'Der freie Wille'" mit seinem Untertitel 'Die Evolution einer Illusion' ist aus zwei Gründen ein bemerkenwertes kleines Buch:
1 - wg. seiner sehr leicht verständlichen Darstellung, daß unser freier Wille gar nicht so frei, sondern nur eine Illusion - immerhin jedoch eine sehr sinnvolle - ist und
2 - wg. seiner Meinung, daß die relevanten Personen im Staate uns selbst diese Illusion zunehmend vorenthalten.
1 - Der freie Wille - Eine Illusion
"Viele Hirnforscher sind heute der Ansicht: Jeder Mensch ist, wie er ist, und kann nicht anders sein; sein Gehirn gibt den Ton an, er führt nur aus, was das Gehirn ihm sagt."
Wir fühlen uns frei und das ist auch gut so. Wir entscheiden, was wir tun und was wir lassen, was wir lieben und was wir hassen - denken wir zumindest.
Denn es bleibt sehr wenig an willentlicher Entscheidung am Ende des Buches übrig. Die Gene übernehmen ihren Teil, die Instinkte und Reflexe, das Unterbewußtsein, die Intuition, die Prägung durch die Eltern, die Schule, Kollegen und Gesellschaft, der Wunsch des eigenen Akzeptiertseins und Geachtetwerden von denen, die wir lieben, bewundern, von denen wir abhängig(!) sind, die elektrischen Signale, die fließen, kurz bevor wir selbst erfahren, daß eigentlich wir etwas tun wollen.
Nein, es bleibt nichts übrig an freiem Willen. Aber es gibt einen eigenen, individuellen Willen. Und der sagt uns ua., daß wir uns weiterhin der Illusion hingeben sollten, frei entscheiden zu können. Denn schließlich wäre sonst alles vorherbestimmt, niemand müsse die Verantwortung übernehmen für sein Tun und Lassen, für sein Lieben und Hassen. Er könnte Morden und Raubschatzen und wäre nichteinmal verantwortlich zu machen für dieses Etwas, was außerhalb seiner Macht, seiner Verantwortung, seines Willens läge.
(Hier jedoch schiebt Wuketits zurecht einen Riegel vor: "Ein Verzicht auf den Begriff der persönlichen Schuld und der Vergeltungsstrafe ... bedeutet aber keineswegs einen Verzicht auf Bestrafung einer Tat als Verletzung gesellschaftlicher Normen.")
Und: "Wer glaubt, über einen freien Willen zu verfügen, darf das getrost auch weiterhin tun. Diejenigen von uns, die nicht (mehr) daran glauben, brauchen aber weder zu verzweifeln noch sich als zwanghafte Wesen zu fühlen." Wir sollten so weiterleben als wäre nichts geschehn. Wir sollten uns nur der tieferen Bedeutung der Tatsache bewußt sein.
Trotz allem also bleiben wir ein Wesen "mit der Fähigkeit, über sich selbst, seine eigene Vergangenheit und mögliche Zukunft kritisch nachzudenken und zu sich selbst gleichsam in Distanz zu treten."
2 - Der Kampf des Staates gegen die Willensfreiheit
"Inzwischen - und dies ist mein abschließender Gedanke - ist die Illusion der Willensfreiheit als positiver Lebensfaktor bedroht.
Politik, Justiz und Wirtschaft greifen immer stärker in das Leben jedes Einzelnen ein und beginnen, ihn (und sie) der Illusion eigener Freheit zu berauben."
"Für den, der kritisch um sich blickt, ist nicht mehr zu übersehen, daß der Einzelne zunehmend politischen und bürokratischen Kräften und damit der Fremdbestimmung ausgesetzt ist."
"Wollen wir unser Leben den 'Kontroll-Behörden' ausliefern oder ihnen unseren eigenen Willen, wenn der auch nicht frei ist, entgegensetzen?
Davon wird in Zukunft, wie schon bisher, unser eigenes Wohlbefinden abhängen. Denn wenn der freie Wille auch nur eine Illusion ist - er vermag uns subjektiv in einen weit besseren Zusatnd zu versetzen als jede Kontrollbehörde. Und darauf kommt es letztlich an."
Soweit das Buch. Irgendwie interessant, daß an jeder Ecke jemand bemerkt, daß unsere Gedanken-, Entscheidungs- und Handlungsfreiheit ausgehöhlt wird, die Politik aber selbst im Superwahljahr lustig auf diesem selbstmörderischen Pfade weiter voranschreiten kann, ohne daß sich Widerstand unter den Opfern - also uns - rührt.
Sind wir so unfrei, daß wir gar nicht mehr merken, was uns langsam aber sicher noch unfreier macht?
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