Immer wieder hört man, daß Vorbilder einen beflügeln, daß man Vorbilder braucht, um besser, schneller, höher zu kommen, zu werden zu sein, daß Vorbilder dabei helfen, eine eigene Identität zu entwickeln.
Immer wieder hört man ebenso, daß die Manager, Politiker, Sportler dort draussen nicht mehr wirklich zum Vorbild taugen.
"Gerade am Arbeitsplatz können vorbildliche Kollegen und Vorgesetzte ein Quell des Ansporns sein", schreibt Jörg Oberwittler vor kurzem in der FAZ.
Einige Anmerkungen dazu:
1 - Semantik
Ich hoffe, der Autor subsumiert 'Mitarbeiter' unter 'Kollegen', denn am ehesten kann man heutzutage von Mitarbeitern lernen.
Sie sind jünger, sie kommen entweder aus dem Studium oder einem anderen Job, sie bringen damit eine vollkommen neue und relevante Sicht der Dinge mit. Sie kommen aus einem anderen Umfeld und können somit neue Erfahrungen einbringen. Sie denken noch frei und sind noch nicht betriebsblind, sie haben noch keine Blinden Flecken und sehen daher noch das ganze Bild. Sie sind im Zweifel offener für Neues, sonst hätten sie zB nicht den Job gewechselt. Sie sind neugierig, wißbegierig, veränderungswillig - aus dem gleichen Grunde.
Die Mitarbeiter, die schon länger im Unternehmen sind, haben zumindest noch ein anderes Umfeld, kennen und arbeiteen mit anderen Leuten zusammen als man selbst, können also auch viel Neues einbringen.
Die Mitarbeiter sind noch nicht allzu korrumpiert von der Macht, den Felgen und sonstigen Boni wie man selbst. Sie könnten noch eine ungeschminkte Meinung äußern, würden Sie ihnen Vertrauen schenken und würden sie Ihnen Vertrauen schenken. Ein unbezahlbarer Vorteil und Quell vorbildlichen Verhaltens.
2 - Inhalt I
"Charme, Intelligenz, Problemlösungs- und Kommunikationskompetenz, aber auch Rücksichtnahme, Authentizität und ethisches Handeln" stehen laut Peter Walschburger, Biopsychologe von der Freien Universität Berlin, "ganz oben auf der Wunschliste".
Wie traurig ist das denn, daß man dafür Vorbilder braucht? Wo sind die Eltern, Lehrer, Professoren, die einem dies beibringen?
Wo ist der eigene Charakter, das eigene Empfinden, dies zu den normalsten Grundlagen menschlichen Zusammenlebens zu machen?
3 - Arbeits- vs. Privatleben
Wieso braucht man gerade am Arbeitsplatz besonderen Ansporn durch Vorbilder?
Einfacher wäre es, jeder Einzelne würde in sich gehen und prüfen, wie er sich privat gegenüber Partner, Freunden, Familie und Verwandten verhält - und dieses Verhalten dann auf sein Verhalten am Arbeitsplatz überträgt.
In den allermeisten Fällen ist man im Privatleben in den allermeisten Situationen voller "Charme, Intelligenz, Problemlösungs- und Kommunikationskompetenz, aber auch Rücksichtnahme, Authentizität"!
Dafür benötigt man nun wirklich kein Vorbild. Dafür sollte man sich selbst Vorbild genug sein.
4 - Inhalt II
Vorbilder braucht man für ein ethisches Handeln, für vorausschauendes Handeln, für den Umgang mit Ressourcen, für ein strategisches, visionäres und inspirierendes Denken und Handeln.
Vorbilder braucht man für das logische und intuitive Denken, Entscheiden und Handeln. Vorbilder braucht man, um über sich hinauszuwachsen. Vorbilder braucht man, um neue Horizonte zu entdecken, neue Wege zu beschreiten und diese auch zu Ende zu gehen.
Vorbilder braucht man, um zu erkennen, wie wichtig Vorbilder sind.
Vorbilder braucht man, um selbst bescheiden zu bleiben und zu erkennen, daß man nie auslernt.
Vorbilder braucht man, um zu erkennen, daß man nicht nicht Vorbild sein kann!
> Auf das Witzer-Buch im Artikel bin ich absichtlich nicht eingegangen, denn dazu habe ich schon 2006 meine Meinung gesagt, als der inspiration/leader noch äußerst sporadisch erschien.



