Wer leistet noch in diesen Tagen und ist sein Geld wert? Der Arbeitslose? Der Politiker? Der Fußballer? Der Mananger? Kann die Gesellschaft den Einzelnen retten oder muß dieser die Gesellschaft retten? Von Ralf Schwartz.
Zur Einstimmung der Philosoph Peter Sloterdijk im Gespräch über Spekulation, Größenwahn, Gier und das Ende unseres High-Speed-Zeitalters - zu lesen im manager-magazin (hier die Druckversion, sonst muß man sich durch 6 Seiten clicken).
Ich möchte nur den zentralen Teil wiedergeben, in dem Sloterdijk erklärt, daß neben dem Tötungsverbot das Eifersuchtsverbot eine Gesellschaft am Leben erhält und wir beide Verbote nicht mehr wirklich beachten:
"Man darf aber nicht übersehen, dass es neben dem Tötungsverbot überall
auch ein zweites Urverbot gibt, nämlich das Verbot der aktiven und der
passiven Eifersucht: Du sollst weder begehren, was andere Menschen
haben, noch andere Menschen eifersüchtig machen auf das, was du hast
und was dich auszeichnet. Dieses Gebot stellt die wichtigste
psychosoziale Hygieneregel in allen Zivilisationen dar, es wurde in
einer jahrtausendelangen moralischen Evolution erarbeitet - es ist die
Regel, durch die das Aufflammen der Gewalt verhindert wird. René Girard
hat diese Zusammenhänge in seinen Studien über den Zweikampf und die
mimetische Rivalität in den Weltkulturen durchleuchtet.
Wenn man hingegen, wie wir es tun, die Eifersuchtskonflikte
systematisch aufheizt, um das Betriebsklima einer "Konsumgesellschaft"
herzustellen, sind früher oder später moralische Desorientierung und
psychische Inflation die Folge. Folglich müssen wir versuchen, entweder
den Reichtum zu teilen, oder, wenn er schon ungleich verteilt sein
soll, ihn diskret zu machen und wenn möglich durch Mehrleistung zu
rechtfertigen.
Heute hingegen hat sich ein Fortuna-Kult durchgesetzt, mit dem die
Göttin des Zufalls gefeiert wird. Was aber ist ungerechter als der
Zufall? Im Grunde genommen leben wir seit dem 19. Jahrhundert in einer
neofatalistischen Religion, in der man eine launenhafte Göttin, die
Freundin der Sieger, anbetet. Sie ist die Göttin der Stadien, die
Göttin der Börsen und die Göttin der erotischen Duelle, sie ist immer
zur Stelle, wo es Sieger und Verlierer gibt. Ihre auffälligste
Eigenschaft ist, dass sie nie sagt, warum sie den einen bevorzugt und
den anderen ignoriert. Begründungen sind nicht ihre Stärke."
Ich gehe den einen Schritt weiter und behaupte, wenn das Eifersuchtsverbot richtig durchgesetzt wird, braucht man kein Tötungsverbot mehr, denn dieses ist unter ersterem subsumiert - aber dies nur am Rande.
Wichtiger sind die Konsequenzen aus einem Verzicht auf den Fortuna-Kult!
Ich denke, wir sind heute gar nicht mehr fähig, ohne ihn auszukommen, wir haben nichts gelernt und wollen auch nichts lernen, wir kassieren Transferzahlungen und sind glücklich in unserem Nichtstun und der instanten Belohnung, die wir ohne irgendeine wirkliche Gegenleistung erhalten. Siehe hier bitte nicht nur Arbeitslose, sondern uns alle, Politiker und Medien, die Postbank-Vorstände, die nun 11 Millionen Euro erhalten, weil sie den Besitzer wechseln. Wenn das nicht grenzenlose Fortune ist!?
Der Fortuna-Kult ist etabliert und institutionalisiert in all unseren Systemen, sei es Bildung, Erziehung, Management, Politik, Medien oder Gesellschaft. Würden wir ihn extrahieren, würde das System zusammenbrechen, weil wir alle vor dem Nichts stünden. Wir hätten kein Ziel, keine Bildung, keine Kompetenzen, wir hätten nur unsere Skandale, unsere Networkings der Durchschnittlichkeit, unseren allumfassenden Egoismus, der uns reich machen soll auf Kosten der anderen.
Wir sind also beliebt, weil wir bekannt sind, nicht, weil wir etwas geleistet hätten. Wir sind bekannt, weil wir verzweifelt genug waren, uns zu verkaufen. Nur zufällig fiel die Wahl auf uns. Nur zufällig waren wir am rechten Platz zur rechten Zeit. In der nächste Woche, Staffel, Saison schon ist der nächste nur zufällig Erwählte dran. Es geht nicht um den Menschen, es geht um den Zirkus. Wir sind die neuen Clowns, die neuen uns selbst beklatschenden Seehunde. Sehen den stinkenden Fisch als Kaviar.
Nur der Einzelne kann diese Teufelsspirale verlassen, nur der Einzelne kann sagen 'Schluß jetzt!', denn Politik, Medien und Konsum sind unrettbar verstrickt und werden nur tun, was die Masse wünscht.
Nur die vielen Einzelnen also können den rechten Weg weisen, den steinigen Weg, den Weg der kommenden Entbehrungen, aber auch der tieferen, weil begründeten und verdienten (im wahrsten Sinne des Wortes) Zufriedenheit.
Nur die vielen Einzelnen können den Weg beschreiten weg von der Alimentation, weg vom Transfer, weg von der Blase, weg von der Täuschung und Selbsttäuschung.
Mache jeder Einzelne sich unabhängig vom Transfer, kultiviere er sein Talent, seine Fähigkeiten, vervollkommne er seine Kompetenz und kämpfe er darum, seine wirklichen Leistungen demonstrieren zu dürfen, und dafür und nur dafür wieder gerecht belohnt zu werden.
> Läßt man sich diesen letzten Satz in Ruhe durch den Kopf gehen, überlegt man sich in Ruhe die Konsequenzen, dann erkennt man, wie weit wir alle von einer Lösung entfernt sind!
> Man erkennt aber auch, wie wichtig es ist, endlich zu beginnen, endlich Vorbild zu sein und in die richtige Richtung zu gehen, endlich die anderen zu inspirieren. Denn jeder kann sich bei jeder eigenen Aktivität fragen: Bringe ich wirkliche Leistung? Mach ich mit meinem Tun einen Unterschied? Schaffe ich damit Wert? Würde man mich vermissen?
Und er könnte nur noch jene bewundern, unterstützen und fördern, die eben dies tun! Oder?
Der Einzelne ist der Anfang von allem.
> Und vielleicht ist dies ein guter Anfang! > Wir retten unser Stadtarchiv! > koelner-stadtarchiv.de