eigenem Fehlverhalten ergeben könnte, kategorisch ablehnen.
Denn - zweitens - warum sonst haben Fehltritte und Rücktritte keinerlei Konsequenzen? Warum sind Rücktritte die beste Alternative, die einem Politikerleben zustoßen kann, um für immer ausgesorgt zu haben? Wie kann es sein, dass Lug und Betrug keinerlei Konsequenz zeitigen außer nun endlich gar nicht mehr arbeiten (oder so tun) zu müssen?
Während die Bäckereifachverkäuferin ihren Job verliert, wg. eines heimlich gegessenen Brötchens, ihre Rentenbeitragszahlungen in der folgenden Arbeitslosigkeit auf ein Minimum fallen, ihre Fallhöhe unendlich höher ist (denn sie kann weder bei Maschmeyers Urlaub machen, noch sich bei Geerkens 500.000Euro leihen, noch unter eine Vorstandsdecke schlüpfen, noch die Abgeschiedenheit eines europäischen Pöstchens genießen), wird des politischen (Vertrauens-)Diebes Tat noch geadelt durch 200.000Euro jährlich auf Lebenszeit, ein Büro, ein Auto(?), eine Sekretärin.
Man bedenke - drittens - die Perversion des Versorgungsgedankens. Denn die sich selbst großzügig für eigene Leistungen gewährte, fürstliche Versorgung, bei Christian Wulff kommen so mindestens 8Millionen Euro zusammen, sorgt doch beim arg verdorbenen Gemüt der politischen Kaste erst dafür, dass man an seinem Posten klebt, egal, ob man Sauerland in Duisburg heißt oder Wulff auf Bellevue.
Hätte man keinen Verlust zu befürchten, fiele die Wahl leichter für eigene Fehler einzustehen. Hier ist der Preis zu hoch. So selbstlos ist kein Politiker mehr in diesen Tagen - da drehen sich selbst die Väter des Grundgesetzes immer wieder in ihren Gräbern schlaf- und verständnislos herum.
Tugenden sucht man beim landläufigen Politiker vergebens. Hat sie abgestreift auf dem Wege an die Macht, an die Futtertröge des Staates, des Volkes eigentlich, Gelder, die einem nicht zustehen, für die ein, zwei Reden, die man sich hat schreiben lassen, und doch nicht hat verstanden.
Gottgleich fühlen sie sich, unangreifbar, entrückt jeder Realität, jenseits jeder irdischen Gerichtsbarkeit, nur ihrem Gewissen verpflichtet, dessen sie sich längst entledigt hatten, vor langer Zeit, zu schwer wurde die Bürde, erinnert zu werden an dieses Gute im normalen Menschen, die Güte, den Sinn für Gerechtigkeit, für Ehrlichkeit, Charakter, Seele und Herz.
Und gerade vor Weihnachten erwartet man vom Bürger besondere Barmherzigkeit, Altruismus, Nächstenliebe, besondere Christlichkeit, Ehrlichkeit, besondere Tugenden im Umgang mit dem Nächsten, mit dem eigenen Selbst. Erwartet Innere Einkehr, Reflexion, Buße und Abbitte für die Verfehlungen des Jahres und der Jahrzehnte ... die nächste Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten wird es zeigen.
Nur nicht bei sich selbst. Hier ist der Politiker wieder nicht 'normal', wieder nicht nur einfacher Mensch, der sich Gottes Regeln unterwerfen sollte und vorbildlich vorangehen, sich Moral und Ethik unterwerfen und sein Schicksal in Demut und göttlicher Gerechtigkeit ertragen sollte. Da ist der Christ im Christian sich wieder gottgleich selbst der Nächste. Wartet auf ein Wunder, das alle Unterlagen, alle Erinnerung, und Akten vernichtet, und den ungewollt Strauchelnden mit weißer Weste zur Weihnachtsansprache wieder auferstehen läßt.
Wir dagegen, die wir tatsächlich nur Menschen, nur Steuerzahler, nur Bürger sind, erwarten das Wunder, das einen Politiker ganz einfach zu seinen Fehlern stehen läßt, menschlich, und ebenso menschlich die Konsequenzen dafür annehmen läßt.